×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Verwandlung

PTTRNS

Im Intro-Zelt beim Melt! 2013 gibt es täglich Live-Programm. Bis es am 18.7. mit der Pre-Party losgeht, stellen wir euch die Acts vor. Heute: Pttrns
Geschrieben am

In den Kölner Dumbo-Studios nahmen die Wahlkölner Patrick Hohlweck, Hendrik Frese, Benjamin Riedl und Daniel Mertens mit Produzent Philipp Janzen ihr zweites Album »Body Pressure« auf. Wolfgang Frömberg traf PTTRNS im rechtsrheinischen Kalk und unterhielt sich mit ihnen über das Neukölln von Köln, »Frau-Werden« im Sound, die Entdeckung der eigenen Stimmen als Instrument und das Unbehagen in der Bauspar-Rock-Kultur.

Diesen Ort habt ihr für das Interview gewählt. Wo befinden wir uns?
Daniel: Im Atelier und Verkaufsraum einer Freundin von uns. Lena Schröder betreibt das Label Trinkhallen Schickeria. Dieser Raum, der »Secret Store«, ist gleichzeitig das Büro des Klub Genau, in dem wir tätig sind.

Trinkhallen Schickeria - ist ein  Modelabel?
Patrick: Ich weiß nicht, wie genau Lena es nennt.
D: Was sie unter anderem macht, ist alte Klamotten aufzukaufen, Omaklamotten, und die dann umzuschneidern. Und wir haben hier zeitweise unsere Platten stehen gehabt - als Aufsteller. Irgendwie auch zum Verkauf. Ich weiß gar nicht, ob die noch hier stehen.
P: Sie sind diskret verschwunden.
D: Diskret verschwunden. Hat keiner gekauft. Wir wollten das Interview eigentlich im Klub Genau geben, wo wir auch proben und wo wir im Verein mitwirken, aber da ist es einfach noch zu kalt und daher überhaupt nicht gemütlich. Da haben wir uns gedacht, wir machen es lieber schön bei Kaffee und Kuchen hier.

Der Stadtteil Kalk ist so das Neukölln von Köln?

D: Glaube ich gar nicht mal.

Wie würdet ihr die Gegend beschreiben?
P: So richtig kann ich den städtischen Kontext als Nicht-Kölner vielleicht nicht einschätzen. Mir haben aber schon einige Leute erzählt, dass sich Kalk in den letzen 20, 25 Jahren sehr verändert hat. Also in gewisser Weise liegt es natürlich nah, so eine Parallele zu Neukölln aufzuziehen…

…billigere Mieten als im Rest der Stadt. Mehr Räume für mehr Möglichkeiten…
P: …wobei es vielleicht auch eine Kölner Sportart ist, zu sagen: »Wir schauen mal: Wie ist das denn eigentlich in Berlin im Vergleich? Und warum ist es hier genauso cool?«. Was Köln - oder Kalk im Besonderen - gar nicht nötig hat. Es ist einfach ein angenehmer Stadtteil.
D: Wir haben, abgesehen von Hendrik, der in Bielefeld lebt, alle mal in Kalk gewohnt.
Benjamin: Oder wohnen noch hier.
D: Und da wir einfach viel in der Gegend unterwegs sind, insbesondere auch wegen dem Klub, der hier die Straße runter ist…

…wo auch euer Proberaum ist?...
D: …wo auch unser Proberaum ist!

Seid ihr alle in den Klub Genau und den Verein involviert?
P: Die Idee, diesen Klub oder etwas in der Richtung zu gründen, ist schon älter. Es war an irgendeinem Punkt so, dass wir und die angeschlossenen Bands keinen Proberaum hatten, weil wir aus unserem alten raus mussten. Und dann haben wir zusammen mit einer Gruppe von Freundinnen und Freunden diesen Ort gefunden.
D: Die Vereinsform ist eine rechtliche Angelegenheit. Es war die notwendige Rechtsform, um den Raum mieten und Verantwortlichkeit teilen zu können. Und ja, es finden da in unregelmäßigen Abständen Konzerte, Partys, Ausstellungen statt. Immer mit Rücksicht auf die ziemlich nah angesiedelten Nachbarn, die mittlerweile nicht mehr das allerweiteste Herz haben, was uns angeht.

Aus einer gewissen Distanz betrachtet, ist der Klub Genau das Herz eines bestimmten Kulturlebens in Kalk…
P: Aber gibt auch andere Orte, wie die Baustelle Kalk...
D: ...und das AZ.

