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Uh Huh Her

PJ Harvey

»Who the fuck?« kreischt furios die Kettensäge. Glaubst du, dass du bist, Schmierfinger? Und wer zum Teufel, glauben wir, ist PJ Harvey? Eine Band, ein Projekt, ein Artefakt, zugeschnitten auf und von Polly Jean Harvey, die/der abgründigen Fee des West Country, des Voodoo-Vamps etc. blabla - we
Geschrieben am

Autor: Müller

»Who the fuck?« kreischt furios die Kettensäge. Glaubst du, dass du bist, Schmierfinger? Und wer zum Teufel, glauben wir, ist PJ Harvey? Eine Band, ein Projekt, ein Artefakt, zugeschnitten auf und von Polly Jean Harvey, die/der abgründigen Fee des West Country, des Voodoo-Vamps etc. blabla – wer wüsste nicht, welche Begriffe die Dame alles mit sich besetzen kann? Ein Behälter für gebrochene Romantik, ein Schauraum für Wundmale, eine Arena für sich bahnbrechende Wüstheit. So weit, so gut: Diese neue Platte, von Harvey quasi komplett in Eigenregie entworfen, eingespielt und in Form gebracht mit Rob Ellis, dem alten musikalischen Weggefährten, kommt ins Haus wie ein Versandhauskatalog seelischer Jagdgründe. In einer so aufregend wie erstaunlich kühl kalkulierten akustischen Melange aus Grobkörnigkeit und Detailversessenheit tummeln sich Mädchen mit Taschenmessern, werden Briefe üppig bespeichelt, droht die Dame des Hauses über ihre knorrige Bariton-Gitarre hinweg, ›Mr. Badmouth‹ den Mund mit Seife auszuwaschen. Wer immer noch Exorzismus erwartet, weil PJ Harveys Debüt ›Dry‹ doch vor Jahren alle Pforten der Persönlichkeit aufzusperren schien, muss enttäuscht werden, weil er/sie nur mehr auf musikalische Aromatherapie stößt. Nicht dass der extremistische Ausdruck sich verflüchtigt hätte. In der Lieferung enthalten sind düster dräuender Proto-Blues, folkloristischer Gothic-Appeal, durch den Fleischwolf gejagter Brat-Pop und lyrische Catchphrases. Ein Destillat aus dramatischen Bröckchen: eine Stimmung, eine Schlüsselszene, ein paar Worte, die genügen, um den Hörer an die Leine zu nehmen. Nicht PJ Harvey ist der Ort für Bekenntnislyrik, sondern der Raum zwischen den Ohren des Hörers. Wenn Letzterer sich überzeugen lässt, Autor zu sein oder wie der Chor in Blumfelds ›Superstarfighter‹ zu rufen: »Und davon handeln wir!«, hat PJ Harveys Kunst perfekt gefruchtet. Wenn nicht, hat sie den Bogen überspannt.