×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

So ist es in Barcelona: Tag 1 und 2 im Überblick

Primavera Sound Festival 2013

Ein Festival der Superlative: Das Primavera Sound vereint die besten Indie- und Elektro-Acts der letzten 30 Jahre zu einem Line-up, das besonders alte Connaisseure mit der Zunge schnalzen lässt.
Geschrieben am

Donnerstag, 18:30 Uhr, Heineken

Die aus Virginia stammende Dream-Pop-Formation Wild Nothing spielt zwar nicht zum ersten Mal im Parc Del Forum, die Menge an Zuschauern vor der Heineken Bühne ist aber dennoch beeindruckend.Hierzulande trotz des großartigen aktuellen Albums »Nocturne« eher durch kleine Club-Shows bekannt, macht das Quartett auch auf der großen Bühne eine gute Figur.

Donnerstag, 19:40 Uhr, Pitchfork

Den britischen Post-Punk-Revivalisten Savages eilt der Buzz bereits seit einiger Zeit voraus, die Zuschauer der Pitchfork-Bühne sind dementsprechend in freudiger Erwartung. Die düstere Formel aus Metal, New Romantic und Noise mag nicht die neueste sein, die Perfomance der geschlossen in Schwarz gekleideten Damen macht dennoch etwas her. Dräuende Feedback-Schleifen und morbid hallende Gitarren setzen der katalanischen Sonne einen tiefschwarzen Gestus entgegen.

Donnerstag, 20:43 Uhr, Heineken

In diesem Jahr kann man sich auf dem weitläufigen Gelände des wohl matschfreiesten Festivals der Welt nicht nur zwischen dem Programm auf über zehn Bühnen entscheiden, sondern auch per Shuttle Service zwischen den beiden Hauptbühnen pendeln. Eine große Crowd kann sich am frühen Abend weite Wege sparen, da auf der Heineken-Bühne im Schatten des Riesenrades (nur für besonders trinkfeste und schwindelfreie Besucher zu empfehlen) zunächst die einschmeichelnd postpunkigen Wild Nothing und gleich darauf die neo-psychedelischen Tame Impala spielen. Nicht wenige wollen beide Gruppen sehen, und so knubbelt sich die Menge ordentlich. Die Australier Tame Impala legen mit »Solitude Is Bliss« los und liefern mit viel Material vom Album »Lonerism«  samt den entsprechenden Visuals eine reife Show ab. Auch wenn man sich manchmal fragen kann, ob Mastermind Kevin Parker jemals ins Schwitzen kommt – und wie es wäre, wenn er mal leidenschaftlich eine Gitarre auf der Bühne zerschmettern würde. Parker ist und bleibt ein Tüftler, ein mitreißender Performer ist er nicht. Trotzdem: Good clean fun.

Donnerstag, 21:50 Uhr, Primavera

Dinosaur Jr. sind eine verlässliche Bank, das wissen natürlich auch die Besucher des Primavera Sound Festivals. Da macht es auch nichts, dass der J Mascis & The Fog-Schlagzeuger Kyle Spence aktuell den angestammten Drummer Murph ersetzt. J Mascis schwingt zwischen Marschall-Verstärkertürmen die graue Mähne und tausende von Besuchern schwelgen in nostalgischen Gefühlen. Schaut man sich all die jungen, von Mascis und Co. inspirierten Bands auf dem Primavera an, wird schnell klar, dass diese Band auch fast 30 Jahre nach ihrer Gründung kein bisschen Relevanz eingebüsst hat. Auch wenn die große Primavera-Bühne für ihren Auftritt fast ein wenig zu gewaltig scheint.

Donnerstag, 22:50 Uhr, ATP

Bob Moulds Auftritt beginnt vor einer eher überschaubaren Anzahl an Fans. Kein Wunder, schließlich spielen mit Deerhunter und Postal Service zwei Primavera-Schwergewichte links und rechts. Doch es wird schnell voller, und das nicht ohne Grund: Die Show der agilen Sugar- und Hüsker Dü-Legende ist großartig, seine Begleitband aus Jon Wurster und Jason Narducy so punktgenau wie wahrscheinlich keine Sugar-Formation zuvor. Die drei spielen gleich mehrere Sugar-Hits am Stück, »If I Can’t Change Your Mind«, »Hoover Dam«, »The Act We Act« und noch einige mehr, dazu die Songs der tollen aktuellen Bob Mould-Platte. Am Ende ist der Platz vor der ATP-Bühne voll, die Leute haben einen der unerwarteten Höhepunkte des diesjährigen Primavera Sound gesehen.

