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Ostzonenfunkhausmachenpop

Phoenix

Das Funkhaus Nalepastraße in Berlin-Oberschöneweide beherbergte von 1956 bis 1990 auf ca. 135.000 Quadratmetern den staatlichen Rundfunk der Deutschen Demokratischen Republik. Der von Architekt Frank Ehrlich konzipierte und denkmalgeschützte Gebäudekomplex gilt heute flächentechnisch als eines, wenn
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Das Funkhaus Nalepastraße in Berlin-Oberschöneweide beherbergte von 1956 bis 1990 auf ca. 135.000 Quadratmetern den staatlichen Rundfunk der Deutschen Demokratischen Republik. Der von Architekt Frank Ehrlich konzipierte und denkmalgeschützte Gebäudekomplex gilt heute flächentechnisch als eines, wenn nicht sogar als das größte Tonstudio der Welt. Planet Roc, so der Name der Einrichtung, führt auf seiner stattlichen Referenzliste Künstler wie Sting, Black Eyed Peas, Throbbing Gristle, Anke Engelke, a-ha und Marlon. Seit dem vergangenen Sommer zählt eine Band zum Kundenstamm, die für ihre Aufnahmen ganz besondere Voraussetzungen suchte: “Wir schauten uns ein paar Studios an und wählten letztendlich jenes, das den unprofessionellsten Eindruck machte.” Die ursprüngliche Idee, den Follow-up zum Media-Control-Chartsalbum “Alphabetical” (Platz 68 im Frühjahr 2004) komplett in der deutschen Bundeshauptstadt zu schreiben und zu produzieren, hatte Phoenix-Gitarrist Christian Mazzalai. Grundsätzliche Einigkeit herrschte bei den Musikern des aus Paris stammenden Quartetts bereits ohnehin, dass man bei der Kreation des wichtigen dritten Albums dringend neue Wege beschreiten müsse und deshalb nicht im heimatlichen Zentralstaat verbleiben könne. So übersiedelten die vier Musiker im vergangenen Sommer gleich nach Beendigung der Festival-Saison inklusive Sound-Engineer und einem alten Freund, jedoch bar jeglichen neuen Songmaterials für ein Vierteljahr nach Berlin, wo sie in den Kultstadtteilen Mitte bzw. Treptow für die Zeit ihres EU-Arbeitsaufenthalts eine adäquate Bleibe fanden. Wer nun allerdings die Vermutung hegt, Phoenix hätten – wie bereits so zahlreiche Künstler in den vergangenen Jahren zuvor – die ehemalige Mauerstadt aufgrund ihrer einzigartigen Musikszene als Ort künstlerischer Befruchtung auserkoren, sieht sich getäuscht. “Ich kenne eigentlich kaum aktuelle Bands aus Berlin”, stellt Sänger Thomas Mars nüchtern fest. “Natürlich kennt man die Sachen, die David Bowie hier aufgenommen hat, aber meine Lieblingsbands aus Deutschland sind keine aktuellen, sondern eher Gruppe wie Can und Neu!.” In den gigantischen Aufnahmeräumlichkeiten im Südosten Berlins fanden Thomas Mars (Gesang), Deck D’Arcy (Bass), Laurent Brancowitz (Gitarre) und Christian Mazzalai (Gitarre) schließlich ideale Arbeitsbedingungen vor. “Es ist sehr anders dort, eigentlich überhaupt nicht wie in einem Studio. Es gibt keine goldenen Schallplatten an den Wänden, keine Spiele-Konsolen, keine Süßigkeiten-Automaten. Es ist schlicht und ergreifend nichts vorhanden, was einen auf falsche Gedanken bringen könnte”, erklärt Thomas, der sich dank seiner deutschen Vorfahren mütterlicherseits in der Bundesrepublik am wenigsten fremd zu fühlen hatte. Einen gar erfrischenden Einfluss auf das gemeinsame Komponieren will die Band ob der verschärft sachlichen Umstände in der ehemals sozialistischen Hörfunkanstalt festgestellt haben, der sich angesichts der zehn Stücke des neuen Longplayers “It’s Never Been Like That” selbst bei oberflächlichstem Erst-Konsum auch als Außenstehender ohne Probleme nachempfinden lässt. Neben der ersten Single “Long Distance Call” ist es da vor allem der fast schon unwirklich überschwänglich-frühlingshafte, Housemartins’eske Über-Pop von “Consolation Prizes” (quasi das gute Indie-Äquivalent zur bösen Mainstream-Krafthuberei von Katrina And The Waves und ihrem untötbaren Airplay-Ahasverus “Walking On Sunshine”), der einen für wohlige drei Minuten und zwölf Sekunden all die finsteren bis tristen Gedanken an ein Hier und Heute in der Vorhölle Deutschland vergessen lässt. Welche unmittelbar nachweisbaren klanglichen bzw. stilistischen Auswirkungen der Produktionsstandort Berlin-Ost letztendlich auf das Ergebnis hatte, vermag selbst Thomas Mars nicht zu beschreiben: “Berlin ist eine Stadt, die immer in Bewegung ist. Ich glaube, dass man das der Platte anhört.”
