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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

aufgelöste grenzen

Pyranja, Julia, Meli, Nina

Meli: “Es ist wichtig, dass man sich kleidet, wie man sich fühlt. Ich bin jahrelang in Klamotten von meinem Bruder rumgelaufen, weil meine Eltern nicht so viel Kohle hatten, uns die ganzen Klamotten zu kaufen. Irgendwann kommt dann der Zeitpunkt, wo man denkt: jetzt muss ich mich so anziehen,
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Autor: intro.de

Meli: “Es ist wichtig, dass man sich kleidet, wie man sich fühlt. Ich bin jahrelang in Klamotten von meinem Bruder rumgelaufen, weil meine Eltern nicht so viel Kohle hatten, uns die ganzen Klamotten zu kaufen. Irgendwann kommt dann der Zeitpunkt, wo man denkt: jetzt muss ich mich so anziehen, wie ich aussehen will. Und mir persönlich gefallen mehr und mehr elegante Sachen. Früher hab’ ich die ganze Zeit Trainingsanzüge gesammelt, und jetzt guck’ ich nach engen Hosen und so. Ich mag immer noch weite Sachen, das war schon immer so. Zum Beispiel das, was ich jetzt anhabe: silber und rosa auf einer Weste - find’ ich voll stylish! Aber ich find’ auch, dass das nicht jeder anziehen kann. Manche Leute ziehen das an und sehen einfach wack aus. Andere ziehen es an und sehen futuristisch aus. Es kommt halt immer auf den Typ an und wie er seine Klamotten trägt.”
Mode ist auch verkörperter Charakter und Ausdruck von Haltung. Man muss ein Kleid mit Persönlichkeit füllen können. Und was bei dem einen den Charakter unterstreichen kann, lässt den anderen schlicht absurd wirken. Das gilt auch heute noch, obwohl sich die Grenzen so weit aufgelöst haben, dass man Rentner mit Basecaps und Medienyuppis in Sneakern sieht und jeder Golffahrer samt Friseuse tätowiert ist. Das geschulte Auge erkennt den Bruch im Ensemble, und der Mund schreit: Betrug. Oder besser nicht - wackness braucht keinen Kommentar des Eingeweihten. Meli: “Manche Leute können anziehen, was sie wollen: es kommt halt einfach nichts rüber. Ich hatte noch nie was an, was jemand anders getragen hat. Vielleicht mal dieselben Schuhe, aber nie genau das gleiche. Man braucht keinen uniquen Style, man muss sich einzigartig anziehen; wenn man Bock drauf hat.”
Damit hätten wir eine Parallele zwischen Mode und Musik: Einzigartigkeit im Style als Ausdruck von Individualität. Wer klingt oder aussieht wie andere, ihren Style kopiert und sich nicht der Mühe und Lust des Eigenen ausliefert, wirkt nicht überzeugend. Dass Meli ihren eigenen Style hat, bewies sie unlängst in der Kollaboration “Mille Mille” mit den Massiven Tönen. Zur Zeit arbeitet sie am eigenen Longplayer, der auf Kopfnicker Records erscheinen wird. Melis Texte sind extrem deep. Bei ihr spürt man, dass sie vor allem eines ist: ein MC, welcher der Welt was mitzuteilen hat. Die eigene Sicht der Dinge, ihre Narben und ihre Philosophie. Meli hat Soul.
Auch Pyranja - checkt die bombige 12-Inch “Fremdkörper” auf Def Jam Germany - hat ihre eigene Sicht der Dinge, die sich nicht nur in ihren Texten, sondern eben auch in ihrem Style vermittelt. Wie war das, als sie aufwuchs? Wie hat Pyranja in Rostock - ohne Einkaufsmeile und satte Sneakerauswahl bei Footlocker - ihrem HipHop Ausdruck verliehen? “Als ich das erste Mal mit HipHop konfrontiert wurde - ich komme aus der DDR -, da gab es keine weiten Hosen oder so. Ich habe mir die alten Cordhosen von meinem Opa mit einem Gürtel umgebunden. Sah natürlich voll scheiße aus, aber egal: war HipHop. Jetzt gibt es in jedem Laden weite Hosen. Ich denke, das hat sich einfach aufgebrochen. Es ist halt der gängige Style, den man überall sieht.”
Ein allgemeines Phänomen: sich über Äußerlichkeiten abzugrenzen ist unmöglich geworden, seitdem jeder dem gewachsenen Individualitätsdruck unterliegt und der grauen Masse entspringen will. Das mag auch Sehnsucht sein. Sehnsucht auf der einen Seite nach Glamour und Luxus - in Reinform in den R&B-Videos repräsentiert -, während der Sozialabbau vorangetrieben wird und die Altersvorsorge für die junge Generation ungewiss bleibt; Sehnsucht nacht Authentizität in einer Welt, in der auf der anderen Seite nichts mehr echt scheint. Pyranja: “Ich zieh mich privat nicht anders an als auf der Bühne. Das bedeutet für mich persönlich auch HipHop: So, wie ich bin, geh’ ich auf die Bühne und änder’ mich nicht.”
HipHop: die letzte Bastion der Aufrechten - “Authentisch zur Musik, ich bin nicht schick, keine vorsichtige Politik”, Meli in “Eins Auf Eins”. Plus den Chill-Faktor: weite Klamotten sind einfach bequem; applizierte, weiträumige Taschen einfach praktisch. Nina: “Ich zieh’ vor allem Sachen an, in denen ich mich wohl fühle und in denen ich mich bewegen kann. Ich habe zum Beispiel Probleme damit, enge, figurbetonte Sachen anzuziehen. Oben rum ist das in Ordnung; was Hosen angeht, tu’ ich mich außerordentlich schwer damit. Ich hab’ mich so an den Baggy-Style gewöhnt, dass, immer wenn ich andere Mädels seh’, die ihre netten Rundungen zeigen, und das dann auch mal versuchen will, ich mich so unbeweglich fühle, dass ich doch wieder in meine Baggy-Pants schlüpfe. Ich würde mich auf der Bühne auch beobachteter fühlen, wenn ich mehr von mir zeigen würde.” Ist die Kleidung auch Schutz? Nina: “Mmh, kann man vielleicht so sagen.” Meli: “Es ist wichtig, dass man sich selber wohl fühlt in dem, was man anhat. Dass man es auch ausfüllt. Du kannst dich sexy anziehen, wenn du nicht sexy bist, dann bist du auch nicht sexy - egal, wie du dich anziehst. Dann sieht es peinlich aus: billig oder nuttig.” Wort drauf.