Donnerstag, 23:00 Uhr, Heineken

Natürlich wollen viele Primavera-Besucher wissen, wie The Postal Service denn nun nach dem mythischen Buzz in den letzten zehn Jahren und dem beinahe unglaubwürdigen Comeback vor wenigen Monaten denn nun in natura auf der Bühne stehen. Die Antwort: ziemlich aufgeräumt. Eine bunte Lichtshow funkelt, Ben Gibbard singt seine hellen Melodien und wippt im Takt, wenn er nicht gerade zwischen Gitarre und Schlagzeug hin und her schwirrt. Jimmy Tamborello widmet sich weitgehend konzentriert seinem Gerät, und als Stargast singt Jenny Lewis nicht nur ihren Song »We Will Become Silhouettes«. Irgendwie hätte man sich einen Postal Service-Auftritt etwas nebulöser vorgestellt, so ist es ein etwas unerwartetes, eher leichtes, aber trotzdem volles Vergnügen. Es gibt die Songs von »Give Up« bzw. der gerade erschienenen Deluxe-Wiederveröffentlichung und ein Cover von Beat Happening.

Donnerstag, 23:10 Uhr, Ray-Ban

Auf der Ray-Ban-Bühne haben in den letzten Jahren viele alte und neue Stars gestanden. Suicide, Einstürzende Neubauten, Swans, Coco Rosie und Grizzly Bear feierten dort glanzvolle Auftritte. Der perfekte Ort für einen Deerhunter-Gig, bündeln sich doch gerade in deren Sound viele lose Enden der Pophistorie: Psychedelic, Ambient, Punk…Die Band um Bradford Cox erscheint geradezu als idealtypischer Pimavera-Act. Auf ihren bislang sechs Alben formen Deerhunter die Einflüsse von ewigen Helden wie My Bloody Valentine und Nick Cave And The Bad Seeds, die nicht ganz zufällig am Samstag nacheinander auf der Heineken-Stage auftreten werden, zu ihrem eigenen Shoegaze-Noise. Bradford Cox betritt an diesem Abend die Bühne im leichten Sommerkleid, das seiner androgynen Gestalt hervorragend steht. Deerhunter spielen von Anfang an vor einer ansehnlichen Menge, die im Laufe des Konzerts immer weiter wächst. Eine Show, die ihre eingefleischten Fans auch deshalb begeistert, weil sie sich vergewissern können, dass Cox trotz seines heiklen Gesundheitszustands in der Lage ist, sie zu berauschen. Die anderen wundern sich vielleicht, wie viel Power in diesem hageren Charismatiker steckt. Und alle werden sich lange an diesen Abend erinnern.

Donnerstag, 1:10 Uhr, Pitchfork

Damian Abraham schaut aufs Meer hinaus. Die Pitchfork Bühne liegt direkt auf Höhe des Meeresspiegels, und dieser Anblick scheint den Fucked Up-Berserker wohl ein wenig zu verwirren. Oder zu besänftigen? Jedenfalls turnt er zu Beginn seiner Show nicht so wild durch die Reihen wie sonst immer. Stattdessen Song um Song in relativ dichter Abfolge und ein paar lauwarme Witze über einen kanadischen Freund und spanische Vornamen. Aber im weiteren Verlauf besinnt er sich doch noch, schreit seine Hardcore-Balladen, schlägt Räder, steigt von der Bühne und fällt seinen Fans in die Arme. So viel Liebe kann einen schon mal umhauen.

