×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Im Interview: Galgenvögel

Phoenix

Der Titel leuchtet so dreist wie Las Vegas: "Wolfgang Amadeus Phoenix" - für ein großartiges ästhetisches Verbrechen hält ihn die teilweise gleichnamige Band.
Geschrieben am
Der Titel leuchtet so dreist wie Las Vegas: "Wolfgang Amadeus Phoenix" - für ein großartiges ästhetisches Verbrechen hält ihn die teilweise gleichnamige Band. Die vier freundlichen Franzosen haben kein Album zur Zeit gemacht, sondern ein Album gegen die Zeit: Während die Welt sich in der Krise suhlt, sind Phoenix an einem ganz anderen Ort. Dana Bönisch (Text) und Christoph Voy (Fotos) waren kurz mit.

Bitte überlegen, wie eine Geschichte aussehen würde, in der folgende Begriffe vorkommen: Liszt. 1901. Zäune. Liebe. Sonnenuntergang. Lasso. Rom. Countdown. Girlfriend. Waffenstillstand. Was für ein Drama! Außerdem ein Mash-up aus Western, Historiendrama und "La Boum", voller Metaphorik von Liebe und Krieg - was am Ende ja meistens das Gleiche ist. Und was für ein Licht. "Unsere Alben funktionieren tatsächlich ein bisschen wie ein Roman", sagt Thomas Mars zur zitierten Trackliste.

"Wir wollen eine Dramaturgie, deshalb ist auch die Reihenfolge der Songs sehr wichtig." - "Dabei ist nicht alles direkt zu übersetzen, der Titel zum Beispiel hat gar nicht so viel mit Mozart selbst zu tun, sondern ist eher der Bezug auf eine Größenordnung", fügt Gitarrist Branco hinzu - und freut sich: "Diesen Namen zu klauen war total unverschämt. Ein Akt des Vandalismus." Eigentlich sollte Sofia Coppola, mit der Thomas Mars ein Kind hat, hier gar nicht so Gala-mäßig vorkommen, aber tatsächlich erinnert diese Art von Bezugssystem an ihre Filmsprache in "Marie Antoinette": Neon, Rokoko und Converse. Auch der Song "Lisztomania" ist keine Referenz an klassische Musik: "Bei Liszt geht es einfach darum, dass er der Popstar seiner Zeit war. Andere Musiker mochten ihn nicht und sahen auf ihn herab, und das nur, weil er alle Mädchen bekam. Es gefällt uns, wie Geschichte eigentlich gar nicht existiert, es passiert immer das Gleiche."








Was bisher geschah

Es war der beste Anfang einer Platte seit Jahren: "Thingsaregonnachange" - Pause - "and not for better." Das kündigte etwas an, textlich zwar unheilschwanger, auf Musikebene aber groß, gut, neu. "Alphabetical" perfektionierte das, was "United", das erste Album, mit einigen Songs schon versprochen hatte: Euphorie, Melancholie und die Maxime, den "R'n'B so hart zu spielen wie Ringo Starr sein Schlagzeug". Letzteres haben damals alle geschrieben, keiner weiß mehr, wer als Erstes. "United" gehörte zu den Alben, die gewissermaßen das neue Jahrtausend wach geküsst hatten. Es strahlte eine ähnliche Energie ab wie "Is This It" von den Strokes, war aber in einem viel eleganteren, unschrammeligeren Referenzrahmen verwurzelt.
Die ersten Phoenix-Hits hatten dabei eine unverwechselbare Art, ihre verschiedenen rhythmischen Parts aneinander zu brechen; glasklares Gitarrenpicking und elektronisch generierte Drumsounds vertrugen sich nicht so richtig mit dem gleichförmigen Ritualtanzschritt des Indiepop-Protokolls. "Everything Is Everything" zum Beispiel erforderte ein Tanzen mit viel Schulteraction, schleifenden Schuhspitzen, gar Drehungen. Und schon im smoothen "If I Ever Feel Better", zu dem man zwanghaft aus dem Handgelenk schnipsen musste, gab es diese cleveren, atemlosen Wiederholungen: "I can try I can try I can try I can try" - kontrollierter Überschlag.

