×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Der Ex-Cowboy

Quentin Tarantino / Django Unchained

Was haben Quentin Tarantinos indianische Wurzeln und die Liebe zu Spaghettiwestern mit seinem neuen Film »Django Unchained« zu tun? Tarantino kam nach Berlin, um mit Lars Tuncay darüber zu reden.

Geschrieben am
Quentin, erzählt »Django Unchained« ein Stück amerikanische Geschichte?
Für mich als Nachfahre von Cherokee-Indianern ist Amerika schuld an zwei großen Verbrechen: Das betrifft die Ausrottung der Indianer und den Sklavenhandel, unter dem Afrikaner, Indianer und Jamaikaner fast 250 Jahre lang leiden mussten. Ich wollte eine Abenteuergeschichte erzählen, aber sie sollte sich vor dem Hintergrund des Sklavenhandels abspielen, sodass die Brutalität dessen, was die weißen Amerikaner den schwarzen angetan haben, deutlich hervortritt. Aber eigentlich war es noch tausend Mal schlimmer, als ich es zeigen konnte. Hätte ich es so gezeigt, wie es wirklich war, wäre der Film unerträglich geworden.

Im Kern handelt es sich um eine Lovestory. War das vor zehn Jahren schon so, als du mit dem Projekt begonnen hast?

Nein, es war zunächst eine simple Rachegeschichte. Die Story brauchte mehr Herz, fand ich. Django benötigte ein nobles Ziel, auch wenn die Absicht eines Sklaven, den Herrn zu töten, schon eine sehr noble ist. Ich wollte mehr als nur Blutdurst zeigen. Die Vorstellung, wie es ist, ein Sklave zu sein, war das eine. Aber stell dir vor, der Sklave wird befreit, er bekommt Kleidung, den Respekt eines einfachen Mannes. Ich wollte ihm wortwörtlich die Fesseln abnehmen, seine Entscheidungsfreiheit wiedergeben und ihn zurückkehren lassen an den Ort seiner Peinigung, um die Frau zu befreien, die er liebt.

Warum gibt es in Hollywood nicht mehr Filme zum Thema Sklaverei?
Weil Amerika Angst hat. Man will sich nicht damit auseinandersetzen. Das mag euch Deutschen seltsam erscheinen. Ich meine, ihr habt euch alle mit eurer Vergangenheit wieder und wieder auseinandersetzen müssen. So wie es viele andere Nationen tun. Amerika hat es irgendwie geschafft, darüber hinwegzugehen. Selbst in der Schule wird einem mehr über die Zeit des Goldrauschs beigebracht als über die Sklaverei. Im Kino wollen die Leute unterhalten werden, und das Thema Sklaverei klingt nicht unbedingt nach einem unterhaltsamen Thema. Es wird eher ins Fernsehen abgeschoben.

Die Hauptfigur bezieht sich auf Sergio Corbuccis Italowestern-Klassiker »Django« aus dem Jahr 1966. Wie viel von einem Cowboy steckt in dir?
Na ja, ich bin früher schon geritten, aber immer nur brav hinterher. »Kill Bill« hat in mir die Abenteuerlust geweckt. Also ging ich vor sechs Jahren auf eine Pferdesafari in Botswana. Einen Monat zuvor lernte ich ernsthaft zu reiten. Am Anfang hatte ich echt Schiss, aber ich wurde verdammt gut darin. In Afrika haben wir Zebras mit dem Lasso gefangen, und ich war mit meinem Pferd immer dicht am Arsch des Safarileiters. Ich habe es geliebt, aber danach sechs Jahre lang kein Pferd mehr geritten. Als ich es dann bei den Dreharbeiten wieder versuchte, lief es echt beschissen. Ich war nervös und hatte alles vergessen. Ich habe Jamie zugeguckt, wie er seinen Shit machte, habe Christoph zugesehen, wie er geritten ist, und bei mir gedacht: »Hach, ich war mal ein Cowboy.«

Wie dreht man einen Spaghettiwestern?
Einen richtigen Spaghettiwestern kann man heute nicht mehr drehen. Die Zeit ist vorbei. Außerdem gäbe es dann nicht so viele unterschiedliche Nationalitäten im Film, und wir hätten ihn in Armenien und nicht in Louisiana drehen müssen. Es war vielmehr der Stil des Spaghettiwesterns, der mich interessiert hat. Meine Art, Filme zu drehen, hat sich diesem Stil sehr angenähert. Ich habe Elemente des Spaghettiwesterns bereits in »Inglourious Basterds«, »Kill Bill« und »Pulp Fiction« verwendet. Jetzt ist zufällig wirklich ein Western entstanden.

Wie steht es mit der ursprünglich geplanten Langfassung des Films? Werden wir sie jemals zu Gesicht bekommen?
Nun, zunächst einmal sind alle meine Schauspieler sehr interessiert daran, denn sie denken, alle ihre guten Szenen wurden rausgeschnitten. Aber ich befürchte, dass sich dadurch die gesamte Geschichte verändern wird. Alles, was ich herausgeschnitten hab, ist für den Zuschauer ja nicht passiert. Ich mag »Django Unchained« so, wie er ist, und ich möchte, dass ihn das Publikum so akzeptiert. Er wird in dieser Form auch auf DVD erscheinen, und dies ist die endgültige Version des Films. Aber ich kann mir vorstellen, dass ich irgendwann einmal eine längere Fassung des Films ins Fernsehen bringen werde, vielleicht als Vierteiler mit jeweils einer Stunde Laufzeit.

Wie hast du die Musik des Films ausgewählt?
Die Musikauswahl beginnt bereits im Schreibprozess und zieht sich durch die gesamte Produktionsphase. Ich habe die Musik des Spaghettiwesterns ja bereits in meinen anderen Film verwendet – die Scores von Ennio Morricone und Louis Bacalov. Ich halte beide für Genies. Hier setze ich sie erstmals in einem echten Western-Setting ein. Dabei kam ich immer wieder auf Bacalovs »Django«-Score zurück. Er ist der rote Faden, der dem Film seinen Zusammenhalt gibt.