Donnerstag, 1:55 Uhr, Heineken

Phoenix können trotz ihres eher schrägen aktuellen Albums »Bankrupt!« immer noch mühelos jeden Headliner-Slot füllen. Sie beginnen ihr Set zu später Stunde folgerichtig mit dem Gassenhauer »Entertainment«. Was ab da folgt, ist Unterhaltung vom Feinsten: Lässig schütteln die Franzosen »from Paris« einen Hit nach dem anderen aus dem Ärmel. Davon gibt es mehr als genug, deshalb können sie es sich sogar erlauben, sich alte Stücke wie »If I Ever Feel Better« zu sparen. Schönster Moment: Die Band lässt den Soundtrackbeitrag zum letzten Sofia Coppola-Film in die aktuelle Single »Bankrupt« vor einer untergehenden Sonnenkulisse auf der LED-Leinwand übergehen. Da darf das Konfetti auch entgegen der landläufigen Dramaturgie in der Mitte des Sets verschossen werden. Und während sich ein bestens gelaunter Thomas Mars am Ende noch mit vollem Körpereinsatz vom Publikum auf Händen durch die Menge tragen lässt, gesellen sich die befreundeten Dinosaur  Jr. zum krönenden Finale zu den verbliebenen Musikern auf die Bühne. Ganz großes Entertainment und ganz klar die Gewinner des Abends.

Donnerstag, 2:30 Uhr, Pitchfork

Für Freunde der elektronischen Musik dürfte vor allem das Set von Four Tet ein Höhepunkt gewesen zu sein: Der britische Sample-Artist bringt wie kaum ein anderer Act an diesem Abend Bewegung in die Zuschauer-Mengen, in dem er über weite Strecken die basslastigen Single-Veröffentlichungen seines eigenen Labels »Text Records« ineinander schiebt und clever variiert.

Donnerstag, 3:10 Uhr, Primavera

Bevor John Talabot die übrig gebliebenen mit einem technoiden DJ-Set vor der Ray-Ban-Stage in die Nacht bzw. den frühen Morgen entlässt, gerät der Ausklang mit Animal Collective etwas zu kontemplativ. In gewohnt surrealem Bühnen-Setting gibt die Band ein Medley diverser Alben zum besten, doch selbst Hits wie »My Girls« wirken in den hinteren Rängen etwas lust- und drucklos.



Freitag, 19:30 Uhr, ATP

Wer sich als junge Band freiwillig den Namen Merchandise zulegt, der sucht ganz offensichtlich nicht den schnellsten und bequemsten Weg zur Anerkennung (Stichwort SEO). Ihr variabler und auf den Punkt gespielter (Punk-)Rock spricht indes für sich und bedarf im Grunde keiner weiteren Suchmaschinen-Recherche. Bemüht man jene doch, landet man schnell bei Referenzen wie Neil Young oder Ian Curtis.

Freitag, 20.25 Uhr, Heineken

Das Riesenrad schaufelt sich weiter durch den Wind, der vom Meer Yum Yum-Suppen-Aromen übers Festivalgelände trägt. Nachdem Kurt Vile seine Ich-möchte-so-gern-ein-Rockstar-sein-Mähne in diesem Wind eine knappe Stunde lang vor der wachsenden Fangemeinde hat wehen lassen, betreten Django Django, die vor einem Jahr mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum für einen kleinen aber feinen Hype sorgten, die Bühne. Die Briten sehen in ihrem Bühnenoutfit aus wie eine Kreuzung aus Devo und WhoMadeWho, Keyboarder Tommy Grace hat auch wegen des Brillenmodells tatsächlich starke Ähnlichkeit mit Devo-Sänger Mark Mothersbaugh. Nach einem ambientem Intro bringen Django Django die nur darauf wartende Meute mit ihrem Post-Art Pop und Hits wie »Default« und »Hail Bop« schnell zum Tanzen. Freundlich lächelnd grooven sie sich zwischen Hot Chip und PTTRNS ein und lassen die Füße nicht mehr stillstehen. Manchmal klingt das ein wenig glatter als die Studioaufnahmen, und man vermisst die Raffinesse und/oder den Soul. Aber das ist sicher Absicht, und wir können es verschmerzen.

Freitag, 21:15 Uhr, Auditori Rockdelux

Das Auditori Rockdelux ist ein überdimensionales rautenförmiges Konzerthaus am Eingang des ehemaligen EXPO-Geländes und als einzige Indoor-Location des Primavera ziemlich angesagt. Während beim Konzert von Daniel Johnston partout kein Reinkommen mehr möglich ist, sind wenigstens beim ehemaligen Girls-Sänger Christopher Owens noch ein paar Plätze frei. Und der Weg dorthin lohnt sich: Er instrumentiert hier seine schlicht-schönen und surreal-verhuschten Popsongs voll mit Saxophon und Klarinette, Orgel und Background-Sängerinnen. Dazu trägt der Cobain-Lookalike Anzug und überraschend ordentlich gekämmte Haare. Sehr gut, nicht nur, um mal bequem zu sitzen.

