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Baraboo Calling

Phox und die neue Öffentlichkeit

Die sechsköpfige Band Phox aus der Kleinstadt Baraboo, Wisconsin hat ihr Debüt in Bon Ivers Studio aufgenommen. Das muss an Namedropping reichen. Ihr mitreißender Indiepop wird auch so viele Herzen öffnen. Daniel Koch sprach mit Sängerin Monica Martin. Foto: Sarah Blesener
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Manchmal verliert man unvermittelt sein Herz an eine kleine Band, die man sich groß wünschen möchte. Es war im Sommer letzten Jahres auf dem Pstereo Festival im norwegischen Trondheim. Phox spielten auf der Nebenbühne zur Mittagszeit. Selbst der britische Starbooker, mit dem ich kurz vor der Show ein Bier trank, wirkte aufgeregt, als er über diese Band sprach. Spätestens, als sie »Slow Motion« spielten, war es um mich geschehen. Es ist einer dieser feinen Indie-Hits, die offensiv fröhlich beginnen und keine Angst vor Handclaps oder Pfiffen haben. Dass er mir nicht wie viele andere bald die Ohren verklebte, lag an zwei Dingen: Zum einen war da die Stimme von Monica Martin, mal dunkel gehaucht, wie wir uns eine Stimme nachts um zwei an der Theke wünschen, dann wieder hoch und sehnend; zum anderen war da das verschmitzte Spiel des Sextetts, das »Slow Motion« nämlich nicht auf Reiseportal-Hit oder Handy-Werbung-Soundtrack trimmte, sondern das Stück mit großer Freude und psychedelischen Instrumentalpassagen zersägte. Phox wirkten wie die Kleinstadt-Band, die am Ende eines College-Films den großen Auftritt hat. Die belächelten Nerds der Stadt, die in der Band ihr Selbstbewusstsein finden und sich hinter der schönsten Frau der Schule versammeln, die bei ihnen endlich wahre Freundschaft – und ihre Stimme – findet.

Die Wahrheit ist nicht so kitschig. Inzwischen sind wir einen Sommer weiter. Phox haben ihr gleichnamiges Debüt veröffentlicht, kleine Shows in Deutschland absolviert und weitere in Planung. Im September werden sie zum Beispiel beim First We Take Berlin im Privatclub spielen. Ich telefoniere mit Monica auf dem Tourstopp in Denver. Sie lacht, als ich ihr die College-Metapher erkläre: »Immerhin, die Sache mit der Kleinstadt stimmt. Wir sind alle in Baraboo in Wisconsin aufgewachsen. Da passiert so wenig, dass man automatisch an die Leute gerät, die kreative Dinge tun. Einige von uns kennen sich schon seit 16 Jahren, andere seit acht. Die Band haben wir vor drei Jahren gegründet, was vor allem Matt zu verdanken ist. Er hat die Fäden gezogen und uns zusammengebracht.«

Matt, eigentlich Matthew, Holmen ist nicht nur der Gitarrist von Phox, er ist zudem einer der engsten Freunde und frühester Unterstützer von Monica. »Auch wenn es heute in meinen guten Momenten nicht mehr so aussieht: Ich habe mich nie getraut, in der Öffentlichkeit zu singen. Als ich 18 wurde, hing ich viel mit Matt ab, der zu dieser Zeit in einer anderen Band spielte. Ich fühlte mich in seiner Nähe sehr wohl und habe oft mitgesungen, wenn er Stücke geprobt hat. Als die Band sich auflöste, fragte er mich, ob ich es noch einmal probieren wolle. Ich hätte aber nie gedacht, dass es mich mal an diesen Punkt bringen würde. Meine Ma sagte erst kürzlich: ›Ich kann noch immer nicht glauben, dass du jetzt in einer Band singst!‹ Sie erinnert sich noch gut daran, wie ich einmal zur Chorprobe ging und danach nie wieder hinwollte.«

Mittlerweile gewöhnt sich Monica an ihre neue Rolle. Langsam. Die Band hilft ihr dabei, weil sie quirlig genug ist, die Blicke auf sich zu lenken. Trotzdem wird ihr erst nach und nach bewusst, dass sie zwar noch kein Popstar ist, aber anders wahrgenommen wird. »Es fühlt sich seltsam an. Auf ›Phox‹ sind einige Stücke, die ich vor Jahren geschrieben habe. Texte, die sehr offen sind, weil ich nie davon ausging, dass sie mal von Leuten gehört werden, die mich nicht kennen. Manches darin hätte ich heute vielleicht anders gesagt. Ich habe gerade den Wirbel um Lana Del Rey und diesen Satz, dass sie sterben wolle, verfolgt. Das fand ich fürchterlich. Man kann jedem einen Strick drehen, auch mir, wenn man zum Beispiel das Düsterste zitiert, das ich je gesungen habe. Ohne den Kontext dazu, ohne eine Chance zu parieren, ist man dem ausgeliefert. Das macht mir manchmal Angst. Dieser Artikel über Lana, aus dem der Satz stammt, war schon im Grundton so böswillig, so auf Skandal aus, dass sie darin nie eine Chance hatte.«

Zurück zu erfreulichen Themen. Auch wenn Phox gerade mit Freuden die Welt erkunden, sie wissen, wo ihr Herz schlägt: »Wisconsin ist unsere Heimat. Deshalb mussten wir auch unser Album dort produzieren. Wir entschieden uns für die April Base Studios in Eau Claire nicht, weil es Bon Ivers Studio ist, sondern weil wir da mit Brian Joseph arbeiten konnten, der ›Phox‹ produziert hat. Das war eine sehr schöne Zeit. Justin Vernon schaute auch mal vorbei, als er mit dem Volcano Choir in der Nähe war. Wir standen anfangs etwas nervös vor ihm, weil wir seine Musik sehr verehren. Aber er ist sehr charmant und sympathisch.«
 
Bevor sie dieser Tage Europa ansteuern, haben Phox noch ein paar Wochen in Baraboo verbracht. Einem Ort, den ich nach unserem Gespräch nicht nur kennenlernen möchte, weil man dort ein Bier mit Monica und ihren Jungs trinken könnte. Es ist rührend, wie Phox diesen Namen immer wieder fallen lassen, und deshalb auch schlüssig, dass wir unser Interview mit einem Touri-Tipp beenden: »Wenn du es mal nach Baraboo schaffst, gibt es drei Dinge, die du tun solltest: einmal im Devil’s Lake schwimmen, einmal im Naturpark Pewit’s Nest spazieren gehen. Baraboo ist wunderschön gelegen, von Wäldern und Bergen umgeben, und das sieht man dort am besten. Wenn du das getan hast, dann solltest du unbedingt im Little Village Café einkehren – das ist nicht nur eines der besten in Baraboo, sondern eines der besten, die ich kenne.«

Phox »Phox« (Partisan / Rough Trade / VÖ 29.08.14) Auf Tour vom 03.09. bis 25.11. – am 04.09. beim First We Take Berlin!