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Pop Da Dubstep

Archiv: James Blake im Gespräch

Letzten Freitag erschien »The Colour Of Anything«, das dritte Album von James Blake. Vor fünf Jahren trafen wir ihn, um über sein sein selbstbetiteltes Debütalbum zu sprechen.
Geschrieben am
Wenn James Blake von seiner ersten Begegnung mit Dubstep spricht, diesem wabernden Musikstil mit den schleppenden Beats, gerät er auch heute, knapp vier Jahre später, noch in Verzückung. Blake strandete damals mit ein paar Kumpels auf der Tanzfläche der legendären Londoner Party »Forward«: »Ich hatte zu diesem Zeitpunkt wirklich keine Ahnung von elektronischer Musik. Es war ein unglaubliches Gefühl, das beim ersten Mal gleich so fühlen zu können. Der DJ hat einen Track der Dubstep-Legende Coki gespielt, und dieser Moment in diesem lauten, dunklen Club hat mich auf eine Art und Weise auf mich selbst zurückgeworfen, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe.«

Damals war Blake, Sohn eines Musikers und einer Grafikdesignerin, gerade mal 19 und ein typisches Vorstadt-Kid (aufgewachsen in Enfield am äußeren nördlichen Rand von London), also relativ ahnungslos. Oder, positiver ausgedrückt: begeisterungsfähig für das Neue. Die von da an immer häufiger besuchten Dubstep-Partys packten ihn mit ihrer Mischung aus Enthusiasmus, Energie, Kreativität und stilistischer Offenheit; Londons musikalische Szenen sind ja seit jeher Melting Pot für Künstler unterschiedlichster Backgrounds.

Zwar hatte das Komponieren eigener Musik schon immer zu Blakes Lieblingsbeschäftigungen gehört, das Klavierspiel erlernte er bereits mit sechs, vor vier Jahren aber begann er, seinen neu entdeckten Dubstep-Vorbildern wie Digital MystikzSkream oder Burial ernsthaft nachzueifern und mit den grundlegenden Soundelementen des Genres wie dem tiefen Bass und den scheppernden Beats im Tempo von meist 140 bpm zu experimentieren.
Musikvideo zu »The Wilhelm Scream«
Mit sich schnell einstellendem Erfolg. Heute gilt James Blake zusammen mit anderen Jungspunden der Szene (Mount Kimbie, Darkstar oder Jamie Smith von The xx) als Aushängeschild einer jungen Riege von weißen, meist aus der Mittelschicht stammenden Produzenten, die dem typischen Genre-Sound mit ihren wärmeren, verspielten Produktionen einen neuen Dreh verliehen haben. Die derzeitige Aufmerksamkeit für diese neuen Frickel-Dubstepper ist dabei vor allem der Tatsache geschuldet, dass sie die Musik nach und nach aus dem puristischen Club-Kontext entführt, in die Konzertsäle gebracht und so auch für ein Indie-sozialisiertes Publikum attraktiv gemacht haben.

Damit einher ging das Labeling des Dubstep-Seitenstrangs als - Achtung originell - »Post-Dubstep«. Man muss kaum erwähnen, dass sich die meisten der genannten Musiker, die sich weiterhin innerhalb der Szene verorten und in ihren DJ-Sets auf klassische Dubstep-Tracks zurückgreifen, kaum damit identifizieren können. Das gilt auch für Blake selbst, der zwar keine Probleme mit dem »Post«-Label hat, aber betont, bereits Teil der Szene gewesen zu sein, als davon noch nicht die Rede war.

Vom Schöngeist zum Aushängeschild


2009 trat Blake mit seiner ersten Maxi »Air & Lack Thereof« erstmals als Produzent in der Dubstep-Szene auf den Plan. Die Single war eine recht eigene Interpretation des Genre-Sounds: Anstelle der klassischen Reduktion und Linearität des Dubstep wagte er sich an ein überraschend verspieltes, kleinteiliges Arrangement. Eine Herangehensweise, die sein Markenzeichen werden sollte - und den Erfolgsweg auch abseits der Tanzfläche öffnete. Da das Stück auf dem legendären Dubstep-Label Hemlock des Produzenten Untold erschien, war aber zugleich für die nötige Szeneanbindung gesorgt.

