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Voilà: sexy Sahneeis

Phoenix im Gespräch

»Ich liebe dich« auf das Cover einer Platte voller Liebeslieder zu schreiben und ein Herz drum herum zu malen ist fast so plakativ, als hätten Phoenix ihr neues Album in ein Liebesschloss verschweißt und den Schlüssel dazu dann gemeinsam in der Seine versenkt. Trotzdem waren sich Gitarrist Christian Mazzalai und Bassist Deck D’Arcy beim Gespräch mit Lena Ackermann sicher: »Ti Amo« überzeugt auch Nicht-Romantiker! 
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Ein Album über die Liebe schreiben, und das in Zeiten, in denen die Welt der Omnipräsenz von Helenes Herzbeben ausgeliefert ist? In denen man dank Jan Böhmermanns Echo-Kritik sofort die überstrapazierten Sehnsüchte der gleichgeschalteten Mainstream-Pop-Maschinerie im Kopf hat, die einem die Lust an musikalischen Liebesabhandlungen ganz schön verderben können? Phoenix haben es einfach trotzdem gemacht. Beruhigenderweise ist »Ti Amo« genauso weit von der »Menschen, Leben, Tanzen, Welt«-Welle entfernt wie eine Horde Schimpansen von Kompositionen wie »Lisztomania« oder »Too Young«.

»Wir haben jetzt auch ein sexy Album«, grinst Bassist Deck d’Arcy, und das ist auch fast schon alles, was er zur thematischen Ausrichtung der aktuellen Platte zu sagen hat. Das Bekenntnis zur Romantik scheint selbst die Band überrascht zu haben. »Wir wollen mit unserer Musik keine Realitäten abbilden. So etwas interessiert uns nicht. Unser Sound ist vielmehr der Versuch, der Wirklichkeit zu entkommen«, erklärt Christian Mazzalai fast schon entschuldigend. »Dieses Mal haben wir uns ganz besonders weit weg geträumt, und deshalb ist das Ergebnis auch besonders weit weg von der Realität.« Die Realität sind Donald Trump, Terrorängste, radikale antieuropäische Tendenzen und ein diffuses Gefühl der Unsicherheit, das durch alle gesellschaftlichen Schichten unseres Kontinents wabert. Angst empfinden die drei in Paris verbliebenen Phoenix-Mitglieder (Sänger Mars wohnt mit seiner Frau Sophia Coppola und den Kindern in New York) nicht. Aber, so D’Arcy, die Stimmung habe sich verändert. »Die vielen Polizisten mit ihrer Ausrüstung vermitteln ein merkwürdiges Gefühl. Eigentlich sollen sie uns Sicherheit garantieren – tatsächlich bewirken sie aber das Gegenteil.«

Aus dieser Unsicherheit heraus träumten sich die Musiker an den Sehnsuchtsort Italien. »Das Album gibt eine naive Vorstellung wieder, die ein paar französische Typen vom italienischen Sommer haben. Wir waren selbst nie dort, dafür haben wir in den letzten drei Jahren stundenlang zusammen Fellini-Filme geschaut«, erklärt Mazzalai. »Ich glaube, wir haben uns einfach deshalb für Italien entschieden, weil wir nach Licht gesucht haben.« Er macht eine lange Pause, schaut verträumt aus dem Fenster ins Berliner Regenwetter. »Ja, nach einem wunderschönen Licht ...«
Derart verklärt sind die von Phoenix erdachten Chiffren der Liebe glücklicherweise nicht. Wer »Ti Amo« hört, wähnt sich auf dem Rücksitz eines Mofas, das über das Kopfsteinpflaster römischer Gassen brettert und zielsicher in den perfekten Sonnenuntergang fährt. Die Songs transportieren eine unschuldige Sahneeis-Stimmung, die gleichzeitig sexy ist, weil mit »Fior Di Latte« auch ein zufällig entblößter Oberschenkel gemeint sein könnte. Kein Wunder, dass der Song auch in einer von Sophia Coppola gedrehten Unterwäsche-Werbung gefeatured wird. »Tuttifrutti«, »Telefono« und »Lovelife« verschmelzen zu einer Feelgood-Kombination, aus der einen nicht mal die schrille Schulglocke am Ende von »Fior Di Latte« herausreißen kann. Dabei geben die Lyrics des Albums keineswegs eine perfekte Schnulzenszenerie wieder. »Love you, ti amo, je t’aime, te quiero«, singt Mars – und erklärt, was man für das »good life« nicht braucht: zerschmolzenes Gelato nämlich. Ob Prosecco das Date noch retten kann oder wenigstens die Buzzcocks-Klassiker, die im Hintergrund laufen? Am Ende siegt einfach die Beharrlichkeit: »Don’t tell me no, I’ll say ti amo till we get along«, singt Mars. Über dessen sanfter Stimme liegt seit Neuestem ein Hall. So versteht man den Sänger noch schlechter als schon auf den letzten Platten. Eine Sache, die völlig gleichgültig ist, weil auf dem sanft klingenden »Ti Amo« nicht die durchaus harten Worte, sondern nur die Gefühle zählen. Ein Plan, der auch dann funktioniert, wenn Mars wie in »J-Boy« von Trennungen singt. Untermalt von sanftem 80er-Jahre-Synthie und den bekannten Elektrobässen, vereint der Sound des perfekt produzierten »Ti Amo« alles, was eine Romanze ausmacht. »Es ist dennoch ein Album, auf das sich auch Nicht-Romantiker einlassen können«, stellt D’Arcy klar.
Neu ist auch, dass die Band zum ersten Mal französische Parts aufgenommen hat. »Eine lustige Geschichte. Die letzten 20 Jahre wurden wir immer und immer wieder gefragt, warum wir keine französischen Lyrics schreiben. Nun haben wir es gemacht – und keinen interessiert es«, lacht D’Arcy. Eine Antwort auf die Frage hat er nicht: »Ein französischer Text hat sich jetzt einfach richtig angefühlt!« Mars hat unter anderem auch italienische Versatzstücke in seinen Songs verwendet. Und so ist »Ti Amo« als das bislang europäischste Album der Band am Ende irgendwie doch ein politisches Statement. Wieder zu den Anfängen zurückzukehren kommt für Phoenix nicht infrage. »Trotzdem bleiben wir unseren Wurzeln treu«, erklärt D’Arcy, denn zumindest der Aufnahmeprozess funktioniert seit Bestehen von Phoenix immer gleich: Alle Stücke entstehen zu einem von Mazzalai erdachten Loop. Auch ihrer immensen Ideen entledigt sich die Band immer auf dieselbe Weise. »Wir haben mehr als sonst geschrieben, hatten fast 4.000 Ideen«, erklärt Mazzalai. »Wir sind jedes Mal überzeugt davon, dass wir die Songentwürfe, die es nicht aufs Album schaffen, beim nächsten Mal verwenden. Natürlich passiert das nie«, sagt D’Arcy. »Also schmeißen wir irgendwann alle Snippets weg. Es ist ein sehr gutes Gefühl, loszulassen. Das befreit den Geist.« Das hat die Band übrigens von der japanischen Aufräumexpertin Marie Kondo gelernt. Deren Buch garantiert laut Phoenix ein verbessertes Leben. Genauso wie ein Fellini-Filmabend, Pistazieneis oder das wunderbare Licht kurz vor dem Sonnenuntergang auf Capri.

Phoenix

Ti Amo

Release: 09.06.2017

℗ 2017 Loyauté under license to Glassnote Entertainment Group LLC and exclusively licensed to Warner Music UK Limited