×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Waffen, Jagd und Religion

Portugal. The Man

Wenn sich Emo dadurch auszeichnet , dass minderjährige Fans auf Konzerten bergeweise T-Shirts kaufen, aber so gut wie keine CDs, dann sind Portugal.The Man eine Emo-Band.
Geschrieben am

Ich höre das schreckliche Wort schon durch den Blätterwald rauschen: Emo. Wenn sich Emo dadurch auszeichnet - wie an jenem Abend in Rüsselsheim geschehen -, dass minderjährige Fans auf Konzerten bergeweise T-Shirts kaufen, aber so gut wie keine CDs, dann sind Portugal.The Man eine Emo-Band. Ansonsten müssen uns stilistische Zuweisungen hier nicht weiter interessieren.
Das Interview fand am Rüsselsheimer Mainufer, der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens, statt. Störgeräusche während des Interviews wurden kenntlich gemacht.

Ist das euer erstes Konzert in Deutschland?
Zach: Nein, wir waren im letzten Herbst schon mal auf Tour, aber das war der totale Horror. Wir wussten nicht, dass Bands in Europa so lange Live-Sets spielen. In den USA geht ein Set höchstens eine halbe Stunde. Pro Abend treten vier bis fünf Bands auf, und selbst der Hauptact spielt nicht länger als maximal 40 Minuten.
John: Horror war es deswegen, weil es die Band zu diesem Zeitpunkt gerade mal ein Jahr lang gab und wir noch gar kein Material für anderthalb Stunden zusammenhatten. Wir mussten auf der Bühne improvisieren, die Stücke künstlich ausdehnen, daraus kleine Jam-Sessions machen. Aber das war extrem lehrreich. Eigentlich haben wir uns auf der Tour alles beigebracht, sind musikalisch freier geworden. Du musst dir vorstellen, dass wir uns vor der Tour auch persönlich noch gar nicht ... [WROOOOM]