Im letzten Jahr veröffentlichte Blake dann im Vierteljahrestakt drei weitere EPs, die trotz jener klaren Handschrift einen jeweils ganz eigenen Charakter hatten. Angefangen beim stakkatohaften, fast schon noisigen »The Bells Sketch« über das souligere und 2steppigere »CMYK« bis hin zu »Klavierwerke«, das streckenweise an alte Clicks&Cuts-Produktionen erinnert. Gleichzeitig ließ Blake auch immer wieder seine unverkrampfte, ironische Seite in Form ziemlich durchgeknallter Mixe von R'n'B- und HipHop-Größen wie Destiny's Child, OutKast, Lil Wayne oder Snoop Dogg durchscheinen, die er unter dem Pseudonym Harmonimix via YouTube veröffentlichte.
  Seit Herbst vergangenen Jahres schlägt der 22-Jährige jedoch andere Töne an: Während er auf vorherigen Maxis für seine herzerweichende Stimme offensichtlich noch keine rechte Verwendung fand und selbst auf »Klavierwerke« sehr sparsam mit dem titelgebenden Instrument umging, offenbarte er mit der Single »Limit To Your Love« plötzlich Singer/Songwriter-Talente. Der Track, ein Cover von Feist, ist ein balladeskes Stück mit erhabenen Klavierakkorden und einer recht klassischen Popsong-Struktur. Beinah zumindest, denn seinen Dubstep-Background hat Blake auch weiterhin nicht aus den Augen verloren.

Stattdessen besticht der Song durch den für Dubstep typischen Subbass, jenen dumpfen Basssound, dessen Schwingungen auf der Tanzfläche einen bis an körperliche Grenzen gehenden Schauer auslösen. Dieses Wummern ist es, das dem ansonsten eher fragilen Popsong einen beinah unheimlichen, entrückten Charakter verleiht und ihn durch Mark und Bein gehen lässt.

Ein Rezept, das aufgegangen ist: »Limit To Your Love« wurde mit seiner Synthese aus melancholischem Songwriting und Dubstep-Sounds auch für Dubstep-fremdes Publikum zur neuen Körpererfahrung. Dazu beigetragen hat der Clip des dänischen Regisseurs Martin de Thurah, welcher der Single in Eleganz und Feinsinnigkeit in nichts nachsteht. Das Video inszeniert Blake als Schlafzimmer-Künstler, als Held des Privaten, der, scheinbar abgeschottet von der Außenwelt, in seiner kleinen Wohnung magische Momente erlebt: Der Boden bebt im Takt des Basses, Alltagsgegenstände entwickeln ein Eigenleben, immer wieder bricht Dunkelheit über die Räume herein.

Musikvideo zu »Limit To Your Love«
Das Aushängeschild als verhuschter Singer/Songwriter

Es ist allerdings gerade dieses Klischee des verhuschten, scheuen Wunderkinds, an welchem sich Blake zusehends reibt. Es sei in Wirklichkeit ganz anders. Seine Songs produziere er teilweise innerhalb eines Tages, erklärt der schlaksige junge Mann im Gespräch. Seine Texte entstünden oft nachts nach DJ-Gigs in der Bahn, und überhaupt hätte er ein reges soziales Leben und oft anderes zu tun, als Songs zu schreiben.

Zumal »Limit To Your Love« eigentlich für die Tanzfläche und nicht fürs Radio gedacht gewesen sei: »Es ist total nett, wenn mich jemand anruft und mir erklärt, dass seine Mutter das jetzt auch höre. Aber als ich den Song vor zwei Jahren schrieb, wollte ich vor allem, dass der Bass auch im Club funktioniert. Ich finde es großartig, dass sich viele DJs den Song auf Vinyl gekauft haben und ihn auch tatsächlich spielen. Der Rest ist für mich aber nicht so wichtig.«