"Ich mag es, wenn man den Songs anhört, dass sie zu einer bestimmten Familie von Songs gehören, dass jedes Album einen eigenen Klang hat", erzählt Thomas Mars. "'Alphabetical' war ein sehr klinisches Album, auf gewisse Weise die verrückteste Erfahrung unserer Bandgeschichte: Wir waren in diesem toten Raum eingeschlossen und haben möglicherweise die trockenste Platte gemacht, die je gemacht wurde. Diese Idee haben wir so weit getrieben, dass wir unmöglich von dieser Stelle aus noch weitergehen konnten."

Konsequenterweise war "It's Never Been Like That" dann ein Album, das eher zurück in den gemeinsamen Keller führte, wo noch eine Menge Gitarren herumstanden. Oder exakter: das den Augenblick beschrieb, in dem man aus ebenjenem Keller raus in den sonnendurchfluteten Morgen tritt. Wenn man sich entscheiden müsste, steht auch "Wolfgang Amadeus Phoenix" in dieser Tradition, statt wieder Richtung Ringo Starr und R'n'B zu steuern - und macht gleichzeitig den übernächsten Schritt.






Tous pour un / un pour tous
Kurze Vorstellung der Protagonisten: Branco wirkt wie ein jüngerer Christoph Schlingensief in engen Hosen und rotem Woll-Jöppchen, der gerne über Grenzen und Mut und Steak Tartare spricht, alles in Bezug auf Kunst. Thomas Mars hat die melancholische, leicht nasale Stimme, die alle Phoenix-Songs über ihre rhythmischen Trickkisten hinweg verbindend adelt, analysiert die Seltsamkeiten der Welt und kann auf anbetungswürdige Weise den Namen "Evel Knievel" aussprechen. Im Interview sind beide aufmerksam und bedächtig - und, auch wenn das merkwürdig klingt, auf eine rare Art liebevoll miteinander. Branco heißt eigentlich Laurent Brancowitz und ist der Bruder von Christian Mazzalai, dem anderen Gitarristen, heißt also eigentlich noch nicht mal Brancowitz, sondern Mazzalai. Mit dem Namen von Deck d'Arcy, dem Bassisten, ist auch irgendetwas nicht in Ordnung. Mindestens Blutsbrüder sind sie jedenfalls alle. Oder so eine Art Musketiere.

Ihr kennt euch seit eurer Kindheit, habt zusammen gelebt, gearbeitet, getourt - nie Angst gehabt, dass der Tag kommt, an dem das Bandsein etwas zerstört?
B: Nein. Eine Band mit deinen besten Freunden zu haben ist das Tollste, was du machen kannst.
T: Ehrlich gesagt mache ich nur Musik, weil ich diese ganzen Dinge mit meinen Freunden teilen will. Es ist nicht so - obwohl Musik natürlich etwas sehr Geheimnisvolles und Gutes ist -, dass ich es unbedingt bräuchte, Musik zu machen. Es ist einfach eine Art von kollektiver Suche, von Zusammensein. Wenn ich alleine wäre, würde ich irgendetwas ... Kleineres machen, etwas Spezifischeres. Basteln. Oder so.

Ihr lebt im gleichen Viertel in Paris, eine dieser filmischen Städte voller Bilder und Texte. New York ist auch so ein Ort, dort habt ihr am neuen Album gearbeitet. Absicht?
B: In Paris sind wir tatsächlich von einem aufgeladenen Ort zum anderen gereist. Wir haben uns zum Beispiel ein Hausboot gemietet, das quasi direkt unter dem Eiffelturm lag - wirklich wahr. Wenn wir reisen, tragen wir dieses postkartenhafte Paris mit uns herum.
T: Wenn du dort aufgewachsen bist, tritt deine eigene Geschichte, deine Erinnerung in eine interessante Beziehung zu den überhistorischen Orten. Paradoxerweise können wir uns in der Stadt, mit der wir am engsten verbunden sind, vielleicht auch wieder neu erfinden.

