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Von früher handeln, im Heute sprechen

Radio 4

Das NY-Postpunk-Revival kommt vielleicht noch nicht direkt in seine Tage, aber eine allgemeine Stabilisierung lässt sich nicht von der Hand weisen: Nachdem !!! die Schrauben in puncto Weirdness’n’Groove noch (ein letztes?) mal angezogen haben, erscheint mit ›Stealing Of A Nation‹, dem dritten Albu
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Das NY-Postpunk-Revival kommt vielleicht noch nicht direkt in seine Tage, aber eine allgemeine Stabilisierung lässt sich nicht von der Hand weisen: Nachdem !!! die Schrauben in puncto Weirdness’n’Groove noch (ein letztes?) mal angezogen haben, erscheint mit ›Stealing Of A Nation‹, dem dritten Album von Radio 4, das erste Album der Bewegung, das Minimalismus und Experiment gegen eine homogene, ausproduzierte Variante von Rock eintauscht. Ein klassischer Fall von Es-wissen-Wollen? Und, wie der Titel schon ankündigt, inwiefern ist es möglich, aktuell politische Äußerungen zu einer Musik zu treffen, die sich auf Strategien von vor 25 Jahren bezieht?

2002 war definitiv ein Jahr von Radio 4. Zu einem Zeitpunkt, als Soul Jazz und Rough Trade gerade mal die ersten retrospektiven Postpunk-Sampler veröffentlichten und Namen wie A Certain Ratio, Arthur Russell oder Mars zwar in den Hipster-Kontexten wieder auftauchten, aber doch eher noch als verschütt gegangenes Strandgut einer längst vergessenen Ära galten, war ›Dance To The Underground‹ mit dem vom Produzenten- und Remixteam DFA so charakteristisch in Szene gesetzten angedreckten, bastardisierten Groove-Pop auf Dance-Beat-Basis der Innovations-Blueprint, auf dem sich alle zwischen Indie-Schrammel und Electronica einigen konnten. Vor allem diejenigen, die das Verlangen spürten, einerseits die Tanzfläche, andererseits das sendungsbewusste Sprechen nicht länger zu ignorieren. In der Zwischenzeit ging diese Formel in Form von The Rapture um einiges distinguierter und soundtechnisch verfeinert rund um die Nag Nag Nags dieser Welt, und Radio 4 galten gerade im direkten Vergleich nicht selten, auch im Forum dieser Zeitschrift, als etwas ungelenke Rockband, die sich den Groove vielleicht zu Eigen gemacht hat, diesen aber nicht bereit ist, zu seinen eigenen Bedingungen zu integrieren. Und gleich vorweg: Das wird sich auch mit ›Stealing Of A Nation‹ nicht ändern. Das wohl wichtigste Merkmal der neuen Radio-4-Platte, noch vor der Erweiterung des Line-ups um den Percussionisten P.J. O’Connor und Keyboarder Gerard Garone, ist der Produzentenwechsel: weg von DFA, hin zu Max Heyes – einem Fan, der nach Produktionsjobs für Primal Scream und The Doves die Platte gemeinsam mit der Band in New York aufnahm. Diesen Eindruck will Sänger Anthony Roman im Interview gar nicht erst wegdiskutieren: »Wir wollten einfach keine DFA-Band mehr sein. Natürlich respektieren wir sie und finden das auch großartig, was sie aus unserem Material gemacht haben, aber mittlerweile gelten sie ja als so etwas wie die Neptunes der Indie-Welt. Wir wurden immer mehr auf sie festgeschrieben. Außerdem ging es auch darum, mehrere Ebenen und Texturen in unsere Musik einzubringen. Als wir anfingen, war uns Minimalismus wichtig, aber wir wollten uns von Anfang an auch weiterentwickeln und vielschichtiger werden.« Und das bedeutet erst mal: immer drauf auf die Spuren. Songs wie die erste Single ›Party Crashers‹ oder ›State Of Alert‹ bolzen auf gängiger House-Beat-Basis aus den Boxen, dass es selbst Bombastrockern wie Limp Bizkit die Schweißperlen auf die Stirn treiben dürfte. Und irgendwie wird man beim Hören der Platte das immer gleiche Bild vor dem geistigen Auge nicht los: Dazu moshen demnächst tausende Kids bei Rock am Ring.