Seit wann gibt es PTTRNS?
P: Schon deutlich länger als den Proberaum. Die Band hat 2007 erste Konzerte gespielt.
D: 2006 haben wir schon angefangen, Musik zu machen.

Jetzt erscheint euer zweites Album, »Body Pressure«. Hat der ganze Klub Genau/Proberaum/Kalk-Kontext entscheidend in die Entstehung reingespielt?
P: Wir haben in Kalk geprobt und das Album geschrieben. Die Songs sind kein bewusster Versuch, eine Szene oder ein Milieu zu spiegeln. Es gibt unweigerlich Arten, in denen sich so etwas ausdrückt. In der Musik sind das die technischen und räumlichen Möglichkeiten, die wir durch den Ort hatten.
D: Zum Beispiel der Umstand, dass wir den Raum mit anderen Bands teilen. Dem haben wir es zu verdanken, dass wir einfach mal mit Synthesizern herumspielen konnten, die da rumstanden. Und dass wir auch den Platz hatten.



Mit welchen Bands habt ihr den Raum geteilt?
D: Das sind einmal Urban Homes, wo Benjamin auch mitspielt. Am Anfang waren Airpeople mit dabei, die jetzt nicht mehr existieren. Das war eine Mischung aus allen möglichen früheren Bands, die es mittlerweile nicht mehr gibt. Da wird viel getauscht und ausprobiert. Jetzt ist da auch noch eine andere Band namens Xul Zolar.  

Auf dem Album hantiert ihr sehr strukturiert mit vielen musikalischen Versatzstücken. Und es gibt dazu einen Text, den man als eine Erzählung lesen kann. Eine Ich-Perspektive, die durch mehrere Körper, mehrere Geschlechter hindurch geht. Was ist zuerst da – Text oder Musik?
P: In der Anlage, in der diese Versatzstücke zusammenfinden, wie du sie nennst, und der Text hinzu findet, ist beides wahrscheinlich gleichzeitig entstanden. Chronologisch war es so, dass wir zuerst die Musik geschrieben und dann darauf getextet haben. Aber an derselben Stelle, an der unser Wunsch entstanden ist, eine bestimmt Form von Musik zu machen, ist auch der Wunsch entstanden, eine bestimmte textliche Form zu finden.

Das erste Stück »Healing« wird irgendwann zu einer Art Housetrack. Gerade wo das »Ich« im Text sagt: »Jetzt bin ich still« kommt also Musik, die man meist gemeinsam abfeiert. Ist das eine bewusste Arbeit mit verschiedenen Genres?
P: Es ist nicht so sehr eine historiographische Geste, die eine Aktualisierung von Kram versucht. Oder mit der wir etwas sammeln, wie in einem virtuellen Plattenregal, das besonders eindrucksvoll wäre. Es gibt einen gemeinsamen Nenner und eine Form, die all diesen Arten, Musik zu machen gemeinsam ist: Eine Konzentration oder einen Fokus auf das Körperliche. In einer ähnlichen Weise rekurrieren auch die Texte auf Fragen des Körpers und Fragen des Ausdrucks. Dabei handelt es sich nicht unbedingt um einen persönlichen Ausdruck ist, obwohl eine Ich-Perspektive eingenommen wird. Im Vergleich zu älteren PTTRNS-Sachen ist diese Ich-Perspektive sehr viel prominenter. Aber es ist nicht der Ausdruck einer Person oder eines Subjekts. Es ist der Ausdruck von etwas, das präsent ist. Etwas, das sich ausdrückt. Meinetwegen im Ich. Und sehr ähnlich ist die Musik auch angelegt.
D: Das kommt aber alles erst zusammen, wenn wir die Musik schreiben. Beziehungsweise in dem Moment, in dem wir die Musik spielen. Diese einzelnen Versatzstücke -  das sind zwar Sachen, mit denen wir uns alle intensiv beschäftigen. Es ist aber nicht so, dass einer von zuhause sitzt und dann sagt: »Ich habe jetzt zwei Wochen lang nur Ambient gehört, und irgendwie möchte ich das übersetzen in etwas Eigenes.« Es ist eher so, dass wir uns mit unterschiedlichen Dingen beschäftigen - sowohl musikalisch als auch theoretisch. Aber während wir zusammen spielen und über Musik reden und nachdenken, was wir machen wollen, und das dann auch umsetzen, kommen die unterschiedlichen Richtungen in der PTTRNS-Form zusammen. Dadurch greift alles ineinander und wirkt gar nicht mehr so, als würden wir was ineinander reihen an Referenzen.  Es ergibt sich dann aus dem Jam.

