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»A Moon Shaped Pool«

Radiohead

Sind Radiohead abseits des Tamtams um die Geheimnistuerei ihrer Veröffentlichungspolitik eigentlich immer noch state of the art oder ergehen sie sich nur noch in öden Manierismen? Selten stritt die Redaktion auf derart hohem künstlerischem Niveau.
Geschrieben am

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Um es gleich vorweg zu nehmen: Natürlich ist dieses Radiohead-Album nicht schlecht. Wie könnte es auch? Trotzdem: Es ist enttäuschend. Einzig aus dem Grund, weil die britischen Experimental-Popstars ihr Potenzial nicht ausschöpfen und stattdessen in der Zwanglosigkeit der Unbestimmtheit verharren. Nach all den hybriden, andeutungsvollen Ambient-Alben der letzten 15 Jahre wäre es endlich mal wieder an der Zeit gewesen, ein Statement zu setzen. Und es geht ja eigentlich auch schon gut los: »Burn The Witch« ist mit seinen sägenden Streichern ein drückendes Statement, das in seiner emotionalen Dringlichkeit sogar an die Melodramatik der chinesischen Oper erinnert. Danach fallen Radiohead aber in alte Muster zurück: Der Singsang Thom Yorkes mit sachten Beat-Gerüsten und blümerantem Sound-Ornament ist reines Radiohead-Format und führt nirgendwo hin, und es ist bezeichnend, wenn schon eine akustische Folk-Gitarre wie in »Desert Island Desk« oder »The Numbers« wie eine Erlösung wirkt. Aber Eindeutigkeiten wie diese bleiben die Ausnahme, die Band verharrt in ihrer Welt und treibt ihre Sound-Experimente nicht weiter voran als bis ins bloße Radiohead-System, das sich seit »OK Computer« schon zu oft wiederholt hat. Viel zu wenig weist einen Weg, zu viel bleibt in der komfortablen Radiohead-Kaste stecken, alles ist gut, aber nur in Details neu. Ich fühle mich sicher nicht wohl dabei, an diese Band andere Anforderungen zu stellen als an andere. Aber ob ihres bereits bewiesenen Genies muss man einfach sagen, das Kraut-Rock-Versatzstücke und fliegende Gitarren- und Harmonie-Figuren vielleicht Zerstreuung bieten oder Ausweg sind, aber keine Lösung.

Christian Steinbrink

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Lieber Christian, ich gebe dir recht: Radiohead erfinden mit diesem Album den Kern ihrer Kunst nicht neu – und das ist gut so! Wertkonservatives Festhalten an der bewährten Selbstbezogenheit ist eben doch ein letztlich überzeugender Ansatz. Der Reiz auf Album Nummer Neun liegt nunmehr in der Verfeinerung von liebgewonnenen Mustern und Manierismen, was glücklicherweise aber nicht bedeutet, dass die Briten dabei auf Autopilot stellen würden. Zwischen Psych-Folk, cineastischen Brüchen und Klaviermusik ist die Band so dicht zusammen gerückt wie niemals zuvor, was »A Moon Shaped Pool« im Gesamten zum vielleicht konsistentesten Werk der ewigen Soundtüftler werden lässt. Da stört es sicher nicht, dass die Mannen um Thom Yorke auch hier wieder komplett auf langweilige Eingängigkeit oder laute Statements verzichten, sondern den geneigten Hörer viel lieber mit kongenialen und unerwarteten Sound-Details in Verzückung versetzen. Man höre das Solo von Johny Greenwood in »Identikit« oder das an Filmmusik erinnernde Outro in »Daydreaming«! In diesen Momenten sind Radiohead so nah bei sich wie seit langer Zeit nicht mehr und das zerfahrene letzte Album »The King Of Limbs« ist komplett vergessen. Am Ende steht die Gewissheit, dass es Radiohead anno 2016 immer noch auf beeindruckende Weise schaffen, den Hörer in ihre stilbildende Atmosphäre aus tiefer Melancholie und gleichzeitiger Erhabenheit eintauchen zu lassen und ihn mit spielerischer Leichtigkeit immer weiter an sich binden.

Kai Wichelmann

Radiohead

A Moon Shaped Pool

Release: 10.05.2016

℗ 2016 XL Recordings

Radiohead »A Moon Shaped Pool« (XL / Beggars / Indigo / VÖ 08.05.2016)