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OK Computer

Radiohead

Gut ein Jahr haben die britischen Ausnahme-Newcomer des Jahres ‘95 an diesem Album gearbeitet. Längst werden sie als kommende Stadionband, künftige Golf- und Kanzelgefährten der VOX' und STIPEs dieser Welt und damit fernab jeglicher in diesem Stadion sonst noch so gern diskutierten Eintagsfliegenmen
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Autor: intro.de

Gut ein Jahr haben die britischen Ausnahme-Newcomer des Jahres ‘95 an diesem Album gearbeitet. Längst werden sie als kommende Stadionband, künftige Golf- und Kanzelgefährten der VOX' und STIPEs dieser Welt und damit fernab jeglicher in diesem Stadion sonst noch so gern diskutierten Eintagsfliegenmentalität und Hype-Anhängigkeiten gehandelt. 'OK Computer' unterstreicht diesen Status überaus eindrucksvoll, ... und das, obwohl sich das Quartett mit den neuen Songs durch die Bank weiter hinaus gewagt hat, als es wahrscheinlich irgend jemand von ihnen erwartet hätte. Auf dieser Platte befindet sich kein Stück, dem man nicht Platz zum Atmen und reichlich Zeit sich zu entfalten geben müßte. Wer das tut, wird allerdings überaus luxuriös belohnt. Wie kommentierte doch Kollege Hörstmann das Gehörte so treffend mit einem WASWAWA-Titel: Ich leide so super. Betonung auf 'Super', denn das steht hier im Sinne von 'De luxe'. Songs wie 'Subterranean Homesick Alien' sind ursprünglich fast unanständig grob skizzierter Weltschmerz (im wahrsten Sinne des Wortes) in der gepolsterten 'First class'-Version. Mit allen Extras, wie an den Tränendrüsen ziependes Gitarrengefrickel, schrammelnder Gernegroove, perkussiv rumpelnder Ex-Rock, an den Nerven sägendes Gegreine, und schon fast verschwenderisch viel Interpretationsfreiraum in den Lyrics, ... kleine Widerstände, die man sich gönnt, gerne angenommene Hindernisse, das knisternde Bonbonpapier auf dem Weg zum perfekten Popalbum. Hat man sich einmal zu den halbakustischen Tracks wie 'Let Down' und 'Karma Police' durchgearbeitet, gibt es kein Halten mehr, der Carrera unter den Kopfkissennässern saust mit einem davon, mit Pauken ('Climbing Up The Walls') und Trompeten ... ins tiefe Tal des Superleidens. Da werden Streichinstrumente bis zur völligen Raserei mißhandelt, WALKER, COHEN, DRAKE und YOUNG zitiert, bis einem Gitanes-ohne-Filter aus sämtlichen Körperöffnungen wachsen, Gitarren und zugehörige Effektgeräte gemartert, bis sie vergessen, daß sie ohne Strom nicht mehr funktionieren, so ganz nebenbei unsterbliche Chansonhymnen gedroppt ('No Surprises') und das ursprünglich für die Bosnien-Benefiz-Compilation 'Help' verfaßte 'Lucky' eingeflochten, das sich, nur ein wenig ge-remastered, schon als würdiger 'Nights In White Satin'-Nachfolger entpuppt. Zu guter Letzt sagt es 'The Tourist' noch mal - wie es sich für ein solches Album gehört - leise und undeutlich: Ich leide so super. Ein Tonträger der großen Gefühle. (Stephan Glietsch) Theatralik als Waffe oder Instrument? Oder besser gefragt: creept sich hier der possierliche, doch bissige Radiokopf wieder durch sämtliche Medien in unsere Köpfe? Die Stimme machte den Erfolg aus. Den Erfolg von Nicolette Krebitz als hinkender Mörderin im Ossi-Tatort, dessen Handlung ohne die Untermalung des RADIOHEAD-Songs „Creep' nur halb so stimmig (Wortspiel) gewesen wäre. Verletzbarkeit, gepaart mit lässigem, latenten Widerspruch, komponiert die Einmaligkeit der Stimmen von Frau Krebitz und Herrn wie heißt der denn noch mal? Zugegeben, „Creep' ist noch heute eines der wenigen Stücke Popgeschichte der 90er, die mich wirklich zu berühren vermögen. Ich liebe dieses Stück trotz seines pathetischen Hauchs. Und ich liebe es aufs neue, seitdem ich das neue Album gehört habe. „Ok Computer' bietet Theatralik in gesteigerter Form, fast als Nervensäge. Klar, man hätte es nach Ansicht des Covers erahnen können. Künstlerisch verfremdeter Highway als postmoderne Gesellschaftskritik vermittelt hier leider den Hauch einer rübergeretteten Hippieromantik. Auf der Platte dann verwirklicht mit einem schicken, hippen Krautrock-Frickel-Anspruch, der extrem schlaff aus den Membranen quillt. Der Wink in Richtung Computer meint hier wohl: du böser, böser Computer. Wir leben mit dir, wir kommen an dir nicht vorbei, aber was wärst du denn ohne uns. Ohne unsere Stimme. Hör sie dir gut an. Wir quälen dich mit sich selbst aufgebendem, devot-pathetischem Gesangsgesäusel. Irgendwann werden RADIOHEAD merken, daß sie bei all ihrer gedankenverlorenen Frickelei jegliche Kraft, Anmut und Schönheit an die böse Festplatte verloren haben. Sich selbst produzierende, gewollte Schrägheit muß nicht zwingend cool sein. Die Band bietet uns kein neues Stück Popgeschichte, nicht mal Tatort-taugliche Titelstücke - das können Frank Duval oder DIE STERNE dann doch besser -, sondern aufdringlichstes Hintergrundgesäusel. Nichts ist schlimmer! Vielleicht einsetzbar in der Daily Soap „Geliebte Schwestern'. (Christoph Lebeus)