Schreibt ihr Text und Musik jeweils zusammen?
Hendrik: Ja. Also es ist nie ein Song von Daniel oder Benjamin oder Hendrik oder Patrick.

Und die Musik entsteht in der Regel aus Jam-Sessions?
P: Ja.

Ihr versteht das eher als organische Sache?
D: Ja richtig. Ein organischer Prozess.
B: Was nicht heißt, dass wir uns nicht darüber auseinandersetzen, was wir machen wollen. Wir führen Diskussionen, aber es ist nicht so, dass wir sagen: »Lass uns mal den Track so machen.«
P: Aber die Form des Jams bleibt unausgesprochen. Und das sollte auch so bleiben. Das ist ganz wichtig. Es geht darum, in einer maximalen Vermitteltheit eine Art Unmittelbarkeit zu simulieren. Denn natürlich können wir an unseren Instrumenten nicht machen, was wir wollen. Wir sind keine ausgebildeten Musiker.

Es gibt Grenzen?
P: Klar. Deshalb ist auch so, dass wir nicht alle immer an einem Instrument sind. Dass wir also auch durchaus an anderen Instrumenten jammen.
D: Aber das ist eben auch kein Konzept. Es gibt üblicherweise diese klassische Aufteilung: »So und so spielt Bass und so und so spielt Gitarre…« So ist unsere Musik nie entstanden und deshalb wird das von uns auch nie so transportiert. Auf der anderen Seite wirkt es oft so nach außen, dass wenn wir auf der Bühne tatsächlich Instrumente tauschen, das als unser Konzept wahrgenommen wird. Quasi als »Tauschen der Instrumente«. Aber es geht eigentlich eher darum, dass man an seine Grenzen stößt, wie man das Instrument gerade spielt und jemand anders gerade etwas Besseres mit diesem Instrument anstellen kann. Man versucht es einfach: »Okay, jetzt stehe ich plötzlich vor dem Synthesizer und ich habe noch nie in meinem Leben Synthesizer gespielt. Aber irgendwie habe ich gerade dadurch einen anderen Zugang dazu und kann so eine bestimmt Grenze überwinden oder umgehen.«
P: Umgehen ist gut.

Das Album »Body Pressure« wurde von Philipp Janzen, dem Von-Spar-Schlagzeuger, produziert. Wie habt ihr euch mit ihm ausgetauscht?
P: Es war ein recht intensiver Austausch in einer idealen Studioatmosphäre. Die Bedingungen in den Dumbo Studios sind sehr gut. Es war auch dort ein ziemlich gemeinschaftlicher Aufwand. Wir haben sehr viel im Kollektiv entschieden. Es hat niemand gesagt: »Nee, aber meine Gitarre muss so klingen. Weil ich hab mir das überlegt. Ihr versteht das vielleicht nicht, aber…«

Solche Diskussionen gibt es bei euch nicht?
P: Nee. Das war eine sehr minutiöse, kollektive Arbeit. Wir haben intensiv und lange an Songs gefeilt. An wirklich winzigsten Dingen, die selbst mir heute nicht mehr auffallen. Obwohl wir da durchaus halbe Tage verbracht haben mit solchen Sachen, was in der Entstehungssituation sehr produktiv war.
D: Wir hatten ja vorher so eine 12“-Serie begonnen, die wir auch schon mit Philipp produziert hatten. Im Vergleich zu den Aufnahmen der vorigen Releases, ist diesmal eindeutig das mehr Einfluss durch den Produktionsprozess und die Auseinandersetzung mit dem Input von Philipp Janzen und Philipp Tielsch zu hören. Die Songs haben sich diesmal im Studio stärker verändert, als das zuvor  bei uns der Fall war. Früher haben wir versucht, den Proberaum-Jam aufs Band zu bringen.

Der Bandsound hat eine Art Feminisierung durchmacht. Und wenn man auf bestimmte Textaspekte achtet, wo es auch um Identität geht und um Fragen des Körpers, wird das  gewissermaßen bestätigt. Habt ihr euch musikalisch den letzten Rest Rock ausgetrieben?
D: Hoffentlich.

Und warum war der vorher noch da? Wenn das jetzt so dringlich ist?
H: Nee, das war vorher auch schon dringlich. Ganz klar. Es ging immer schon darum, Rockismus zu überwinden.

