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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Pop You Like A Hurricane

Pop Chor

01.07. - Hamburg, Tanzhalle. Der erste Juli in Hamburg. Statt Sonnenschein gibt es wieder nur Balladen-Wetter und Schauer-Wahrscheinlichkeiten von knapp 90 Prozent. Das schlägt auf die Stimmung, außer man ist so gefestigt, dass man überhaupt nichts mehr spürt. Für die normalen Privatiers also ein se
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01.07. - Hamburg, Tanzhalle. Der erste Juli in Hamburg. Statt Sonnenschein gibt es wieder nur Balladen-Wetter und Schauer-Wahrscheinlichkeiten von knapp 90 Prozent. Das schlägt auf die Stimmung, außer man ist so gefestigt, dass man überhaupt nichts mehr spürt. Für die normalen Privatiers also ein sehr tristes Umfeld, während die Künstler aufatmen. Denn führt doch Depression, Selbsthass und nasser Fuß zu den letztlich bewegenderen Exponaten. Schönwetter-Kunst, nein danke. Regen und Repression - davon kann man sich was kaufen. Hier und heute war beides gut aufgefahren, dachten wir so bei uns, als wir im Unwetter Schills Best-of-Straßensperren umfahren mussten. In der Tanzhalle traf sich Hamburg-St.Pauli mit Berlin-Mitte, um sich die neusten Hipster-Protagonisten vorzuführen. Mitte war dran. Der dortig schon stark etablierte Pop Chor (Jens Friebe: "In Berlin heißt es ja mittlerweile nicht mehr 'Wohin gehen wir heute?', sondern 'Und wo spielt der Pop Chor heute abend?'") verließ zum ersten Mal seinen Standortvorteil. Pop Chor, das sind bis zu zwanzig Girls und Typen, die aktuelle wie klassische Popsongs eben als Gesangsgruppe interpretieren - und das auf dem Hintergrund von extra geschriebenen Flächen von Elektro-Protagonisten (Pole u. a.).

Zuvor aber glänzte Allround-Talent Jens Friebe mit einer Performance, von der noch heute ehrfurchtsvoll gesprochen wird. Wahlweise selbst von Gitarre und Klavier begleitet, haute der deutschsprachige Glamour-Songwriter -Momente heraus, die in der Überzeugungskraft höchstens noch von Begemann und anderen ganz oben erreicht werden können. "Bring mich zum Weinen, bring mich zum Wagen" oder der legendäre Ecstasy-Klassiker "Es Ist Dein Körper" wurden nur noch getoppt von dem herzzerreißenden Bryan-Adams-Cover "(You're In) Heaven". Ergreifend direkt und trotzdem unglaublich subtil.

Da hatte es der Pop Chor unter der Leitung der Ex-Lassie-Singerin Almut Klotz nicht leicht. Der sicher gewollte christliche Charme der Nummer wurde noch potenziert durch die Indie-Schluffigkeit der Twens und Thirtysomethings. Klar, das Team schluckt den Stardom des einzelnen, aber ein wenig mehr Präsenz und den Hörer-Abholen (auch gut christliches Motiv) sind bei so was Gold wert. Außer den hübschen gleichgeschalteten Klamotten war da noch wenig Power und viel Hände in den Taschen. Musikalisch gab es reizvolle Interpretationen von interessant zusammengesuchten Songs im Chor-Style. Ein origineller Ansatz außer Konkurrenz - der sich aber noch stärker reinhängen wird müssen, um neben szenischer Okayness auch richtig für Aufregung sorgen zu können.

PS: Nach soviel Start-up-Stars sei noch ein weiteres Event angehängt, dass unter dem "die Kleinen sind die Größten"-Motto stand: PittiPlatsch, das niedliche Popper-Mag, dessen einer Protagonist auch am in dieser Ausgabe stattgefundenen Fanzine-Roundtable saß (siehe Seite 26ff), ist drauf und dran, die zweite Ausgabe seiner "Pop You Like A Hurricane"-Reihe auf den Markt zu bringen. Dazu gab es einen Gig im Gebäude 9. In strömendem Regen, versteht sich auch hier. Zum Glück war alles bis auf den ewigen Fußmarsch durchs verlassene Industriegebiet (fight rechtsrheinisch) überdacht. Vor dem eigentlichen Gig konnten wir noch Zeuge werden von einem 2-Song-Proberaum-Showcase (ein Gebäude weiter) der Band Formation Doppelherz. Elektro-Pop in der Pet-Shop-Boys-Duo-Umsetzung. Zwei Keyboards und Ultra-Hedo-Slogans wie "Ohhh! Wie geil ist das denn?" Davon wird sicher noch zu hören sein. Im Hauptgebäude ging es git-rockiger und wieder voll Indie-Jungs-mäßig zu. Die Jungs mit der Gitarre (Eszella Garni, Clayton Farlow) wollen zu Recht Aufmerksamkeit. Und auch mit Mädchen zusammen (Mikrofisch) wird wieder gezaubert. Es gibt neue Bands jenseits dessen, was einen nicht interessiert, weil es uncool, kalt oder ästhetisch mies ist. Das hier ist ein Angebot. Ein so gutes.