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Interview mit Owen Hatherley

Pulp und »These Glory Days«

Christian Werthschulte sprach mit Owen Hatherley über sein Buch »Mother, Brother, Lover«, über Art-School-Bands, Franz Ferdinand und die Merkwürdigkeit von Pulp.
Geschrieben am

Owen, du behauptest, Pulp wären die »letzten ihrer Art« gewesen. Was meinst du damit?

 

Pulp waren eine »Art School Band«. Sie haben Dinge, die als »prätentiös« gelten – Ideen der verschiedenen Film-, Kunst– oder Musikavantgarden – mit Pop, also Musik fürs Radio, kombiniert wie es zum Beispiel auch Roxy Music, Japan oder The Smiths getan haben. Viele dieser Künstler kamen aus dem Teil der Bevölkerung, den Simon Reynolds als »Schwellenklasse« bezeichnet – die obere Arbeiterklasse trifft auf die untere Mittelklasse. Teilweise kamen sie auch ganz eindeutig aus der Arbeiterklasse. Pulp gibt es seit Ende der 1970er – sie sind eher ein spätes Exemplar dieser Gattung. Aber weil sie als Produkt der 1970er in den davon sehr verschiedenen 1990ern musikalisch aktiv waren, nahmen sie letztere mit den Maßstäben einer früheren Dekade wahr. Jarvis Cocker bemerkte einmal: »Wir sind mit dem Wettlauf zum Mond aufgewachsen und heute erwartet man von uns, dass wir Toiletten putzen.«  

 

Was unterscheidet Pulp und heutige Art School Bands wie Franz Ferdinand oder Wu Lyf?

Naja, die wärmen einfach nur etwas wieder auf, oder? Franz Ferdinand sind wie eine Art School Band der 1970er, aber gewiss nicht, was eine Art School Band in den Nullerjahren sein könnte. Falls sich diese Tradition überhaupt irgendwo fortsetzt, dann bei den Junior Boys oder dem Hyperdub-Label, auch wenn beide deutlich weniger »Pop« sind, als es die Art School Bands waren.

 

In deinem Buch »These Glory Days« schreibst du ausführlich über die Texte von Pulp. Warum?

Das war eine Gegenreaktion auf einen Musikjournalismus, der nur noch erzählt, was man beim Hören fühlt. Ich fand das immer ermüdend. Andererseits ist es aber auch verständlich, wenn man sich die komplette Abwesenheit von interessanten Songtexten im zeitgenössischen Indiepop vor Augen führt. Die Texte von Pulp faszinieren mich, weil Pulp von drei Dingen besessen waren, die man üblicherweise nur als Klischees kennt: Sex und Beziehungen, Klassenzugehörigkeit und Städte. Bei Pulp ist all dies merkwürdig und komplex, überraschend und häufig auch brutal – und manchmal auch alles zusammen.

 

Welche Charaktere beschreibt Jarvis Cocker denn in seinen Texten?

Meistens sind es weibliche Charaktere, die ihre unmittelbare Umgebung detailliert beobachten. Oder sie werden von anderen ausgebeutet und benutzt. Dazu kommen noch die Songs in der ersten Person Singular, die von ähnlichen Dingen handeln. Manchmal wirkt es, als würde Cocker als Frau singen. Das verbindet dann mit Songs über Sex und einigen, teils sehr zynischen Texten über Beziehungen, in denen alle Widersprüche offenliegen.

 

Du behauptest behaupten, dass Pulp mit ihrer Kleidung und ihren Covern eine sehr »reflexive« Haltung gegenüber Retro zeigen. Trifft das auch auf die Texte zu?

Merkwürdigerweise nicht wirklich. Vielleicht mag ihr Yorkshire-Akzent für südenglische Ohren ein wenig »retro« wirken. Aber ähnlich wie in Retro-Moden reden Pulp viel von Oberflächen: von Acryl, Nylon oder bröckelndem Beton – die physischen Affekte einer bestimmten Epoche.

 

Hier geht's zum Interview mit »Mother, Brother, Lover«-Übersetzer Michael Kerkmann


Owen Hatherley
»These Glory Days: Ein Essay über Pulp und Jarvis Cocker«
Edition Tiamt, 168 Seiten, 16 Euro