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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

One Word Extinguisher

Prefuse 73

Warum holen sich Leute wie Missy Elliott, Mary J. Blige oder Eminem nicht mal so einen Typen wie Scott Herren (a.k.a. Prefuse 73) als Produzenten? Und warum wird von Leuten wie den Neptunes oder Timbaland immer so gesprochen, als würden sie die radikalste Musik der Welt machen? Klar, ihr Zeug ist un
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Warum holen sich Leute wie Missy Elliott, Mary J. Blige oder Eminem nicht mal so einen Typen wie Scott Herren (a.k.a. Prefuse 73) als Produzenten? Und warum wird von Leuten wie den Neptunes oder Timbaland immer so gesprochen, als würden sie die radikalste Musik der Welt machen? Klar, ihr Zeug ist unter Mainstream-Gesichtspunkten schon verdammt fortschrittlich, aber wie würde es wohl klingen, wenn Missy Elliott einen Track mit einem wirklich radikalen HipHop-Producer wie Herren aufnähme - wo die Vocals zerhackt sind, Loops in atemberaubender Geschwindigkeit vor- und rückwärts laufen und sich vor lauter Breaks kaum einmal eine gerade Rhythmik entwickelt. Ein ziemlich reizvoller Gedanke, mit dem ich Scott Herren konfrontiere.

"Es ist mein Traum, mal mit Missy Elliott zusammenzuarbeiten. Es gibt da schon einige Kontakte zu ein paar dieser HipHop-Superstars. Ich treffe die beiden von Outkast relativ oft, weil sie aus meiner Heimatstadt Atlanta kommen. Die hätten mit Sicherheit Interesse an einer Zusammenarbeit, ich bin gerade daran, diesen Kontakt zu intensivieren. Ich war neulich auf einem Konzert von Mouse On Mars, und Andre von Outkast stand in der ersten Reihe und ist total mitgegangen. Alle wollten mit ihm reden, und er sagte immer: 'Nein, lass mich in Ruhe, ich will das hier hören ...' Also, die Leute sind vor allem im Süden der USA sehr offen, hören Björk oder Stereolab, also da gibt es mit Sicherheit die Möglichkeit einer Zusammenarbeit."

"One Word Extinguisher" könnte Herren einige Türen öffnen. Das Album ist geradliniger, melodiöser und zugänglicher als sein radikales Warp-Debüt "Vocal Studies & Uprock Narratives". Eine manchmal vorsichtige Öffnung in Richtung Song. Und wie so oft ist auch hier die Ex-Freundin schuld ... "Während ich die Platte gemacht habe, ging ich durch eine ziemlich lange und harte Trennungsphase, daher sind sehr viele Gefühle in die Platte mit eingeflossen - ohne dass ich es gemerkt habe. Als ich fertig war, stellte ich plötzlich fest, dass ich mir einige der Songs nicht anhören konnte, weil in mir sofort wieder Gefühle hochgekommen sind: Ich konnte mich minutiös daran erinnern, wie ich mich an diesem Tag gefühlt habe, als ich ein bestimmtes Stück aufgenommen habe. Das merkt aber zum Glück wohl niemand, der die Platte hört ..."

Schon lustig, denn HipHop - zumindest auf dem Level, auf dem Herren sich bewegt, also vielleicht zwischen RJD2 oder DJ Shadow - bringt man nie mit Gefühlen zusammen, weil die abstrakte Art der Musik immer eher auch eine abstrakte Art des Nachdenkens über diese Musik zu fordern scheint. Hat jemals irgendwer einen Artikel über Antipop Consortium geschrieben, in dem es um die Gefühle der drei ging, während sie ein Album aufgenommen haben? Denkt man bei El-P-Tracks darüber nach, ob er gerade Stress mit seiner Freundin hatte, während er im Studio war? Wohl nicht, meistens geht es in Diskussionen über solche Künstler um klanglichen Gesamteindruck, um Innovationen, um die Zukunft des Genres oder andere vermeintlich bedeutsame Dinge. Aber um Gefühle? Das scheint in Bezug auf das Nachdenken oder Sprechen über diese Musik aus irgendwelchen Gründen nicht angelegt zu sein. Und weil ich mich da selbst gar nicht ausnehme, überrascht es mich schon, dass Herren die Diskussion über sein neues Album auf diese Ebene bringt.

"Bei 'Vocal Studies & Uprock Narratives' ging es um Style, Editieren, nicht um Gefühle. Ich lebte da glücklich mit meiner Freundin, alles war prima, wir waren fast verheiratet. Mein Kopf war frei, um über diese ganzen Schnitttechniken nachzudenken, dieses Verschmelzen aller HipHop-Bestandteile. Und dieses Mal ging es mir eher um Musikalität. Wenn du in einer glücklichen Beziehung lebst, dann ist deine Freundin der Katalysator für deine Gefühle. Wenn du aber gerade eine Trennung hinter dir hast, dann musst du deine Gefühle irgendwo anders hinleiten. Also habe ich das in Songs gemacht. Und außerdem haben viele diesen Stil, den ich auf 'Vocal Studies ...' entwickelt hatte, aufgeschnappt und weitergesponnen. Deshalb habe ich mir für dieses Album gesagt: 'Okay Leute, ihr könnt Vocals editieren, soviel ihr wollt, ich muss über meine Ex-Freundin nachdenken.'"

Einen noch größeren Schritt in Richtung Gefühl geht Herren mit seinem in ein paar Monaten erscheinenden Album unter dem Pseudonym Savath & Savalas. Herren spielt mir am Ende unseres Gesprächs einen Track auf seinem Laptop vor, der so gut ist, dass er mir alles sofort auf CD brennen muss. Er hat mit einer spanischen Sängerin zusammengearbeitet - Herren lebt seit einiger Zeit in Barcelona - und macht mit ihr eine Art elektronisch vorsichtig verfremdete spanische Folklore. Wunderschön, zart, zerbrechlich und vollkommen außergewöhnlich. Es wird das Album des Jahres werden, da bin ich mir schon jetzt sicher. Und vielleicht klappt es dann ja auch mit der Zusammenarbeit mit Missy Elliott. Das würde ihm bestimmt über seinen Liebeskummer hinweghelfen ...

(Warp / Zomba)