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I'm Not Dead

Pink

Die einfache Lohndienerin, sie soll (noch weniger als ihre männlichen Kollegen) nicht hinterfragen, wie die großen Checker um sie herum agieren - schon gar nicht was die Produktionsmittel betrifft. Sagen einem zumindest selbige. Und da ich nur 48 Stunden vor Druckunterlagenschluss von der Redaktion
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Die einfache Lohndienerin, sie soll (noch weniger als ihre männlichen Kollegen) nicht hinterfragen, wie die großen Checker um sie herum agieren - schon gar nicht was die Produktionsmittel betrifft. Sagen einem zumindest selbige. Und da ich nur 48 Stunden vor Druckunterlagenschluss von der Redaktion (die, das sei mit allem Nachdruck gesagt, nicht mit „Checkern“ gemeint ist) den Auftrag bekommen habe, das neue Pink Album zu besprechen – nachdem ich es mir im Laden besorgt habe, da die Bemusterung irgendwie vergessen wurde -, will ich das wegen des immensen Zeitdrucks auch nicht anfangen. Diesmal. Immerhin sorgen die seltsamen Rahmenbedingungen dafür, dass ich mit meiner Kritik auch gleich die absolute Folgenlosigkeit selbiger attestieren kann – zumindest in marktökonomischen Kategorien und damit analog zur Verfahrensweise bei Blockbustern, wo die Filmindustrie, schlechte Besprechungen erahnend, teilweise sehr bewusst gar keine Screenings mehr vorm Boxofficetag ansetzt. Schließlich habe ich die Chartsnotierungen der vierzehnten Kalenderwoche 2006 schon schwarz auf weiß vor mir liegen. In diesen rangiert Pink auf Platz eins, eingestiegen aus dem Nichts, dem absoluten Nichts kann man angesichts abwesender Promos sagen. Eine Situation, die so schlimm eigentlich nicht ist, wenn man sich mal wieder – und das sollte man ständig – vergegenwärtigt, dass eine Plattenbesprechung ja per se nicht eine Kauf- bzw. Nichtkaufempfehlung sein muss/soll, sondern für sich gesehen auch den aufklärerisch-künstlerischen Anspruch verfolgen kann, sich dem zu rezenzierenden Kunstwerk auf ebensolche Weise schreiberisch zu nähern. Alles klar? Na, und so richtig verwundern mag der extreme Charts-Entry von Pink natürlich nicht, auch wenn es ihre erste Pole Position in Deutschland ist. Immerhin ist sie ein so called Superstar – aber, und hiermit wollen wir auch in den regulären flow der Kritik einsteigen: nicht nur ein Superstar, sondern auch ein (mal mehr, mal weniger) ernst zunehmendes role model. Eine, die sich nichts diktieren lässt, die zielstrebig lebt, was sie leben will, privat (im einem Moment pflegt sich noch sehr öffentlich-hedonistisch eine lesbische Affäre auf irgendeinem obskuren Event in Monaco, dann macht sie im Januar 2006 den bürgerlichen Schwenk in die Heteroehe mit dem Motorcrossfahrer Carey Hart), und künstlerisch: Pink weiß es, sich die richtigen Produzenten und characters auszusuchen. Am bedeutendesten - und auch am intensivsten ausgebreitet – ist hierbei ihre Kooperation mit der ehemaligen 4-Non-Blondes-Frontfrau und heutigen Starproduzentin Linda Perry, die bereits auf dem Debütalbum begann und bis heute andauert, daneben arbeite sie auch mit Damon Elliott, Dallas Austin und Scott Storch – alles Leute mit ziemlich vielen Goldenen Schallplatten auf der Toilette, und alles Leute, die eng genug an ihrem Sound sind, um (zumindest) selbst ausgesucht zu wirken. Aber bevor das hier zu einem Werbetext wird, sei auch daran erinnert, dass sie sich bei „Lady Marmalade“, dem Moulin-Rouge-Song mit Lil' Kim, Christina Aguliera und Mya, gemeinsam mit jenen Künstlerinnen ins Varieté begab, denen sie nun auf der aktuellen Single „Stupid Girl“ (mitunter) recht arrogant begegnet – nicht im konkreten Bezug auf genannte Kolleginnen, aber schon deutlich auf die von diesen Künstlerinnen vertretenen Genres - so findet sich im Clip zu „Stupid Girl“ beispielsweise ein Diss gegen all jene Mädchen, die sich (in Clips und Leben) unbekleidet an der Seite von HipHoppern zeigen (so werden u.a. die Olsen-Schwestern, Paris Hilton und Jessica Simpson verarscht). Anyway. Ihr nimmt man diese Widersprüchlichkeit und Disskultur nicht übel - da sie sie mit einer typisch amerikanischen, female Highschool-Nonchalance präsentiert wird, die bei uns zwar als Dummbratzigkeit abgekanzelt würde, aber im kulturellen Import mit durchgewunken wird – und sich in ihrer Performanz nicht groß von Eminems Acting unterscheidet. Die Single selbst zeigt La Pink von ihrer besten Seite. „Stupid Girl“ ist energischer Hochgeschwindigkeitspop mit solidem Subwoofer-Rock, nicht zwingend für die All-Time-Faves-Listen gemacht, aber für eine Prä-Clubbing-Party taugt das allemal. Das war nicht zwingend zu erwarten gewesen, da Pink nach dem Erfolg von „Missundaztood” und dem daraus resultierenden Aufmerksamkeitswahnsinn manchmal auch etwas mau daherkam. Daher vielleicht auch die erstmals in der Karriere etwas willenlos erscheinende, viel zu lange Produzentenliste, die sie für die 15 Songs aufgerufen hat, und die Leute beinhaltet, die bereits so unterschiedliche Künstler wie Eminem, 50 Cent, Backstreet Boys, Bon Jovi und American Hi-fi bedienen durften, um nur ein paar zu droppen. Am überzeugendsten klingt Pink 2006, wenn sie etwas kantiger produziert wird, wenn Rock und Pop fusionieren, so fusionieren, wie es auf dieser Erfolgsebene passieren muss: Nicht gleichwertig und absolut ohne Credibilität. Meint: Der Pop muss dominieren, das Stück euphorisch peitschen, und der Rock muss demütig den Steigbügel halten. Am besten gelingt das bei „Leave me alone (I’m lonely)“. Natürlich ist nicht das ganze Album in diese Richtung angelegt, allein schon, da so die Flopgefahr zu groß wäre, es übt sich viel mehr in Zielgruppenaddition. So gibt es zum Abtanzen groovige Tracks wie „U+ur hand“, einem schön dirty-anspielungsreichen Track, der sich mehr als eine Inspiration bei „Wild Thing“ abgeholt hat, echte Schmusesongs und sogar, man höre und freue sich, einen politisch Folk-Song: Das gemeinsam mit den Indigo Girls performte „Dear Mr. President“. Kurzum: Hier ist soviel für jeden dabei, dass "I'm Not Dead" ganz sicher kein wegweisendes Album mit konsequenter Linie geworden ist, aber sehr kurzweilige Popunterhaltung. Und, das sei auch mal nachdrücklich gesagt: Gar nicht so selbstverständlich, dass man das alles auf diesem Niveau hinkriegt. Respekt, Pink.