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Jungs, die von Nutten singen

Pop und diskriminierende Sprache

Von »Bitch« (Von Wegen Lisbeth) über »Nutte« (Faber) bis »Hure« (Kraftklub) – selten waren im deutschsprachigen Pop so viele diskriminierende Worte zu hören wie in diesem Jahr. Carina Hartmann ärgert das. Und auch dazugehörige Aussagen wie: »Du musst das im Kontext sehen – das Ironische herauslesen.« Nö. Muss sie nicht.
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Vor vier Monaten hörte ich das erste Mal diese eine Platte, die mir seither wenig Ruhe lässt: das Debüt von Faber. Hinter Faber steckt Julian Pollina, 23 Jahre, Züricher mit sizilianischen Wurzeln. Nach zwei EPs veröffentlichte er im Juli sein Debüt »Sei ein Faber im Wind«. »Was für ein beschissenes Wortspiel«, dachte ich mir. »Was für ein ironischer, sprachgewaltiger Typ«, fand das Feuilleton. Und da das Feuilleton für gewöhnlich etwas schlauer ist als ich, tat ich, was ich tun musste: Ich glaubte ihm. Auch Intro hatte Faber auf dem Cover und schickte eine Autorin zum Interview. Auch sie sprach ihn auf seine Wortwahl an. Nun hockte ich also eines Sonntagnachmittags in meinem Zimmer und gab dem Album eine Chance: Es ertönte ein intelligenter junger Mann, der wie ein ziemlich unreflektierter, verzweifelter alter Mann klang. Fabers Songtexte fügten sich wunderbar in das Kneipengespräch dreier Besoffener ein, das ich in der Nacht zuvor am Tisch nebenan gehört hatte – morgens um fünf ging es um den Club, in dem man wieder keine abbekommen, aber ziemlich Bock auf alle hatte. Oder kurz und knapp: Pfui. 

In diesem Kontext hörte ich also das Lied »Wem du’s heute kannst besorgen«, das folgende Worte enthält: »Bist zwar nicht schlauer als ein Schaf aber scharf. [...] Kann ich bitte deine Tits sehen? [...]« Es folgten einige Zeilen über Ärsche und Beine und schließlich der Song »Sei ein Faber im Wind«, in dem es heißt: »Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir?« Lustig sollte das sein, was Faber da singt, doch ich konnte nicht lachen. Weil er sich weder in seinen Songs noch in Interviews die Mühe gibt, zu erklären geschweige denn Gendernormen aufzubrechen. Ernst will er das mit den Brüsten und der Nutte dennoch nicht meinen. Ich war trotzdem wütend. Darüber, dass es nicht um Frauen, sondern um ihren Körper geht; dass der Intellekt einer Frau mit dem eines Schafes verglichen wird; dass ihre fehlende Zuneigung zu seiner Rechtfertigung wird, Worte wie Nutte zu benutzen, und das Ganze hinterher als »Wir fluchen doch alle mal« oder Rollenprosa ausgegeben wird.
Ein Freund, der sonst immer die Feminismus-Fahne hochhält, lachte, als ich ihm von meiner Wut erzählte. Und lachte vor allem über mich. Meine Reaktion konnte er nicht nachvollziehen. Aus seiner Sicht seien Sprache, Musik und Gestus derart überzogen, dass man die Worte gar nicht ernst nehmen könne. Vielmehr fehle mir die ironische Lesart. Ich stand mit meiner Kritik also binnen einer Minute ziemlich allein da. Um nicht zu sagen: ziemlich doof. Und vor allem unlustig.

Situationen wie diese begegneten mir in diesem Jahr oft – und noch ausgeprägter, beispielsweise in Bezug auf Kraftklubs »Dein Lied«. Im Song wird die Ex des sogenannten lyrischen Ichs zur »Hure«, weil sie mit einem anderen Mann geschlafen hat. Im Netz entfachte sofort eine heftige Diskussion. Während das Kaput Magazin von »Slutshaming« sprach, zelebrierte Die Zeit die Remaskulinisierung des in harmonischer Belanglosigkeit verseichteten deutschen Pop. Die Welt ging noch weiter und ermahnte Leute wie mich böse, linke Feministin, doch mal den Kontext zu sehen. Fragt sich nur: Welchen Kontext soll ich sehen bei einem lupenrein strukturierten Pop-Song mit frauenfeindlichen Zeilen, die hasserfüllt, pathetisch, ohne satirischen Bruch vorgesungen werden und dadurch zum Mitgrölen einladen? Die Band selbst berief sich auf ihre »Rollenprosa«, hatte das alles nicht so gemeint und kam nicht umhin zu betonen, dass sich bei Rappern auch niemand über solche Worte aufregen würde. Komisch, denke ich mir – ist das so?
Dass deutscher HipHop ein waschechtes Sexismus-Problem hat, ist ein Fakt, der innerhalb der HipHop-Szene und einschlägigen -Presse in diesem Jahr viel diskutiert wurde. Kein entlastendes Argument also. Zur gleichen Zeit unterläuft sexistisches Rap-Vokabular immer unbemerkter die »Sollte man nicht mitsingen«-Hemmschwelle. Weil catchy HipHop der Pop der Stunde ist, nie waren mehr deutschsprachige Rapper in den Charts vertreten als 2017. Wenn Cro auf »tru.« über slicke Beats von »Bitches« und »Schlampen« singt und RIN es auf »Eros« völlig okay findet, dass er beim Koitus absichtlich auf das Kondom verzichtet und »Baby« »Arrête« schreit, das alles aber so poppig klingt, dass die Songs einem im Supermarkt unbemerkt entgegendudeln und man mitpfeift, während man den Konsum-Durst stillt, ja, dann wird es echt übel. Und mir persönlich ist es dabei auch relativ egal, ob mir das Sexistische vorgesäuselt, gebrummt oder gerappt wird. 

Natürlich konnte ich den Vorwurf der Ironie-befreiten Lesart nicht auf mir sitzen lassen. Damals wusste ich nicht, warum. Heute weiß ich es. Ich finde Selbstironie spitze, aber sie funktioniert eben nur so lange, wie ich den Witz auch über mich machen kann. Dass ich mich nicht selbst als »Hure« oder »Nutte« bezeichne und dabei lache, versteht sich von selbst. »Dann musst du das mit Distanz betrachten«, höre ich meinen Kumpel sagen. Würde bedeuten, ich muss die männliche Sicht einnehmen und schaffe Distanz zum weiblichen Geschlecht. Dann, aber auch nur dann kann ich lachen – allerdings aus einer hegemonialen Sicht, die ich ziemlich ekelhaft finde. Schließlich lache ich auch nicht, wenn es um Minderheiten geht, denen ich nicht angehöre. Solche Lieder laufen nicht im Supermarkt. Warum? Weil sie politisch inkorrekt sind. 

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