Nur gut, dass sich Radio 4 auch als politische Band verstehen. Schon der Titel macht klar: Hier soll das Amerika der Gegenwart thematisiert werden. Dabei ist Anthony Roman erst mal wichtig, in seinen Songs nicht direkt Bush und Cheney anzusprechen. »Ich bin kein besonderer Fan davon, die Verantwortung für alles, was schief läuft, an ein paar Namen festzumachen. Im Grunde genommen liegt es ja an der Struktur der Gesellschaft, die so viele Dinge, wie etwa auch die restriktiven New Yorker Partygesetze, möglich macht.« Was dabei auffällt: Das Anliegen, mit elektronischer Musik Inhalte zu vermitteln, sehen Radio 4 als bewusst modernistischen und liberalisierenden Akt, der Hand in Hand mit ihrem politischen Selbstverständnis geht – ein Ansatz, den in Europa derzeit gerade viele ins Gegenteil umkehren wollen (siehe das Ausspielen der neuen Rockbands gegen die »immer gleiche gesichtslose Dancekultur«). Roman: »Wir hatten einfach genug von den ewig selben Pavement-Klonen in der Indie-Szene von New York. Ich glaube, dass Musik immer auf die politischen Verhältnisse reagiert. Die 90er-Jahre waren für die USA eine relativ gute Zeit, es waren die Clinton-Jahre, und die Probleme der Menschen waren nicht so existenziell. Deshalb war die Musik auch immer so ironisch. Doch seit 2000 hat sich einfach eine Menge verändert.«

Sich dafür auf Musik zu beziehen, die vor 25 Jahren neu war – Public Image Ltd, Gang Of Four –, stellt natürlich auch die Frage, inwiefern die Verhältnisse von damals überhaupt mit heute vergleichbar sind. New York hat sich von einem Moloch in einen Sicherheitstrakt verwandelt, und nicht nur Lee Ranaldo von Sonic Youth äußert sich wenig begeistert über die Tatsache, dass die neuen New Yorker Bands Musik aus den späten 70ern, frühen 80ern als Formel betrachten, die als Ausdruck völlig anderer Rahmenbedingungen geschaffen wurde (siehe Intro #117). Eine Diskussion, die auch Roman nicht kalt gelassen hat: »Als ich die Aussagen von Lee Ranaldo gelesen habe, wollte ich echt einen Leserbrief an die Village Voice schreiben. Ich würde nie etwas Schlechtes über Sonic Youth sagen, dafür respektiere ich ihren Beitrag zur Musikgeschichte einfach zu sehr –, aber was kümmert sich jemand wie er überhaupt darum? Hört er denn nicht, wie viele Elemente aus Sachen, die erst viel später passiert sind, in diese Szene mit einfließen?« Vielleicht liegt die Wahrheit ja in der Mitte: Die Art und Weise, mit der sich Bands wie !!! oder The Rapture mit dem Anderen – z. B. eben elektronischer Musik –, das sich außerhalb ihres angestammten Systems befindet, auseinander setzen, ist absolut ein direkter ideengeschichtlicher Verweis auf Taktiken von PiL, Pop Group und wie sie alle geheißen haben mögen (übrigens: bitte nicht reformieren!). Andererseits wird auch immer mehr Popmusiken klar, dass Geschichte kein kontinuierlicher Fluss ist und gerade eine Ära, die man selbst für abgeschlossen erklärt hat, als Bezugspunkt immer wiederkehren muss. Pop ist längst Sekundärliteratur, und Revivals sind die letzten Moden, die das Originalmaterial noch ablösen können.

›Dance To The Underground‹
Radio 4s bisher größter Hit. Ironischerweise populär geworden durch einen Mitsubishi-TV-Spot. Gitarrist Tommy Williams: »Die Zugriffe auf unsere Webpage haben sich um ein paar tausend pro Tag gesteigert, als der Spot lief. Dadurch, dass es in den USA kaum noch unabhängiges Radio gibt, ist so eine eigentlich zwiespältige Angelegenheit oft die einzige Möglichkeit, Leute, die nicht in Zentren leben, zu erreichen.«

Sonic Youth
Bevor sie zu der Institution in Amerikas Indie-Welt der Grunge-Jahre wurden, veröffentlichten auch Sonic Youth einige Platten im No-Wave-Umfeld im New York der frühen 80er. Bis heute legendär: ihre erste EP auf Neutral Records von 1982, auf der sie stellenweise so discoid wie nie mehr danach klingen. Nicht mehr wieder veröffentlicht seit 1987, spielen Sonic Youth diese Stücke gelegentlich noch live.