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So gross ist Pink

Pink Live

16.05.06, Köln, Gloria. Im Kölner Gloria liegt ein leicht beißender Geruch in der Luft, den ich als Urin kenne. Nach dem Konzert beruhigt mich eine in der Nacht noch angerufene Medizin-Journalistin damit, dass man im Sommer seine Harnstoffe ausschwitze, wenn man in überhitzten Räumen nicht auf die T
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16.05.06, Köln, Gloria. Im Kölner Gloria liegt ein leicht beißender Geruch in der Luft, den ich als Urin kenne. Nach dem Konzert beruhigt mich eine in der Nacht noch angerufene Medizin-Journalistin damit, dass man im Sommer seine Harnstoffe ausschwitze, wenn man in überhitzten Räumen nicht auf die Toilette ginge. Diese durchaus plausible Erklärung kommt leider zu spät – das einstündige Pink-Konzert habe ich mit der festen Erkenntnis verbracht, dass um mich herum mehrere Konzertbesucher in die Hose gemacht haben. Und offen gestanden glaube ich auch jetzt noch eher an diese Version. Denn wer könnte das den Pink-Fans eigentlich verdenken? Ich meine, da kommt Pink für ein Konzert in das Schuhschachtel große Gloria nach Köln („Thanks for selling this shit out in one minute!“), um ihr neues Album vorzustellen. Pink!

Als sie dann gegen 21.20 Uhr die Bühne betritt, gibt es gleich eine Überraschung. Pink sieht eben nicht kleiner oder größer aus, als man sie sich vorstellte und so oft in Bezug auf Stars zu hören bekommt – nein, sie sieht ganz genauso aus, wie man sie sich vorstellte. Punkt für sie. Und: Sie steht leibhaftig tatsächlich nur acht Meter von einem entfernt in ihrem schwarzen Kleid unter dem die letzten Ausläufer eines üblen Sonnenbrandes hervorschauen. Mit ihrer fünfköpfigen Band skipt sie sich jetzt 60 Minuten lang durch neue und alte Hits, peitscht bei „Stupid Girls“ die Menge mit den aus dem hervorragenden Video bekannten Stupid-Girl-Gesten hoch und ist überhaupt sehr auf sympathisch-gebrochene Inszenierung aus. Zum Beispiel, wenn sie dem deutschen Publikum attestiert, es sei das beste der Welt, um dann, als sie das Mikro absetzt, dem Mitmusiker lachend und halb hörbar zuzuraunen „Obwohl – Brasilien ist doch immer noch etwas krasser, aber das hier ist natürlich auch toll.“ Überhaupt: Pink ist fantastisch. Trotz Grippe singt sie beeindruckend gut und gibt trotz Schmerzen sichtlich alles. Und sie ist gewitzt. Als ein Trottel brüllt, er wolle auf der Stelle Sex mit ihr haben, erwidert sie: „Really? Right now? On Stage? Oh, you're so romantic!“. Mit dieser Mischung aus Witz, Stolz und Desinteresse wird sie übrigens – einige dürften es gesehen haben – später am Abend in der Aufzeichnung von Stefan Raabs „TV Total“ punkten, als sie auf seine brüllend dummen Fragen in brüllend schlecht vorgetragenen Englisch, die letzten Endes wie immer nur darauf hinaus laufen, dass jeder Weltstar auf sein kleinbürgerliches Referenz- und Humor-Modell runtergeholt werden soll (weil eben sonst abslolut nichts geht), vollkommen teilnahmslos reagiert.

Teil der gelungenen Gloria-Performance ist, was mich ein wenig überrascht, zu einem nicht geringen Teil tatsächlich auch ihre Band: Dem Schlagzeuger, der Bassistin und den beiden Keyboarder/Innen sieht man an, dass sie nicht erst seit gestern mit Pink spielen. Alles wirkt auf dem extrem hohen musikalischen Level doch sehr organisch und bemüht um Originalität. Aus der Rolle fällt da leider nur der wirklich unerträgliche Gitarrist im Schwiegersohn-Neo-Punk-Look, der wirklich keine Fettnäpfchen rockistischer Trottel-Gesten auslässt. Mit zurückgeworfenem Kopf und offenem Mund gniedelt er sich durch die Songs. Sein immergleicher dramaturgischer Kniff besteht dabei lediglich darin, an Stellen, wo Pink die Bühne verlässt oder sonst nichts Wichtiges passiert, sinnentleerte und seelenlose Fingerübungs-Soli auf dem Griffbrett zu hinterlassen. Am Ende des Konzerts, bei dem neben der Ballade „Dear Mr. President“ unter anderem auch das 4-Non-Blondes-Stück „What’s Up“ und natürlich „Let’s get the party started“ zu hören ist, vertröstet jener Gitarrist die Teenager-Fans in der ersten Reihe auf eine Audienz draußen vor Tür und grüßt, wie schon so oft an diesem Abend, per ex-satanistischer „Pommesgabel“ seine 13-jährigen Fans. Slayer würden sich im Grab umdrehen, gäbe es nicht bald ein neues Album. @Pink: An der nächsten Jetset-Tankstelle den Typen bitte stehen lassen.

Fazit: Ein toller Abend. Die Zugaben gab es, wie gesagt, im TV. Ich habe Pink beim Switchen noch auf ZDF und Pro7 gesehen. Vorm Gloria hatte man beim Rausgehen zusätzlich aber auch freie Auswahl zwischen Kamerateams der ARD, von RTL und MTV. Um mal einen legendären Simpsons-Witz zu adaptieren: „Kann man denn nicht einmal eine Straße entlanglaufen, ohne gleich ein TV-Interview geben zu müssen? Ist das zuviel verlangt?“ Pink würde bestimmt drüber lachen können.

P.S.: Bilder des Konzerts entnehmen Sie bitte sämtlichen Konkurrenzmagazinen.