Freitag, 21:40 Uhr, Primavera

Bei ihrem Secret Gig im innenstädtischen Apollo am Mittwoch haben die meisten The Breeders noch verpasst – zum Glück spielen sie an diesem Abend noch mal auf einer der beiden Hauptbühnen ihr weit rezipiertes zweites Album »Last Splash« von 1993. Allerdings scheint den Deal-Schwestern und ihren Mitstreitern der Buzz um ihre Anwesenheit nicht ganz geheuer zu sein. Sie wirken sehr zurückhaltend, wenn auch ausnehmend freundlich. Vielleicht wissen sie, dass das vor 20 Jahren erschienene Album neben Hits wie »Cannonball« und »Divine Hammer« ein paar Längen besitzt, die zumindest live zutage treten.

Freitag, 21:55 Uhr, Pitchfork

Wie aufregend Gegenwartspop sein kann, zeigt der mit Spannung erwartete Auftritt von Solange. Nach zwei gefloppten Soloalben landete die Sängerin mit »Losing You« endlich einen veritablen Hit,  der nur wenig mit dem Dienstleistungs-Pop ihrer großen Schwester Beyoncé gemein hat. Auch auf der Bühne merkt man Solange ihre Spielfreude deutlich an, gut gelaunt singt und tanzt sie sich stilsicher durch sämtliche Songs ihrer vielfach gelobten, von Dev Hynes (Blood Orange) produzierten EP »True«, der live ebenfalls mit von der Partie ist. Es sind aber vor allem ihre geschmackssicheren Tanzeinlagen, die beim Publikum Jubel auslösen und an die frühe Whitney Houston oder Janet Jackson erinnern. Dass Solange darüber hinaus auch noch einen exquisiten Musikgeschmack besitzt, beweist sie zum Schluss noch mit der Auswahl ihrer Zugabe. Ungewohnt ruhig covert die sonst so zappelige Sängerin den Dirty Projectors-Song »Stillness Is The Move«. Bitte bald wiederkommen.

Freitag, 22:45, Ray-Ban

So mancher Festivalbesucher wird auf dem Weg von der Primavera-Bühne zum Konzert von The Jesus And Mary Chain von hypnotisch repetitiven Rhythmen und Basslines auf der Ray-Ban-Bühne abgelenkt. Und wer von ihnen bleibt, um sich den Auftritt der weltweit wohl berühmtesten Tuareg-Band Tinariwen anzusehen, bereut es nicht. Tinariwen – der Name bedeute soviel wie »Wüsten« und steht sowohl für das harte nomadische Leben unter den Bedingungen der Sahelzone als auch sinnbildlich für die Existenz in der städtischen Diaspora – sind in Europa längst keine Unbekannten mehr. Gründer Ibrahim Ag Alhabib und der Rest der in traditioneller Kleidung auftretenden Formation verbinden seit den Achtziger Jahren  Einflüsse aus der Rockmusik mit stoischen traditionellen  Loops. Ein Sound, von dem Avantgarde-Tüftler wie Can in den Siebziger Jahren geträumt haben dürften. Lohnenswert darüber hinaus, sich mit der Geschichte der Tuareg auseinanderzusetzen. Aber erst mal tanzen, tanzen, tanzen…

Freitag, 22:55 Uhr, Heineken

War es schon einmal so voll vor einer Bühne des Primavera-Festivals? Seine adoleszenzprägenden Helden bekommt man schließlich nicht alle Tage zu Gesicht, die auf The Jesus and Mary Chain wartende Menschenmasse vor der Mainstage bleibt aber trotzdem spektakulär. Ob sich die seit 2007 reformierten Shoegaze-Veteranen davon beeindruckt zeigen, ist schwer abzuschätzen. Die ganz in schwarz gekleideten Musiker geben sich gewohnt wortkarg und lassen es auf der Bühne ruhig angehen. Bis auf ein dahin genuscheltes Gracias von Sänger Jim Reid lassen sich die Schotten nicht in die Karten gucken. So manch einer mag sich von dem Auftritt mehr erhofft haben, aber man muss ja nicht immerzu auf die Lärmwand eindreschen und kann sich einfach so an der zeitlosen Schönheit von Songs wie »Some Candy Talking« oder »Just Like Honey« (mit Gastauftritt von My Bloody Valentines Bilinda Butcher am Mikro!) erfreuen, die über die Jahrzehnte nichts an Klasse verloren haben.

