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So war der Freitag: Zwei Regenbögen für Yamantaka

Primavera Sound Festival 2014

Der Freitag des Primavera Sound Festivals watete wieder tief in der Geschichte des Underground-Rock. Dabei überzeugten Slint und Slowdive, wogegen die Pixies und Loop eher ein flaues Bauchgefühl hinterließen. Die Überraschung des Tages hörte aber auf den Namen Yamantaka / Sonic Titan.
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Es ist Tradition beim Primavera Sound, dass sich Aufbau und Verteilung der zahlreichen Bühnen auf dem Gelände von Jahr zu Jahr leicht wandeln. Während die Veranstalter noch 2013 an den beiden Enden des Parc del Forum jeweils eine Hauptbühne installierten und das Publikum somit auf weite Reisen zwischen den Gigs der Headliner schickten, konzentrieren sich die großen Acts in diesem Jahr auf ein Areal mit zwei gegenüber liegenden Bühnen. So muss man sich als Zuschauer bloß einmal um die eigene Achse drehen, um etwa von Slowdive zu den Pixies zu switchen. Der Nachteil dieser Anordnung: Der Zuschauerstrom auf dem Gelände gerät nicht mehr so leicht in Fluss wie in den vergangenen Jahren. Das heißt auch, man findet hier und da ein „stilleres“ Plätzchen in Barcelona, etwa vor der etwas experimentelleren ATP-Stage.

 

Am Freitag setzte eben dort der Auftritt des kanadischen Performance-Art-Ensembles Yamantaka / Sonic Titan ein frühes Highlight am späten Nachmittag. Was dem unbedarften Betrachter angesichts der geschminkten Akteure auf den ersten Blick vorgekommen sein könnte wie eine japanische Kiss-Cover-Band, entpuppte sich schon mit den ersten Tönen als Yamantakas eigene „Noh Wave“-Kombination aus opernhaftem Gesang, repetetivem Progressive-Rock und Manga-Punk-Attitüde. Alaska B, Ruby Kato Attwood sowie die übrigen Mitglieder der Gruppe, die neben der Inkarnation als Rockband auch Theaterstücke aufführen, setzten eine Energie frei, die selbst die Wolkenbänke zu beeindrucken schien. Die schoben sich vom Meer kommend drohend über den Parc del Forum. Das Gewitter wartete brav, bis der Yamantaka-Sturm vorüber war und tobte sich dann für eine gute halbe Stunde mit Regenschauer, Blitz und Donner aus.

 

Wohl dem, der einen trockenen Sitz im Saal des Auditori Rockdelux ergattern konnte, wo Nick Caves alter Gefährte Mick Harvey seine Interpretationen von Serge Gainsbourg-Songs präsentierte. Dort blieb einem allerdings der Blick auf den doppelten Regenbogen verwehrt, der sich am Himmel abzeichnete, um Yamantaka / Sonic Titan Tribut zu zollen.

Die folgende Band auf der ATP-Bühne, Loop, konnte den Energie-Level jedenfalls nicht halten. Eine Formation mit viel Vergangenheit und kaum Gegenwart. Die Achtziger-Neo-Psychedelics um Robert Hampson lösten sich nach den ersten Spuren, die sie samt eigenem Label und John-Peel-Sessions ab 1986 in der Popgeschichte hinterließen, bereits 1991 wieder auf. Seit dem letzten Jahr sind sie in der Besetzung der Spätphase noch einmal unterwegs und kuratierten sogar ein ATP-Festival. Ihre Show wäre in den Achtzigern zwar voll in Ordnung gegangen, ist aber schon damals verglichen mit anderen Acts aus dieser Zeit wie etwa Spacemen 3, die die Idee von Wiederholung und Intensität mit ihren Ein-bis-drei-Akkord-Stücken ebenfalls verfolgten und in berauschenden, vibrierenden Feedbackschleifen zur Vollendung brachten, eher ein laues Lüftchen gewesen. Der Auftritt von Loop zeigte auch, dass es das Primavera Sound weiter ausmacht, immer wieder längst vergangene und vergessene Künstler auf die Bühnen zu holen. Es muss aber nicht in jedem Fall eine Idee mit umwerfenden Folgen sein, die alten Geister zu beschwören.

 

Das gilt nicht für die wahrhaft wundervollen Shows von Slowdive und Slint im Verlauf des Abends. Sie brachten einem das weite und fruchtbare Spannungsfeld zwischen Shoegaze und Postrock aus dem Zeitraum Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger Jahre in einem historisch wertvollen Double-Feature nahe. Dagegen blieb auch der von einem großen Teil des Publikums abgefeierte Pixies-Auftritt auf der Heineken-Stage blass. Zwar hüpft die Menge weiterhin begeistert zu „Ed Is Dead“, „Monkey Gone To Heaven“ oder „Where Is my Mind“ auf und ab. Es wird jedoch der Tag kommen, wo auch dem letzten Fan klar wird, dass Black Francis selbst am wenigsten Lust hat, diese verfluchten Songs immer wieder zu spielen. Man sieht es ihm an.

 

Der Rest der Nacht blieb trocken, zumindest was das Wetter angeht. Den Preis für das heißeste Regencape und die beste Show mit drei Schlagzeugern muss aber noch an eine gut aufgelegte FKA Twigs vergeben werden. Für ihren Hit „Water Me“ hat sich der Abstecher zur Pitchfork-Bühne allemal gelohnt.