Für eine Jungsband gar nicht so einfach.
P: Wenn man eine Jungsband ist, die gerne laute Musik macht, stimmt das absolut. Darum geht’s. In Anlehnung an einen Begriff von Gilles Deleuze könnte man vielleicht von einer Art »Frau-Werden« im Sound sprechen. Und in den Texten natürlich auch. Dem liegt eine ziemlich unreflektierte Form des Unbehagens zugrunde, das mich überkommt, wenn ich die meiste Rockmusik so höre. Aktuell habe ich den Eindruck, dass viel Rockmusik, die in Deutschland entsteht, ziemlich unreflektiert eine Wiederaufnahme bringt von Dingen, die längst abgefrühstückt sein sollten. Zum Beispiel in Bezug darauf, wie sexuelle Identität in Musik verhandelt wird. Das PTTRNS-Album ist kein Protest dagegen...
D: ...aber Unbehagen drückt es ganz gut aus.
P: Es ist unsere Art, zu sagen: »Das wollen wir unter keinen Umständen reproduzieren.« Wir wollen anders mit Sound umgehen. Es ist ja eine ultimativ männliche Geste, einen geilen Rocksong tight zu haben und dann im Studio reinzuknüppeln nach dem dritten Take. Und dann High Five und dann erstmal Bier…Nicht dass wir nicht High Five und Bier im Studio gehabt hätten,
B: ...oder Knüppeln nach dem dritten Take...
P: ...aber wir haben die Form von Beginn an anders angelegt. Das ist unsere Art, damit umzugehen.

Einer meiner Kollegen meinte, er hätte die Band im Gegensatz zum ersten Album nicht wiedererkannt. Haben PTTRNS eine Verwandlung durchgemacht?
D: Ganz genau. Das ist der Begriff, der die Entwicklung von PTTRNS in den letzten Jahren ganz gut trifft. Als wir angefangen haben Musik zu machen, war ich persönlich  und theoretisch noch nicht so weit.  Deshalb sind wir am Anfang – zumindest ich in der Rolle, die ich in der Band ausgeführt habe – noch viel mehr Rock gewesen. Deshalb finde ich das ganz passend angenehm-artig, wenn von Verwandlung gesprochen wird. Obwohl ich auch gleichzeitig beim Hören des Albums denke, und meine das auch von anderen schon wahrgenommen zu haben, die »Body Pressure« gehört haben, dass schon noch was Typisches drin steckt. Es ist nicht so, dass wir im Vergleich zur letzten Platte eine vollkommen andere Form gefunden hätten. Also es ist schon so eine Art Weiterentwicklung.

Gilt das vor allem für den Gesang?
B: Wir haben ganz klar sehr viel mehr Aufmerksamkeit auf den Gesang gelegt. Das korrespondiert mit den Dingen, über die wir schon gesprochen haben. Was vorher an Aufmerksamkeit auf komplexerer Instrumentierung lag, ist jetzt bei den Stimmen gelandet.
P: Wir haben den Gesang in den Jams schon immer als weiteres Instrument wahrgenommen und benutzt. Unabhängig von textlichen Ebenen. Diesmal sind die  Stimmen als Instrument prominenter in den fertigen Songs drin. Wir haben uns mehr damit auseinandergesetzt, wie wir den Gesang einsetzen wollen.
H: Wir hatten ein kritischeres Ohr dafür als bisher. Bei  einer punk-sozialisierten Band gibt es immer so ein latentes Schamgefühl, was so Gesang angeht. Die Stimme des Punk ist keine verletzliche Stimme.  

Man denkt weniger an Punk als viel mehr an Soul und Disco. Die Assoziation ist gerade durch die Stimmen da. Selbst, wenn man Gitarren hört.
D: Ja, das ist auch so gewollt.

Was könnt ihr mit dem Begriff »Retro« anfangen?
P: Ich tu mich damit ein bisschen schwer, weil es für uns nicht so sehr um Referenzen, sondern um Reformulierungen geht. Natürlich wird es interessant, wenn man sich fragt: Wie kann man Musik aus der Vergangenheit reformulieren - mit anderen technischen Möglichkeiten etwa? Aber es ist bei PTTRNS nie eine nostalgische Geste. Eher eine Erkundung dessen, was für uns stimmig zu sein scheint. Oder was wir denken, was zeitgemäß ist. Im Sinne von: »Was könnte man heute machen?«

