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East End Girls

Pttrns

2010 begeisterten Pttrns auf dem Melt! mit tanzbarem Indierock. Auf dem zweiten Album »Body Pressure« streifen sie den Rock endgültig ab. Die Soul- und Disco-Referenzen lassen an Hot Chip denken. Große Verwandlungskunst, findet Wolfgang Frömberg. Foto: Alexander van Hagmann
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Der Weg zum Interview mit PTTRNS führt durch industrielles Brachland und zwischen Siedlungen hindurch, die aus den Jahren stammen, in denen es hier noch Arbeit für deren Bewohner gab. Der rechtsrheinische Stadtteil Kalk gehörte lange zu den toten Winkeln Kölns, weil eine vor sich hin malochende Arbeiterklasse nun mal so unattraktiv ist wie eine arbeitslose »Unterschicht«. Da sich der Stadtteil auf der von vielen Kölnern eh verschmähten »Schäl Sick« befindet, brauchte er nicht mal den Niedergang zur Abgrenzung. Die »Phantome« der Songs des zweiten Pttrns-Albums »Body Pressure« scheinen passend, während die Buslinie 159 bröckelige Fassaden passiert, auch wenn die englischen Lyrics nicht darauf bezogen sind. Sie liefern alles andere als Milieustudien einer Gegend, die Studenten und losen »Kreativen« relativ günstige Räumlichkeiten bietet, während das alte Kalk noch phantomhaft sichtbar und zugleich real existent ist.

Die entwickelten Netzwerke treiben, wie in solchen Zwischenräumen üblich, Prozesse der Gentrifizierung an. Im Gespräch mit Patrick Hohlweck, Daniel Mertens, Hendrik Frese und Benjamin Riedl im Secret Store der befreundeten Trinkhallen Schickeria wird dieses Symptom unaufgeregt diagnostiziert. PTTRNS betreiben fünf Minuten entfernt mit dem Klub Genau e.V. das Herzstück eines mehr oder weniger subkulturellen Lebens, das Kalk zum interessanten Fluchtpunkt für Partys und Konzerte jenseits des Autonomen Zentrums gemacht hat. So wirkt es jedenfalls von außen. Seit etwa zweieinhalb Jahren befindet sich der Proberaum der Band im selben Gebäude. Die acht Songs von »Body Pressure« sind dort beim Jammen entstanden und wurden in den Dumbo-Studios auf der anderen Rheinseite mit Von-Spar-Schlagzeuger und Resident-Producer Jan Philipp Janzen aufgenommen und ambitioniert zusammengeschraubt. PTTRNS erläutern im Dialog, hier ihrer Musik entsprechend in der Kollektivform wiedergegeben, es habe ein »intensiver Austausch« stattgefunden. »Wir haben an winzigen Details lange herumgefeilt. Die fallen einem beim Hören selbst nicht mehr auf, waren in der Entstehungssituation aber wichtig.« Zur Ergänzung: »Wir hatten vorher eine 12"-Serie begonnen, die wir mit Philipp produzierten, aber diesmal ist mehr Einfluss durch den Produktionsprozess hörbar.«

Die veränderten Newcomer

PTTRNS spielten nach ihrem 2010 veröffentlichten Debütalbum »Science Pinata« den Intro-Newcomer-Slot auf dem Melt!, die Begeisterung war im Haus nahezu einhellig. Der erste Kommentar eines Redaktionskollegen 2013 lautete, er habe die Band nun kaum wiedererkannt. Tatsächlich handelt »Body Pressure« nicht einfach von Verwandlungen, auch wenn in den von allen Bandmitgliedern gemeinsam verfassten Songtexten verschiedene Figuren aus der Ich-Perspektive durch unterschiedliche Körper und Geschlechter geistern. PTTRNS haben sich tatsächlich als Ganzes gewandelt. Über den Weg der erwähnten 12"s mit den Remix-Seiten und eine neue Konzentration auf ihre Stimmen als Instrument wollten sie der eigenen Punk-Tradition letzte Rockismus-Überbleibsel austreiben. Und wirklich: Die Assoziationen weisen klarer denn je in Richtung Disco und Soul, man stellt unweigerlich eine Feminisierung fest. Es sei ihnen durchaus um etwas gegangen, dass »Frauwerden im Sound« genannt werden könne, bestätigen sie. Mit etwas Aufmerksamkeit lassen sich die Referenzen natürlich kleinteiliger aufdröseln. Vom ambienten Rauschen vor dem Opener »Healing« bis zum R’n’B-Showdown von »Major Nature«, in dem sowohl der Rhythmus der Natur als auch die gesellschaftlichen Mechanismen überwältigt zu werden scheinen. Auch nationalen Zuschreibungen entziehen sich Pttrns übrigens auf bewusste Art und Weise (Achtung, das Album kann dennoch Spuren von Krautrock enthalten!).



Ein Konzeptalbum vom Reißbrett war bei aller Strukturiertheit und trotz einiger Prämissen allerdings nie beabsichtigt. Es habe schon mal »High Five, Bier und Knüppeln nach dem dritten Take« im Studio gegeben, versichern die Jungs aufgeräumt, und Musikstile werden auch nicht mit »historiografischer Geste« zitiert. PTTRNS bezeichnen »Body Pressure« lieber als Teil eines »organischen Prozesses«. Dazu zählen das Tauschen der Instrumente nach der Bandlosung »everyone plays everything« und die Miteinbeziehung des Publikums bei Live-Auftritten. Natürlich vermutet man bei solch engem Verhältnis zur körperbetonten Musik Antworten auf Identitätsfragen hinter den tagebuchartigen Texten ohne festes Subjekt. So wie man auch die nächste Italo-Disco-Passage, mehr Oldschool-Electro-Beats oder ein paar weitere Happy-Hardcore-Akkorde erwartet.

Aber PTTRNS betonen: »Wenn es in der Musik eine Theorie gibt, dann ist sie darauf ausgelegt, sich selbst verschwinden zu lassen.« Im der Kunst des Verschwindens wiederum wird immer deutlicher eine Band erkennbar, in deren Sound Kopf- und Handarbeit gleichzeitig und gleichberechtigt zu vernehmen sind. Unbedingt live anschauen und weiterverarbeiten!