Dass die Band bei der Produktion dem vormals doch sehr kontrollierten und aufgeräumt-überarbeiteten Gesamteindruck ihres Outputs ein betont live’iges Klangbild verpasste, ist als zusätzliche positive Neuerung zu betrachten, die jedoch nicht auf einem zufälligen Zustandekommen oder gar Schlampigkeit beruht. “Bevor wir uns an das Schreiben der Songs machten”, erklärt Thomas, “hatten wir sehr ausführliche Grundsatzdiskussionen. Um so etwas durchführen zu können, ist allerdings eine sehr starke Freundschaft und ein großer Zusammenhalt innerhalb der Band nötig. Man muss sich einig über das gemeinsame Ziel sein.” Einzig unterbrochen von einem Spontan-Engagement der beiden Phoenix-Mitglieder Deck und Chris, die mal eben von den Mietern eines Nachbarstudios (unerkannterweise) für die Backgroundvocals des potenziellen WM-Songs “It’s Your Heimspiel” verpflichtet wurden, konnten die Arbeiten an “It’s Never Been Like That” zur Zufriedenheit aller im dafür vorgesehenen Zeitrahmen abgeschlossen werden. Mit dem Ergebnis kann die Band mehr als zufrieden sein. “Es ist ein komplettes Album, die Songs fügen sich perfekt zu einem Ganzen”, befindet Thomas, dem überdies wichtig ist, das bewusste Fehlen einer übergeordneten Botschaft zu betonen. Als “Meisterwerk”, wie der Autor der aktuellen (englischen) Bandinfo erkannt haben will, möchte der Sänger die Songkollektion allerdings auch nicht hochjubeln – zumal er sich die eigene Musik nach geglückter Vollendung auch nie privat zu Gemüte führt. “Das ist wie Sich-selber-Küssen”, erklärt er. Zukünftige Hörer ermutigt er dagegen, die neuen Songs in jeder Lebenslage einzusetzen: “Die Musik soll jetzt ihr eigenes Leben führen, ihren eigenen Charme entwickeln. Man kann zu diesen Songs so ziemlich alles machen.” Gewohnheitsmäßige Franco-Poprock-Skeptiker sollten sich auch keinesfalls von den gedroppten Namen (u. a. Hank Williams, Wreckless Eric, T.Rex) und dem Faible des Phoenix-Frontmanns für “raue Songs” abschrecken lassen, die keinerlei musikalische Entsprechung auf dem neuen Album finden. Vermutlich geht es Thomas in erster Linie hauptsächlich darum, jene Stimmen endgültig zum Verstummen zu bringen, die dem Quartett seit seinem Debütalbum “United” vor sechs Jahren nach wie vor das Lifestyle-Etikett “Softrock” aufpappen wollen. “Wenn ich eines nicht mehr ertragen kann, dann sind es diese Prefab-Sprout-Vergleiche”, ereifert sich Mars. “Wenn ich mir deren Platten anhöre, kann ich nicht nachvollziehen, wie jemand auf Gemeinsamkeiten mit uns kommt.” Doch damit nicht genug: “Mir ist diese ‘Softrock’- oder ‘Softmusic’-Geschichte sowieso völlig rätselhaft”, wundert er sich. “Wenn es nach mir ginge, sollte auf dieser Welt kein Platz für solche Musik sein.” Doch trotz des unvermittelten Genre-Bashings ist im Hause Mars noch immer die Kundschaft König – und die setzt sich im Falle Phoenix traditionell aus dem denkbar divergentesten Klientel (Dance, Indie, Rock) zusammen: “Wir denken immer an den Hörer, wenn wir unsere Songs schreiben und aufnehmen. Natürlich ist Musikmachen in erster Linie eine egoistische Angelegenheit, das gebe ich zu. Aber bei uns steht der Hörer an erster Stelle.”