Bei euren Konzerten, hat das Publikum schon mal Instrumente übernommen. Wird das auch in Zukunft so sein?
D: Das war bisher ein ganz wichtiger Teil eines PTTRNS-Konzerts. Ein Selbstversuch: Wie kann man die Grenzen ansatzweise auflösen zwischen Bühne und Publikum? Wir sind selbst gespannt darauf, wie sich das in Zukunft entwickelt. Aber wohl kaum so, dass wir noch mal eine Bongo-Trommel in die Mitte stellen oder Rasseln weitergeben. Es kann passieren, aber es gibt sicherlich noch andere Möglichkeiten, einen Raum zu öffnen.
P: Wir wollen Unvorhersehbarkeiten provozieren. Es ist unweigerlich so: Wenn du jemandem ein Musikinstrument in die Hand gibst, der oder die nicht mit dem Plan in den Abend gegangen ist, ein Instrument zu spielen, ändert sich dadurch alles. Diese Konzertsituation als Herausforderung zu gestalten, ist mit den neuen Songs  eine andere Angelegenheit. Es geht um eine Heraufbeschwörung von unwahrscheinlichen Situationen, die für uns jetzt gerade sowieso ganz unwahrscheinlich scheinen. Mal schauen, wie wir das machen.

Und wie sieht es mit nationalen Zuschreibungen aus. Versucht ihr die auch zu vermeiden? Obwohl einige Von-Spar-Leute am Produktionsprozess beteiligt waren, enthält das Album höchstens Spuren von Krautrock.
P: Nicht dass es Von Spar darum gehen würde, aber es ist überhaupt uninteressant, eine nationale Kulturtradition zu evozieren. Natürlich geht es auch bei uns um bestimmte Traditionen, aber es sind eben keine deutschen. Wir würden auch nicht auf Deutsch singen.
Es gibt ja so beliebte Allgemeinplätze wie »Ich kann mich auf Deutsch besser ausdrücken.« Darum geht es uns überhaupt nicht. Es gibt in der Musik nichts, was wir nicht in irgendeiner anderen Sprache auch zum Ausdruck bringen könnten.
D: Das nächste Album kommt auf Kantonesisch.

Ist es vorstellbar für euch, dass man als Band auch einen  Zustand erreicht, wo man sich auf die Musik konzentrieren und den Lebensunterhalt damit bestreiten kann?
D: Wir haben da witziger Weise schon mal drüber geredet. Einfach, wie wir uns das vorstellen. Es ist tatsächlich Konsens, dass wir uns schwer vorstellen können, nur das zu machen. Von unseren Interessen her - Lesen und Schreiben oder was weiß ich organisieren. Das sind Interessen und Tätigkeiten, die nicht konkret immer in der Musik zu verorten sind. Der Idealzustand wäre ohnehin, dass man nicht nur eine Sache macht, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Man kann eine Sache machen, um den Lebensunterhalt zu verdienen, aber es muss Raum für alles geben. Im Marxschen Sinne: Morgens Fischen und abends Kritisieren. Für mich ist das in der Tat eine ganz wichtige Vorstellung: Wie man leben will. Wie man den Lebensunterhalt verdienen will.
P: Und ob die Frage nach dem Lebensunterhalt am wichtigsten ist für die Entscheidung: »Wollen wir das machen?«. Weil ich den Eindruck habe – aus dem begrenzten Fundus an Erfahrungen und Bekanntschaften – dass diese Konzentration auf Musik in Deutschland keine Entscheidung dafür ist, den Lebensunterhalt damit zu bestreiten.
D: Mit ganz wenigen Ausnahmefällen.
P: Es käme für uns wohl nie in Frage, das ausschließlich zu machen. Ob wir nebenbei noch jeden Tag arbeiten wollen würden, ist eine ganz andere Frage. Die Musik funktioniert auch nicht in so einer Ausschließlichkeit. Das sind auch ganz andere Diskurse, die da eine Rolle spielen. Auch für die Musik, oder in der Musik.
Es geht ja um Herausforderung, nicht um Reproduktion. Ich habe häufig den Eindruck, dass solche Überlegungen in ein Sicherheitsdenken münden: »Okay gut, das hat jetzt funktioniert. Scheiße, ich brauche Miete. Machen wir noch mal so ein Album. Das ist ja irgendwie angekommen.« So setzt sich ja ein Großteil der Pop-Landschaft zusammen. Aus einem solchen Bauspar-Rock.
H: Vom Deutsch-LK-Punk zum Bauspar-Rock.