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Oder: Siddharta

Queens of the Stoneage

Freitag nacht auf der Autobahn. Ich bin unterwegs, um auf dem Scheeßel-Festival ein Interview zu führen. Im Tapedeck: "Songs For The Deaf", das dritte Album der Queens Of The Stone Age. Und das fordert sofort bekannte Verhaltensmuster herauf: Fenster runterkurbeln und eine Büchse Bier aufreißen. Gan
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Freitag nacht auf der Autobahn. Ich bin unterwegs, um auf dem Scheeßel-Festival ein Interview zu führen. Im Tapedeck: "Songs For The Deaf", das dritte Album der Queens Of The Stone Age. Und das fordert sofort bekannte Verhaltensmuster herauf: Fenster runterkurbeln und eine Büchse Bier aufreißen. Ganz recht: Rock'n'Roll.

Regen Und Der Sinn Eines Interviews

"Close your eyes and see the sky is falling ...", heißt es in einem Song auf "Songs For The Deaf". Schließ die Augen und sieh den Himmel fallen. Das passt ja richtig gut: Es regnet unbarmherzig. Gut, dass die Queens Of The Stone Age erst am Sonntag auf dem Hurricane spielen. Bevor sie das tun werden, muss ich sie allerdings noch vors Mikrofon bekommen - und das in einem ansprechbaren Zustand. Ein mittelschweres Unterfangen, nicht nur im straff durchgeplanten Durcheinander hinter den Bühnen des Festivals. Und dann folgt auch schon das nächste Dilemma: Reden - worüber eigentlich? Über "Songs For The Deaf", dieses, pardon, geile Ding, in seiner Grandezza noch betont durch das zeitgleich erschienene Werk von Hermano, der neuen Band des ehemaligen Kyuss-Sängers John Garcia, der wieder nichts Besseres zu tun hatte, als die große Vergangenheit zu beschwören? Nett, aber: so what?

Hitze Und Der Sinn Des Lebens

Es ist eine dieser Nächte, in denen es so warm ist, dass man mit den gleichen Klamotten durch die Gegend rennen kann, die schon am Tag zu viel sind. Im Norden lassen sich diese im Jahr ja an einer Hand abzählen - was es um so härter macht, genau in einer dieser wenigen einen Artikel fertigstellen zu müssen. Gut, wenn man das richtige Konzept dafür hat: "Songs For The Deaf", literweise grünen Tee - altes Beduinenrezept übrigens -, Zigaretten und natürlich: jede schweißtreibende Bewegung vermeiden, das sorgt nämlich nur für kleine Pfützen auf dem Schreibtisch. Im Online-Forum der Queens fragt passenderweise ein gewisser "Johnny B. Goode" nach dem Sinn des Lebens: "why are we here? what the fuck are we supposed to do on this planet? marry and get kids? work 24/7 and die rich? travel the world? or just party all night, do lots of drugs and die young. [...] what are the things that make you happy? what makes it worth waking up with a smile every morning?" Und "Arthead" empfiehlt: Hesse lesen, "Siddharta" - ganz ernsthaft.

Beschränktheit Und Stadtflucht

Nick Oliveri stellt sich diese Frage entweder gar nicht oder hat sie, was wahrscheinlicher ist, schon beantwortet. Er wirkt allerdings nicht so, als ob er auf dem Weg zur Antwort, damals in der Wüste von Palm Springs, von Mario Lalli (Fatso Jetson, Sort Of Quartet) mit schwerem Rock angefixt, Hesse gelesen hätte. Es war die lokale Beschränktheit, die ihn auf das nächste Plateau gebracht hat. Nicht zufrieden, immer vor den gleichen Kumpels zu spielen, zog er irgendwann mit Josh Homme und den anderen Kyuss-Mitgliedern aus der Wüste in die Stadt. Nach Los Angeles, um genau zu sein. Zugegeben, es gab da noch einen anderen Grund für die Stadt der Engel, wie Nick offenherzig gesteht: jede Menge Mädchen.

Während er dies tut, wirkt er neben der Spur - was sicherlich nichts damit zu tun hat, dass er stark abgenommen hat seit unserem letzten Interviewtreffen. Warum auch immer, zur Begrüßung streckt er seine Hand in eine Richtung, in der im Umkreis mehrerer Meter niemand steht. Weshalb ich an ein Erkennen meiner Person nicht recht glauben mag, auch wenn er später Freude über unser Wiedersehen bekundet. Im Gespräch schweift er dann erwartungsgemäß immer wieder ab - seine Kumpels im QOTSA-Container sind der Konzentration nicht eben förderlich. Aber: so ist es nun mal. Gastmember Mark Lanegan zöge ich ihm vor. Oder Dave Grohl, einen der anderen Gäste und definitiv ein jederzeit willkommener Gesprächspartner, der aber sitzt lieber in der Sonne und ruht sich aus.

