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So war der Samstag: Das Ohr auf der Schiene der Geschichte

Primavera Sound Festival 2014

Letzter »voller« Festivaltag beim Primavera in Barcelona – und wieder ist das Line-up so vollgepackt, dass man beim besten Willen nicht mal alle Headliner zu sehen bekommt. Ein großartiges Programm kriegt man aber auf jeden Fall zu sehen – egal vor welchen Bühnen.
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Um es gleich ganz offen zu sagen: Auch der Primavera-Samstag bot einige Konzerte, von denen man gut hätte berichten können, vielleicht sogar müssen – die aber nicht alle in den persönlichen Zeitplan des Autors passten und deshalb nur angerissen werden können. Kendrick Lamar (großartig mit voller Band) gehört sicher dazu, die Nine Inch Nails (Augenzeugen sagen: schräg und enttäuschend) sicher auch. Oder Justin Vernons Volcano Choir, die auf ihrer Bühne vor allem mitein paar Soundproblemen gekämpft haben, trotzdem aber toll gewesen sein sollen. All diese Bands hätte der Autor sehr gerne gesehen – es gab aber andere, die er noch ein wenig lieber sehen wollte. Und man kann sich ja nun mal nicht zweiteilen.

Die Zeitreise in verschiedenste Epochen der Rockgeschichte setzte sich auch am Samstag nahtlos fort: Indie-Kids der 1990er-Jahre gerieten bei Superchunk (mit Jon Wursters Bob-Mould-Bandkollege Jason Narducy anstelle von der erkrankten Laura Ballance am Bass) in Verzückung. Ältere Semester überprüften den Mythos um Television, die ihr legendäres »Marquee Moon«-Album in voller Länge performten. So mancher Fan musste schmerzvoll erkennen, dass sogar diese eigentlich so zeitlose Musik genauso altert wie die Bandmitglieder selbst.
 

Eine andere Legende der Musikgeschichte zeigte sich kurz darauf deutlich vitaler: Der Brasilianer Caetano Veloso muss sich gefühlt haben, als habe er auf der iberischen Halbinsel ein Heimspiel – so viele Fans feierten und sangen die Stücke des Liedermachers, der vor allem für den von ihm mitentwickelten Tropicalismo-Stil bekannt ist. Zwar hatte nur eine abgespeckte Band die Reise über den Atlantik mitgemacht, seine Wirkung verfehlten aber auch die reduzierten Arrangements nicht.
 

Während auf einer der kleineren Bühnen noch Earl Sweatshirt als inoffizieller Genre-Support für den großen Kendrick über die Bühne tollte, wurde es vor den Hauptbühnen Zeit für die Headliner-Riege: Godspeed You! Black Emperor etwa wurden heiß erwartet, ihre Show erwies sich aber als ziemlich zäh – die Kantigkeit der Frühwerke ist mehr und mehr einer psychedelischen Konturlosigkeit gewichen, die die Band um Efrim Menuck nur noch in Momenten aufzubrechen in der Lage ist. Besser machten es Mogwai, die zwar regelmäßiger auf dem Primavera zu Gast sind, die aber in ihrem umwerfenden Set auf ihrem erklärten Lieblingsfestival alle Register zogen und sogar die Konzerte ihrer schon großartigen Hallen-Tournee im Frühjahr noch mal überragten.
 

Tanzen konnte man in dieser Nacht am besten zu Blood Orange, die sich vom Getöse der umliegenden Bühnen (typisches Primavera-Problem, gerade in der Nacht) nicht stören ließen und ein Set ablieferten, das sogar Michael Jackson und Prince zur Ehre gereicht hätte, inklusive eines Covers des Solange-Hits „Losing You“ als krönender Abschluss.
 

Es gäbe noch eine Menge anderer Shows zu erwähnen, etwa den umwerfenden Reunion-Gig der Emo-Ikonen The Dismemberment Plan, oder die Garage-Show Cloud Nothings, die zwar toll war, aber dennoch besser in einen Club gepasst hätte. Fest steht jedoch, dass das Primavera das hohe Level der Vorjahre wieder halten konnte und auch 2014 jede Fernreise wert war. Das urbane Festival in Barcelona gehört mit seiner Location direkt am Meer sicher zu den besten Open Airs des Kontinents – selbst dann, wenn der persönliche Musikgeschmack eigentlich in eine andere Richtung tendiert. Die Fans, die kommendes Wochenende zur kleinen Festivalschwester Optimus Primavera nach Porto fahren, können sich schon mal freuen.