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Kid A

Radiohead

„Everything In Its Right Place“ heißt der Auftakter, dessen Refrain sich wie das Motto zur Platte liest. Radiohead klingen hörbar gelöst, beinahe scheint es, als ob sie während der Aufnahmen ein paar Zentimenter über dem Boden geschwebt wären, so leichtfüßig kommt „Kid A“ daher. Alles fließt quirlig
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Autor: intro.de

„Everything In Its Right Place“ heißt der Auftakter, dessen Refrain sich wie das Motto zur Platte liest. Radiohead klingen hörbar gelöst, beinahe scheint es, als ob sie während der Aufnahmen ein paar Zentimenter über dem Boden geschwebt wären, so leichtfüßig kommt „Kid A“ daher. Alles fließt quirlig durcheinander, statt schwerer Beats und Gitarren flirren Sounds durch den Äther, die wie eine von weit her gewehte Orchesterprobe klingen. Gesang und Instrumente umspielen einander elfenhaft. Die Musik gehorcht hier den Gesetzen eines möglichst transparenten Sounds, klang- und modulationsverliebt, ohne allzu großen Wert auf herkömmliche Songstrukturen zu legen. Nur eine Nummer, „The National Anthem“, klingt noch pompös und dicht komponiert, ist mit aufwallendem BigBand-Freejazz im Sun Ra-Stil aber auch alles andere als konventionell geraten. Aber „Kid A“, die Radiohead-Platte, die so weit draußen ist wie keine andere bisher, läßt sich mit Fragen nach Konventionen allemal nicht fassen. Ein Großteil dessen, was hier musikalisch passiert, stößt erst einmal dank kühner Mischungen beim Hören vor den Kopf. Zwischen Drum’n’Bass-Rhythmen, nachbearbeiteten, verfremdeten und überlagerten Gesangsspuren und sinfonischen Keyboard-Sounds findet „Kid A“ nicht mehr zu einem Stil, sondern wirbelt Stile zu einer möglichst effektvollen Klangsuppe zusammen. Späte Talk Talk kommen da in den Sinn und auch Tim Buckley zur „Lorca“-Phase, all das jedoch mit einem gehörigen Pathos versehen, das für einige Momente ganz stark nach Led Zeppelins „Houses Of The Holy“ klingt. Radiohead haben das technische und stilistische Repertoire unserer Zeit genutzt, um eine Artrock-, nein Artpop-Platte auf höchstem Niveau einzuspielen. Absolut eklektizistisch und überdreht lassen sie nichts aus, was zur Effektsteigerung dienen kann. Und so endet „Kid A“ wie einst das Weiße Album der Beatles mit einem trunkenen Schlaflied voller süß einlullender Harfenklänge. Pop als große Geste der Versöhnung trotz aller Melancholie, die diese Platte durchzieht. Am Ende bleibt doch die verführerische Botschaft: Alles wird gut.