Freitag, 0:30 Uhr, Primavera

James Blake nimmt im mondänen Trenchcoat am Synthesizer Platz. Es sieht aus, als würde sich Debussy an seinen Flügel setzen. Der junge Brite ist mit seinem zweiten Album »Overgrown« endgültig und völlig verdient im Club der Headliner angekommen. Dass er dennoch sein etwas überstrapaziertes Feist-Cover bemüht, sei ihm verziehen, die neuen Songs stehen der großen Kulisse aber insgesamt hervorragend. Seine Show ist deutlich gewachsen, sie ist akzentuierter und pointierter als noch zu dem selbstbetitelten Debüt, außerdem streicht sie die eigene Klasse des blakeschen Sounds schön heraus. Sicher einer der besten Auftritte des diesjährigen Hauptbühnenprogramms.

Freitag, 1:15 Uhr, Vice

Angesichts der andauernden Soundverschränkungen zwischen den nebeneinander gelegenen Bühnen Pitchfork und Vice kann man von einem so empfindsamen wie hektischen Charakter wie How To Dress Well das schlimmste erwarten. Seine Reaktion auf Glass Candys Lärm von nebenan ist aber angenehm souverän: Er weist den Tonmann und seinen DJ einfach an, die eigenen Tracks lauter zu drehen. Überhaupt wird der offenbar immer noch aus Studiengründen zwischen den USA und Köln/Berlin pendelnde Tom Krell live immer besser – sein Wechselspiel zwischen seinen zwei mit verschiedenen Effekten ausgestatteten Mikrophonen ist ganz große Kunst aus der Sphäre des Postdubsoul.

Freitag, 1:30 Uhr, Heineken

Blur halten sich nicht lange auf und starten ihr Set mit »Girls And Boys«, dem Megahit von dem Album, das 1994 nicht nur ihr Leben veränderte. »Parklife« war ein Juwel des Britpop-Hypes, Damon Albarn lieferte die herausragenden Sprüche, Duelle und Affären der Epoche. Inzwischen sind die vier um Chelsea FC-Fan Albarn längst erwachsen, getrennt und für Anlässe wie diesen reunited. Graham Coxon ist trocken und Damon Albarn hat einen Goldzahn. Ob der Zahn der Zeit wohl auch an ein bisschen an ihnen genagt hat? Passend zu den Jahresringen um Augen und Hüften schlurfen sie für ihre ganz alten Fans noch mal eben durch die Single aus Shoegazer-Zeiten, »There’s No Other Way« und schöpfen daraufhin lässig aus ihrem großen Hit-Reservoir: »Tender«, »Coffee and TV«, »Beetlebum«, »Country House«. Meist aber kehren sie schnell wieder zum »Parklife«-Repertoire zurück. Songs wie »This Is a Low« und »End Of A Century« geben einem immer noch eine Ahnung davon, wie Popmusik für Partypeople in den Neunzigern funktioniert hat, wo nicht alles Grunge und Oasis war. Ein echter Klassiker, so wie die Jungs selbst. Klar, dass sie nicht gehen dürfen, ohne dass alle zusammen »Song 2« geschmettert haben. Da würden selbst die Gallaghers mitgröhlen.

 Freitag, 4:40 Uhr, Pitchfork

Die blutjungen Lawrence-Brüder, besser bekannt unter ihrem Alias Disclosure, gelten derzeit das Maß der Dinge, wenn es um den Spagat zwischen dem britischen »Hardcore Continuum« und chartkompatiblen Pop geht. Ihr äußerst musikalischer Garage-House weiß denn auch von der ersten Minute an zu überzeugen, Basslines kommen zur Abwechslung mal nicht aus dem Sampler, sondern, nun ja, von einem richtigen Bass. Lediglich die zahlreichen, live vom Band gespielten Gast-Vokalistinnen des anstehenden Albums »Settle« lassen das Set der Brüder etwas statisch wirken. Umso beeindruckender, dass Hits wie »White Noise« oder »You & Me« auch ohne die Bühnenpräsenz von Eliza Doolittle oder Aluna Francis funktionieren.