Eure Platte klingt dagegen sehr ausgetüftelt, gar nicht nach Improvisation ...
J: Das täuscht. Als wir ins Studio gegangen sind, hatten wir gerade mal die Rhythmen zusammen, der Rest ist ziemlich spontan entstanden. Weil wir ständig auf Tour sind, proben wir ja nie. Okay, manchmal spielt einer im Tourbus Akustikgitarre, mehr geht aber nicht. Ich finde es allerdings auch gut, wenn ... [WROOOOM] ... hatten wir unseren Dummer noch gar nicht. Ein Song sollte beim Einspielen entstehen: Wenn du zu lange daran tüftelst, dann verkorkst du ihn nur. Das hat uns das viele Touren gelehrt: Stücke müssen sich ständig verändern, lebendig bleiben. Deswegen sind wir keine typische Studio-Band.
Tourt ihr deswegen so viel, weil sich vom reinen Plattenverkauf kein Geld verdienen lässt?
J: Definitiv! Aber auch, weil mir zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Sobald ich zu Hause bin, werde ich ganz kribbelig, will wieder los. Ich will etwas von der Welt sehen. Auch wenn das eine Illusion ist. Meistens siehst du von den Städten, in die du kommst, gerade mal die Straße, in der sich der Club befindet. Und vielleicht noch die Straße daneben, weil du dort was essen gehst.
Z: Das Touren hat unsere Musik total verändert. Die Band begann als reines Elektronik-Projekt, doch Schritt für Schritt kamen immer mehr Instrumente hinzu.
J: Stimmt, wir haben uns total gewandelt. Aber das geht ja vielen Musikern so, die mit reiner Elektronik begonnen haben, sie sind fast alle wieder bei Band-Musik gelandet. Wahrscheinlich deshalb, weil der Mainstream so eintönig ist und auf all diesen aalglatten elektronischen Sounds aufbaut. In der DIY-Szene, aus der wir kommen, gibt es ein Bedürfnis nach direkter, ungeschliffener Musik. Die ist mit Gitarre nun mal leichter umzusetzen als mit reiner Elektronik. Vor allem in Alaska gibt es ... [WROOOOM]
Haben Seiten wie MySpace die Musiklandschaft verändert? Du sprachst gerade vom gleichförmigen Mainstream ...
J: In den USA hat eine gute Biersorte mal eine Umfrage gestartet. Ich will den Namen der Marke nicht nennen, in Deutschland würde ich mich nur blamieren, wenn ich sage, dass das mal ein gutes Bier war. Sie haben die Leute testen lassen und gefragt, was man am Geschmack verbessern könnte. Am Ende ist ein total fades, wässriges Bier entstanden, das es allen recht macht, indem es nach nichts mehr schmeckt. Und so ist das auch mit der Musik im Radio. Deshalb findest du gute Musik nur noch auf Seiten wie MySpace. Mir ist allerdings ein Rätsel, wie Bands alleine über ihren Internet-Auftritt berühmt werden können. So was hat es ja schon gegeben. Ich habe eher die Befürchtung, dass du versandest, weil es einfach zu viele gute Sachen auf MySpace gibt.
Ist es heutzutage noch wichtig, woher eine Band kommt? Ihr seid aus Alaska, könntet aber genauso gut ... [WROOOOM]
J: Es gibt schon tödliche und weniger tödliche Städte. In Portland gibt es unzählige softe Indie-Bands, aber du hast dort nur eine Chance, wenn du selbst in einer soften Indie-Band spielst. Fast alle DIY-Gruppen aus Alaska sind inzwischen nach Portland gezogen. Gruselig.
Z: Andererseits ist es eine Illusion, zu glauben, dass in anderen Städten mehr abginge. Schau dir doch das viel gepriesene ... [WROOOOM] ... auch nur ein kleiner Freundeskreis. Grizzly Bear, Animal Collective und TV On The Radio kennen sich persönlich, hängen miteinander ab. Wenn man das genau betrachtet, ist die Szene dort auch ganz klein.
J: Alaska hat meine Musik geprägt, zum Beispiel meine Songtexte. Ich kann keine Liebeslieder schreiben. Ich beneide Bands wie die Beatles, die konnten das noch. Fast all unsere Stücke handeln von Religion und Politik. Wenn du in Alaska aufwächst, musst du dich dem Thema Religion stellen, ganz egal, ob du religiös bist oder nicht. Es ist ein seltsames Land. Einerseits ist Alaska sehr liberal, doch in Wirklichkeit haben die meisten Menschen nur vier Themen: Waffen, Jagd, Religion und Geld.
Ich habe mir gestern den Dokumentarfilm "Jesus Camp" angesehen, der von einem evangelikalen Feriencamp für Kinder handelt. Folgt man dem Film, bekommt man den Eindruck, dass die Religion zur eigentlichen Macht im Land geworden ist ...
J: Das ist sie ja auch! Aus diesem Grund wollen wir niemals dogmatisch werden, weder inhaltlich noch musikalisch. Menschen, die 100 % hinter einer Idee stehen, sind uns suspekt. Rage Against The Machine sind auch nicht viel besser als die Republikaner, beide denken nur in festen, unverrückbaren Bahnen. Und die Bahnen, in denen die Republikaner denken, werden von der Religion bestimmt. Die, in denen Rage Against The Machine denken, von George Bush. Wenn er weg ist, braucht es die Band nicht mehr. [lacht]


Schlimmstes Interview
J: In Berlin hat uns eine Frau interviewt, deren zweite Frage gleich lautete: "Habt ihr eine Freundin?" Und als zwei von uns das bestätigten, meinte sie: "Warum habt ihr eine Freundin?" Der Rest des Interviews ging nur noch um unsere Freundinnen. Keine Ahnung, für welches Blatt sie geschrieben hat, aber eine Musikzeitschrift war es wohl nicht.
Bester Interviewmoment

J: Unser Drummer sagt nie ein Wort. Er macht keinen Merchandise, gibt keine Interviews, kümmert sich nicht um die Songs, sondern haut einfach nur stoisch auf die Pauke. Ausgerechnet bei einem Radiointerview stellte der Moderator eine Frage, die ziemlich komplex war, sie hatte etwas mit Indie-Labels und Vertriebsstrukturen zu tun. Er wandte sich direkt an unseren Drummer. Die längste und peinlichste Pause unseres Lebens entstand. Und irgendwann meinte der: "What do you mean? From a drumming kind of view?" Wir haben ihn danach noch zwei Monate lang aufgezogen, ein riesiger Spaß!

Meine markanteste Interviewgeschichte
Martin Büsser: Interviewtermin mit den Butthole Surfers in Amsterdam, damals noch für das Zap-Fanzine. Ein total bekiffter Gibby Haynes sagte gleich zu Beginn: "Deutschen gebe ich keine Interviews. Ihr seid alle Nazis oder Kinder von Nazis." Daraufhin drehte er den Spieß um und begann mich zu interviewen - über Spaghetti, Knoblauch und Popcorn. Als ich ihm sagte, dass die Deutschen eigentlich nur im Kino Popcorn essen, meinte er treffsicher: "Im Kino? - Wie bescheuert. Das macht doch total viel Krach!"