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Im Auge des Sturms

Poliça im Gespräch

Nach drei Jahren Pause melden sich Poliça aus Minneapolis zurück. Sängerin Channy Leaneagh und ihre Band verschmelzen Umsturzgedanken und Liebeslieder, kalte Winterluft und texanische Sonne zu einer unwiderstehlichen Platte. Lena Ackermann traf die Sängerin samt verzückender Begleitung in Berlin. 
Geschrieben am
Die Türkei schließt ihre Grenze und lässt Tausende Flüchtlinge im syrischen Niemandsland vor einem Stahlzaun stranden. Frau Petry sinniert über einen Schießbefehl an deutschen Grenzen, AfD- und Pegida-Anhänger jubeln ihr dafür zu. Donald Trump, irrer Präsidentschaftskandidat und Verfechter einer ketzerischen Anti-Minderheiten-Politik, lässt sich als Gewinner der Vorwahlen im US-Staat New Hampshire feiern. Angesichts der Faktenlage ist die Frage, in was für einer Welt wir eigentlich leben, durchaus berechtigt. Probleme eines verkorksten Systems treiben auch die Band Poliça auf ihrem aktuellen Album »United Crushers« um. Doch wenn man Sängerin Channy Leaneagh zum Interview in ihrem Berliner Hotelzimmer trifft, ist der Trübsinn weit weg. Weil Channy zur Begrüßung so herzlich strahlt und ihr kleiner Sohn auf ihrem Schoß nicht minder fröhlich vor sich hin blubbert. Und während der Kleine auf seinen Ringelanzug sabbert und Channy ihm den Rücken massiert, glaubt man daran, dass doch noch alles gut werden wird. Passend dazu gewährt das aktuelle Poliça-Album neben Geschichten über Terror und Zukunftsangst auch eine große Portion Unbeschwertheit. 

Die dreijährige Pause – übrigens die längste in ihrer bisherigen Geschichte – hat der Band also gutgetan. »United Crushers« klingt definierter, klarer und positiver als seine Vorgänger. Musik, die direkt aus dem Auge eines Tornados zu kommen scheint. Ging es in den letzten Alben noch um das Verarbeiten einer gescheiterten Beziehung, um Rollenkonflikte, Unterordnung und Abhängigkeit, gibt sich die neue Platte so sanft wie kämpferisch. Vom Stimmverzerrer, einem der bislang entscheidenden Faktoren des Poliça-Sounds, verabschiedet sich Sängerin Leaneagh nun langsam. »Als Künstler lernst du immer wieder dazu. Der Sound, den du kreierst, soll dich ja auch anmachen. Und so habe ich mich diesmal mit Dingen abseits von Auto-Tune beschäftigt und Harmonie, Delayes, Wahs und andere Effekte in den Vordergrund gestellt.«

Es ist also mehr von Leaneaghs Stimme zu hören, die sich gewohnt zart über Beats und elektronische Soundpartikel legt. Das Album vereint Gegensätze: Hass und Liebe, Sommer und Winter, die Wolkenkratzer der Zwillingsstädte Minneapolis und St. Paul mit der Wüstenlandschaft von El Paso. Im Mittleren Westen der USA, wo man an Fabrikgebäuden und auf Silos den Schriftzug »United States of Dreams be Crushed« lesen kann, sind die Ideen zu den Songs entstanden. Über 2000 Kilometer davon entfernt nahmen Leaneagh, Chris Bierden, Ben Ivascu, Drew Christopherson und Ryan Olson die Platte auf. In flirrender texanischer Hitze, fast in Sichtweite der amerikanisch-mexikanischen Grenze, wo sich eine weitere Flüchtlingskrise zeigt. Channy Leaneagh ist nicht das, was man sich unter einer typischen Frontfrau vorstellt. Sie ist introvertiert und höflich, denkt lange nach, bevor sie antwortet, spricht leise, aber sehr bestimmt. Wenn sie auf einer Bühne steht, wirkt sie entrückt.
Ihre frisch erblondeten Haare verschwimmen im Scheinwerferlicht mit ihrem durchscheinenden Hautton zu einem fast überirdischen Strahlen. Wenn sie dann mit geschlossenen Augen singt, scheint sie unberührbar – Channy Leaneagh, die Indie-Heilige. Auch der Sound von Poliça spielt mit dem Mysteriösen. Viele der Rätsel auf »United Crushers« lassen sich nicht beim ersten Anlauf lösen. »Ich liebe es, kryptisch zu schreiben«, erklärt Leaneagh. »Geschichten zu erzählen, bei denen die Metaphern und Nuancen entdeckt und interpretiert werden können. Ich verehre Bob Dylan, liebe seinen Song ›Blind Willie McTell‹ und dessen verschiedene Bedeutungen und Handlungsstränge. Das ist die Tradition, aus der ich komme.«

Ganz und gar nicht kryptisch sind Text und Musikvideo zur Single »Wedding«. Ein Beitrag, in dem die Band mit Sesamstraßen-Puppen vor den Methoden der amerikanischen Polizei warnt. »In ›Wedding‹ geht es um die immer stärker militarisierte US-Polizei. Um das Gefühl, in einem besetzten Staat zu leben, in dem man nicht mehr protestieren darf, ohne dafür mit Pfefferspray, Panzern oder Maschinenpistolen angegriffen zu werden. Das Recht auf freie Meinungsäußerung wird immer stärker unterdrückt. Also haben wir durch die Puppen mit Kindern über das Thema gesprochen. Wir wollten sie nach ihrer Meinung fragen und ein Video machen, das uns als Band etwas bedeutet.« Mündig zu sein ist eine der wichtigsten menschlichen Eigenschaften, findet Channy. Und dabei geht es nicht nur um Erwachsene. »Ich erziehe meine Kinder so, dass ihnen Ungerechtigkeiten bewusst sind. Sie wachsen mit Diskussionen über Politik und Gesellschaft auf. Kürzlich wurde ein 12-jähriger Junge erschossen, weil er mit einer Spielzeugpistole gespielt hatte. Der Polizist wurde für diese Tat nicht belangt.«  Im Moment falle es ihr schwer, nur über ihr Album und nicht über Politik zu sprechen, sagt Leaneagh. Die Vorwahlen zur Präsidentschaft in den USA laufen auf Hochtouren.







»Die Vorstellung, von Donald Trump regiert zu werden, ist furchterregend. Sollte er tatsächlich gewählt werden, wäre es schrecklich beschämend für uns. Die anderen republikanischen Kandidaten Marco Rubio und Ted Cruz sind vielleicht etwas ruhiger und nicht so widerlich wie Trump, aber auch sie haben eine schlechte Agenda, sind genauso islamophob und rassistisch wie er.« Channy hofft auf Bernie Sanders, weil seine Politik nicht von Kriegsdurst bestimmt ist, wie sie sagt.  In ihren zwölf neuen Songs zerhäckseln Poliça zwar Emotionen und Gedanken, brechen sie auf und setzen sie neu zusammen, aber sie fragen sich auch: »Werden unsere Träume lebendig da rauskommen?« Die Antwort liefert das Album gleich mit: Ja, sie müssen!

POLIÇA

United Crushers

Release: 04.03.2016

℗ 2016 Memphis Industries