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Der richtige Kompass

Prinz Pi

Der Veröffentlichungskatalog von Friedrich Kautz ist beachtlich. Das neueste, mit einem Dylan zitierenden Paradoxon betitelte Album »Kompass ohne Norden« ist bereits das fünfzehnte Album des Berliners – Best-ofs, Akustik- und Live-Releases genauso mitgezählt wie den politisch fragwürdigen Backkatalog als Prinz Porno. Von diesem Pseudonym hat sich Kautz mit seinem Künstlernamen Prinz Pi freigerappt. Im Hier und Jetzt steht er, so splash.de-Autor Michael Obenland, für gut beobachtete dokumentarische Texte.
Geschrieben am
-Promotion-

Spätestens, seit er vor vier Jahren mit dem Song »Sneakerking« seine Sneaker-Leidenschaft manifestiert hat, weiß jeder HipHop-Fan, was für ein Turnschuh-Liebhaber hinter dem Berliner Rapper Friedrich Kautz steckt. Mehr als 350 Paare zählt seine stetig wachsende Sammlung aktuell, mit Schwerpunkt auf seiner Lieblingsmarke Nike. Auch an eigenen Schuhdesigns hat sich Kautz in der Vergangenheit schon versucht, beispielsweise zur Veröffentlichung seines »Neopunk«-Albums, das er mit einer Sneaker-Ausstellung promotete.

Zu diesem Zeitpunkt hatte er seinen Prinz Porno bereits abgelegt. Und doch hat der Titel des neuen Albums »Kompass ohne Norden« etwas von einem verspäteten Schuldeingeständnis: Der Mann, der sich selbst – wie originell – gern als bester deutscher Rapper tituliert, sagt damit subtil aus, dass er in der Vergangenheit vielleicht nicht immer wusste, wo es langgeht, einfach, da er nicht mit dem richtigen Kompass ausgestattet war.

Der Berliner, ein Kind der sogenannten desillusionierten Generation Y, befindet sich nun endgültig jenseits von Eden – und wendet den Blick zurück in eine Zeit, die voller Irrungen, aber auch Perspektiven war. Prinz Pi ist keiner von diesen Rappern, die nicht wissen, was sie tun, die ignorieren, wenn ihnen ein logischer Schiffbruch den Weg zum rettenden Doppelreim gewiesen hat. Oder die plötzlich ihr eigenes Versagen als roten Faden im Lebenslauf entdecken und sich ebenso maßlos dem neuesten Trend Befindlichkeitsrap hingeben.



Der produktive Musiker und Grafikdesigner Kautz hat einerseits etwas von dem Woody-Allen-Charakter Leonard Zelig aus dem Film »Zelig«: Aus dem Wunsch heraus, es allen recht zu machen, imitiert er als Prinz Pi andere starke Persönlichkeiten. Andererseits ist diese Strategie bei ihm aber auch Günter-Wallraff’esk geprägt, wenn der blasse Computerpunk mit der Stachelfrisur sich plötzlich die Mähne aus der Stirn streicht und auf der Vespa in Richtung sinnlose Rebellion düst, um von dort melancholisch, mit Pick-up und im Holzfällerhemd zurückzukehren. Immer scheint er dabei ein wenig allein am Rand zu stehen, statt voll mitzumischen: Es hieß: »Lebe deinen Traum« – doch was ist sein Traum? Anders als die Artgenossen, die ihren einen Typen spielen, bis der nicht mehr interessant ist – und oft weit darüber hinaus –, und dann abtreten, schlüpft Prinz Pantomime mit stoischer Miene in immer neue Rollen. Aus dem Spieler, der gerne provoziert, ist ein Beobachter und Chronist geworden. »Wir wünschen uns so sehr, dass wir im Gestern wär’n, leben nach der Formel: je retro, desto neu. Alles ist ironisch.«

Mit »Kompass ohne Norden« hat Prince Pi seinen Platz gefunden.