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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

new girl school

Pyranja, Julia, Meli, Nina

Der Kommentar war deshalb erstaunlich, weil er eine Haltung repräsentiert, die ich über die Jahre hinweg bei Frauen, die Musik machen, meist vergeblich gesucht habe und die auch bei Kolleginnen nie viel Ansehen genoss: zu unpolitisch in ihren Augen. Und die Haltung? Schlicht eine Art von “Selb
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Autor: intro.de

Der Kommentar war deshalb erstaunlich, weil er eine Haltung repräsentiert, die ich über die Jahre hinweg bei Frauen, die Musik machen, meist vergeblich gesucht habe und die auch bei Kolleginnen nie viel Ansehen genoss: zu unpolitisch in ihren Augen. Und die Haltung? Schlicht eine Art von “Selbstverständlichkeit”. Statt dessen wurden Role-Models wie die Riot-Grrrls in den Himmel emporgehoben und zwar weniger “einfach nur”, weil sie gute Musik machten oder Texte schrieben, sondern weil sie nicht selten das ausdrückten, was anscheinend vielen ihrer Anhängerinnen aus der Seele sprach: Wut auf die sie bevormundenden Männer, scheinbar typische weibliche Ängste und Probleme wie Magersucht oder Vergewaltigung.
Eine Form von Radikalfeminismus als Abgrenzung gegenüber dem anderen und als ein Definitionsmodus der eigenen Identität gerade innerhalb der Musik. Interessanterweise waren es aber daneben auch viele Männer, die sich von dem offensiven, Stärke verheißenden Gebaren der Grrrls angezogen fühlten. Und leider implizierte diese Haltung allzuoft weniger eine Abgrenzung gegenüber dem eigentlichen “Feindbild”, als gegenüber denen, die ihre Freunde hätten sein sollen: den anderen Frauen, die vielleicht einen weniger radikalen Weg für sich gesucht haben, sich hier zu behaupten oder wiederzuerkennen, denen, die keine Grrrls sein wollten. Für diese haben sie als mögliche Identifikationsfigur schlicht versagt. Taten sie doch nichts anderes als ihre männlichen Nachbarn auch: andere ausgrenzen.
Das soll nicht sagen, dass es nicht an der Zeit war und immer noch ist, bestimmte Themen offensiv in die Musik mit einzubringen, vielleicht so etwas wie eine eigene weibliche Ausdrucksform oder Rolle zu finden, einfach als Gegengewicht zu vielen Machismen gerade im Rock- oder HipHop-Bereich. Das, was mich daran gestört hat und stört, ist die Tatsache, dass sie damit am Grundproblem (nämlich “die Frau als das andere”) letztlich nicht viel verändert haben, weil sie sich selbst wieder genauso in eine eigene Ecke gestellt haben und auch noch all die anderen Nicht-Grrrls. Genaugenommen haben sie sich mit ihrem Handeln den Weg verbaut, als etwas Selbstverständliches dazustehen, einfach, weil das Riot-Grrrl immer noch nicht mehr und nicht weniger als ein Image war wie auf der anderen Seite auch das Material Girl, die Bitch oder das Collegegirl. Mit dem kleinen Unterschied, dass ihr Image - zumindest am Anfang - vielleicht ein wenig selbstbestimmter war. Man kann nicht verleugnen, dass die Riot-Grrrls sehr relevant waren für nachfolgende Generationen von musikmachenden Mädchen. Nur: warum erreicht meinetwegen eine Ausnahmepersönlichkeit wie Missy Elliot das gleiche Ziel, Respekt zu genießen und dabei selbstbestimmt zu sein? Nur deshalb? Und warum ist eine junge Frau wie Pyranja bei den mitmusizierenden Jungs dann eben doch angesehen, ohne erst eine spezielle Rolle spielen zu müssen?
Es ist interessant, dass ausgerechnet in einem der klassischen Metiers der Machogesten, da, wo Frauen meist Bikini-Girls, Bitches oder Fly-Girls heißen, plötzlich - gerade auch hierzulande - eine Generation von Girls nachwächst, die sich eben kein Image als Schutz zur Hilfe holt, als Existenzberechtigung, außer vielleicht das, welches ihre Profession, die des MCs oder B-Girls, ihnen vorgibt. Und das, woran sie hier gemessen werden wollen, ist nichts anderes als ihr Können und zwar nach den vorgegebenen Maßstäben - denn die sind Teil ihrer Profession. Dass das Können sich dabei aber eben nicht durch eine besonders perfekte Kopie männlichen Gestus’ oder Outfittings zeigt, wie es vielleicht noch bei Cora E. der Fall war, die das komplette Repertoire coolen männlichen HipHopper-Gehabes zugegebenermaßen perfekt verinnerlicht hatte, das ist das wirklich Neue.
Meli, Nina, Pyranja, B-Girl und sicherlich auch noch viele andere bewegen sich in einem Raum, in dem bisher vor allem zählte, ein gutes, cooles Image zu haben, und sind bei ihrer Arbeit trotz vorhandener HipHop-Posing- und -Styling-Qualitäten immer noch dieselben Mädchen, die sie auch im alltäglichen Leben darstellen. HipHop oder Breaken ist ihre Profession, für die sie leben, wie Jungs zu meiner Zeit fürs Platten-Sammeln gelebt haben. Und das tun sie, indem sie all ihre Stärken und auch Schwächen nach außen kehren und diese wie selbstverständlich integrieren. Das Image ist mehr das “Ich” als eine stilisierte Idee eines weiblichen Ichs. Und das ist so etwas wie eine New Girl School.