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In Köln: Die Ökonomie der Geste

Polarkreis 18 live

Pomp And Circumstance am Samstag in Köln: Unser Autor Mick Schulz fragt sich gegen Ende des Sets, ob die Dresdener bei ihrem Konzert Frustrationsabbau betreiben.
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Pomp And Circumstance am Samstag in Köln: Unser Autor Mick Schulz fragt sich gegen Ende des Sets, ob die Dresdener bei ihrem Konzert Frustrationsabbau betreiben.



29.11.08 Köln, Gebäude 9.


Seltsam unentschieden wirkte der Auftritt von Polarkreis 18. Wie ein kleines Kind in einem Spielwarenladen nach Ladenschluss nahmen sie immer neue Sounds, probierten sie kurz aus und verwarfen sie wieder. Hier gab es eine Prise Krach, dort gab es elektronische Tanzmusik, überall hielten PK18 kurz an und probierten aus. Nur leider probierten sie eben nur, versuchten Stile zu imitieren, anstatt mit vollem Herzen zu spielen. Dabei hat diese Band ihre Stärken, sie können wirklich tolle Pop-Songs schreiben, zum Beispiel "Dreamdancer" und "Allein, allein", die beide aus dem Set heraus ragten.

[usercomment=http://www.intro.de/forum/plink/1/1224178592/1224246887]Die Band is arg beschissen. Fast schon peinlich, dass sie sich selber für den nächsten großen Scheiß halten.[/usercomment]

An diesen Stellen kam eine konzentrierte Stimmung auf, das Publikum hing an den Lippen von Sänger Felix Räuber und war sich, trotz aller Generationskonflikte, die im Zuschauerraum vertreten waren, einig. Plötzlich flammte dieses große Zusammengehörigkeitsgefühl auf, das tolle Konzerte kennzeichnet. Der Vater und die Tochter, die Pärchen und die Schwulen saßen unvermittelt alle in einem Boot und schipperten wie weiland Lucy In The Sky vergnügt darauf den Fluss hinunter. Schade, dass diese Momente immer wieder geopfert wurden, um einer Setlist zu genügen, die viel zu viele Brüche hatte.

Das einzige verbindende Element war Felix Räuber, der sich in eine Reihe mit den großen Bühnengestikulierern gestellt hat, mit Freddie Mercury, Operndiven und Musicalstars. Er hat mit dem ganzen Körper gesungen, jeder hohe Ton wurde aus der Körperspannung einer Ballerina geholt. Mit hochgerissenen Händen oder auf dem Boden zusammengekrümmt, in jeder Pose überspitzte er das Pathos noch weiter und hämmerte es dem unschuldigen Zuschauer ein. Etwas weniger dick aufzutragen, wäre der Show vielleicht ganz gut bekommen. Aber, so kalkuliert auf die Zielgruppe "15-jähriges Emo-Girl" zugeschnitten dieses Auftreten auch wirkte, man musste ihm lassen, dass er offensichtlich seinen Spaß an der großen Geste hatte. Manchmal kam es einem so vor, als fehle nur noch die Showtreppe und Revuegirls, aber seine Augen blitzten, was er da tat, tat er mit Enthusiasmus.

Video: Polarkreis 18 - "Allein, allein"



Eine ganz andere Ökonomie der Geste hatte die Vorband, Bodi Bill. Wo PK 18 aus den Vollen schöpften und alles herschenkten, knauserten sie und ironisierten. Sänger Fabi reckte versuchsweise einen Mikrofonständer in die Höhe, schaute ratlos und stellte ihn behutsam wieder hin, die Hälfte des Konzerts bestritt er in Unterhose. Ausgezogen hat er sich, als wolle er gleich pennen gehen. Um sich daran aufzugeilen also völlig untauglich. Die einzig andere Band, die so sparsam, so ironisch und so cool alle Rockgesten zerfleddert hat, um sie dann erst auf die Bühne zu stellen, war Sleater Kinney.

So toll ihre Musik auch war, an den ergebenen Fans, die nur so früh da waren, um bei PK 18 in der ersten Reihe zu stehen, musste ihr Sound abprallen. Er war einfach zu erwachsen, zu sophisticated. Was soll ein Teenie auch mit der Melancholie des Clubs anfangen, wie sie in "Traffic Jam" besungen wird? Und da kam es einem so vor, als sei der letzte Song eigens für diese Gelegenheit geschrieben worden, denn die letzten Zeilen lauten: "I'm tired of you schoolyard braces/ you don't even like Sonic Youth/ so f*** you!" Vielleicht mussten sie einfach mal Frust abbauen.