Doch an das neue Image als Singer/Songwriter wird er sich wohl gewöhnen müssen, immerhin ist es genau dieser musikalische Schwerpunkt, den er seinem selbst betitelten Debütalbum gegeben hat. Zusammengehalten wird die Platte nämlich vor allem durch seinen Gesang, der von der Liebe zu Soul und Gospel geprägt ist, in seiner Androgynität bisweilen aber auch an Künstler wie Antony Hegarty oder Blakes großen Helden Arthur Russell denken lässt. Daneben nimmt das Klavier viel Raum ein, auf zwei Songs ist es sogar die einzige Begleitung zu seiner Stimme.
  Neben dieser ausgestellten Klarheit finden sich auf dem Album aber auch etliche Gegenbeispiele, stark fragmentarische Tracks, die in sich und um sich herum für Brüche sorgen. Mit der aktuellen Single »The Wilhelm Scream« und »I Never Learned To Share« opfert Blake beispielsweise zwei ruhige, melancholische Stücke mit wunderschönen Gesangsparts bereits nach wenigen Minuten den Flammen verzerrter Keyboard-Sounds. Um im Anschluss mit »Lindesfarne I« den Zustand völligen Stillstands auszuloten: Der Song besteht lediglich aus schwerelosem, Vocoder-verzerrtem Gesang.

Musikvideo zu »Lindisfarne«
Solche Verzerrungen und noisigen Elemente verleihen dem Album seinen recht düsteren Charme und repräsentieren das Erbe von Dubstep. Wie man diesen hybriden Sound nun wieder nennen soll? Für Cyberfolk, was im Netz hier und da auftaucht, ist zu viel Soul und zu wenig Folk drin.

Wer jedenfalls ein durch und durch poppiges Album erwartet hat, dürfte erst mal enttäuscht sein. Das war nie das Ziel von Blake, der es auch kategorisch ablehnte, mit einem Ko-Produzenten zu arbeiten. Alles auf »James Blake« sollte so klingen, wie er es im Schlafzimmer aufgenommen und abgemischt hatte. Dass er diesen Deal bei seinem Majorlabel Universal durchbekommen hat, spricht für deren Glauben an die Blake'sche Strahlkraft. Oder aber an den einen Song: »Limit To Your Love«.

Wie auch immer es laufen wird, James Blake hat keine Angst, für den Ausverkauf von Dubstep den Kopf hinhalten zu müssen: In Zeiten, in denen auch viele alte Hasen des Genres heftig mit dem Mainstream anbandeln, sieht er das Signing beim großen Label eher als Chance, sich weiter zu professionalisieren. Als immer komplizierter zu managen könnte sich dabei jedoch der Spagat zwischen seinem Dasein als DJ und Schlafzimmerproduzent einerseits sowie dem neuen Songwriter-Image, mit dem das Album in die Breite gestreut werden soll, herausstellen.

Die kommende Tournee, an Konzerten zahlreich und mit gut laufendem Vorverkauf an den Start gegangen, präsentiert ihn schon nicht mehr als Dubstep-Solokünstler, sondern mit kleiner Band aus alten Schulfreunden. Auf dem Eurosonic Festival in Groningen konnten sich die europäischen Booker und Musikjournalisten ein erstes Bild davon machen - und waren angetan.

Egal, wie weit er sich mit der Liveshow auch von seinem ursprünglichen musikalischen Kontext entfernen mag, sein inniges Verhältnis zum Dubstep und zur dazugehörigen Szene wird Blake noch lange begleiten. Immerhin war es diese Szene, die ihm erst zu einer Stimme verholfen hat: »Ich fühle mich sehr aufgehoben in diesem Umfeld und habe viele Freunde dort. Ich weiß, es mag etwas naiv gewesen sein, da einfach aufzukreuzen und zu denken: 'Das mache ich jetzt auch.' Aber es ist eben eine Szene, in der die Leute ziemlich offen sind und wo man sich gegenseitig supportet. Dubstep hat mir viel gegeben, und das kann ich jetzt weitergeben.«

James Blake

James Blake

Release: 01.01.2011

℗ 2011 Polydor Ltd. (UK)

James Blake »James Blake« (Universal)