"Tschuldigung, was hast du gefragt?" mümmelt Kekse - und bietet mir auch welche an. Und fragt sich, ob er nicht doch schon mit dem Trinken anfangen solle. Denn das ist nicht nur manchmal verlockender, als den Rest des Tages an einem Kater herumzulaborieren. Klar, dass er auch das Klischee aller Musiker-Statements vor sich hin murmelt: "Verdammte Interviews ... Wusstest du, dass Kyuss am Anfang Katzenjammer hießen?" Schon mal gelesen. Ich entscheide mich für Bier. Und Nick Oliveri ist, wie bereits angedeutet, voll dabei. Ihn später auf der Bühne zu sehen lässt keinen Zweifel aufkommen, dass er das Image des hart rockenden Musiktypen distanzlos verinnerlicht hat. Was völlig okay ist - ist ja nicht mein Körper, der da brennt.

Freundschaft

Wenn Oliveri über Musik redet, für ihn untrennbar mit Freundschaft verbunden, ist Begeisterung zu spüren. Begeisterung für die alten Platten - Ramones, Black Sabbath, Black Flag (via Mark Lanegan und den Draht zu Fatso Jetson ist die SST-Connection auch eine direkte, remember Screaming Trees) - und nicht zuletzt für seine Szene, immer noch ideelle Heimat der Band. Weshalb auch Josh Homme auf seinem Label Rekords Rekords (über Efa zu beziehen) die letzten "Desert Sessions" veröffentlichte - und nicht ein Majorlabel. Zumal es auch als Testgelände für die Queens fungierte: Auf "Songs For The Deaf" sind zwei Songs, die es schon auf "Desert Sessions" gab.

Demnächst erscheint auf Hommes Label zudem das zweite Album von Oliveris Band Mondo Generator, die einen ausgeklinkten, Cpt.-Beefheart-beeinflussten Rock spielt und bei der auch Fatso Jetson dabei ist. Die Szene-Zugehörigkeit wird auch deutlich, wenn die Queens ein Album aufnehmen: Auf "Songs For The Deaf" hören wir Blag Dahlia von den Dwarves (bei denen auch Oliveri mal gespielt hat), Dave Grohl (der die Band demnächst wieder zugunsten seiner Foo Fighters verlassen wird), Dean Ween, Chris Goss (Masters Of Reality) und so weiter. Dieses offene System kommt nicht von irgendwoher: "Wir wollten mit Leuten spielen, die besser sind als wir, um selbst besser zu werden. So that we had to rise to the occasion." Geben und nehmen.

Dass "Songs For the Deaf" trotz gesteigerter Vielfalt, including Ballade und erneut erweitertem Personal, ein derart feistes, monolithisches Monstrum ist, spricht unbedingt für die Methode. Funktioniert aber nur, da sie sich auch im x-ten Jahr des Stoner Rock noch selbst herausfordern. So fällt diesmal u. a. sofort auf, dass Nick Oliveri neuerdings richtig schön singt. So schön, dass er beispielsweise auf "Just Another Love Song" fast wie Grant Hart zu seinen besten Tagen klingt.

Von diesem Schönklang abgesehen, ist er aber nach wie vor der Rock'n'Roller in dieser Männerwirtschaft. Das zeigt sich besonders gut, wenn man ihn auf die kleinen Gemeinheiten, die auf "Songs For The Deaf" zu finden sind, anspricht. Dann freut er sich diebisch - und erklärt auch schon mal einen Witz, der eigentlich nicht erklärt werden müsste. "That's cool, man! We're having a blast, man", wird er dann nicht müde zu betonen. Überbau ist seine Sache nicht. Und das unterscheidet ihn von Josh Homme, der eben nicht nur wie 'ne coole Type rüberkommt, sondern auch wie der Prototyp eines Rock-Künstlers - man höre den mittlerweile enorm hohen Abstraktionsgrad seines Gitarrenspiels. Aber was red' ich? Differenzen herauskitzeln, wo es nicht um diese geht. Sondern: Große Band. Große Platte. Und wichtiger noch: Großer Spaß. Und ich kann das sagen, schließlich habe ich sie auch dem Autobahntest unterzogen.