Einer der beliebtesten Paris-Mythen besagt, dass die künstlerische Community dort sehr eng vernetzt ist. Früher gab es romantische Geschichten von den Sauftouren der Impressionisten, heute trifft man, sagen wir, Jarvis Cocker beim Croissant-Kaufen ...
T: Der kauft wirklich viele Croissants! Er wohnt bei mir in der Nähe, und ich habe ihn tatsächlich schon ein paar Mal morgens beim Bäcker getroffen. Ansonsten sieht man natürlich oft auch Michel Houellebecq im Café Flore ...
B: Eine Sache musst du dir merken: Alle Klischees stimmen. Alle. Wir lieben Paris.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Phoenix beschäftigen sich eher wenig mit den Überbaugeschichten, die das abstrakte Herz der Musik normalerweise umspinnen, wenn man darüber kommuniziert: keine Phrasen über das Business, kein Referenz-Memory, kaum Popdiskurs. Anstelle einer vereinbarten Choreografie des Drum-herum-Redens steht meistens der Versuch, sich dessen geheimem Innern zu nähern. "Geheim" ist Brancos Lieblings-Präfix: Geheimbund, Geheimdienst, Geheimversteck, all das klingt für ihn sehr poetisch. Und Thomas Mars sagt in seinem leisen, vorsichtigen Französisch-Englisch: "Musik ist eine mystische Sache." Was aus Gewohnheit eskapistisch oder abgedroschen klingt - fast möchte man diese Träumer in Schutz nehmen vor den Geistern der Punks und Mods, die sie für solche Gedanken erst mal Mofakette schmecken lassen würden.

Wenn man aber bedenkt, dass immer noch niemand herausgefunden hat, wie die ganze Sache eigentlich funktioniert - warum sich Erinnerung immer in der Musik festsetzt und nicht da, wo man sie herstellen will, in den Fotos zum Beispiel -, macht es schon Sinn, immer noch zu staunen, was so alles passiert ist, seit man in irgendeinem Keller in Versailles seine erste Platte aufgelegt hat.

Leider wurden in diesem Text bereits Croissants und der Eiffelturm erwähnt, damit ist das Maß an überflüssigen Frankreich-Verweisen eigentlich voll. Aber jetzt, wo es um Musik als Erinnerungsträger geht und die Jungs plötzlich ganz aufgeregt sind, kommt man nicht umhin, an Marcel Proust zu denken. Vielleicht macht das Paris mit einem, dass man sehr aufmerksam wird für die Magie von Orten, für Zeit und Nicht-Zeit und zersplitterte Persönlichkeiten, alles Lieblingsthemen, die sich Brancowitz und Mars mit dem großen französischen Romancier teilen.

Viele Phoenix-Songs sind für mich mit Erinnerungen besetzt. Wie funktioniert das eigentlich bei Musikern: Lösen eure eigenen Lieder manchmal noch Dinge aus, oder verfliegt das, wenn man sie immer wieder spielt?
B: Schön, dass du das sagst. Das ist doch das Wichtigste und Merkwürdigste, was Musik kann.
T: Musik, die man selbst macht, ist ein bisschen wie dein Bruder, deine Familie. Du verknüpfst keine spezifischen Bilder mit ihr, sie ist eher Teil von dir.
B: Aber das Gefühl, dass sie auf eine geheimnisvolle Weise an etwas erinnert, brauchen wir eigentlich überhaupt erst als Keimzelle für einen neuen Song. Es kann immer nur ein paar Sekunden andauern, es ist sehr schwierig, es zu halten. Ein Song ist sozusagen erst eine flüchtige Erinnerung, und dann verliert er für uns zwangsläufig die Erinnerung, weil er Form annimmt und wir ihn immer wieder spielen - und das ist dann der Zeitpunkt, in dem er für dich zum Erinnerungsträger werden kann, für uns aber nie wieder. Weißt du, was ich meine?

Ihr seid innerhalb eurer Songs, und ich bin außerhalb.
B: Genau, und das ist eigentlich sehr traurig. Wir können nicht mehr zueinander kommen, auch wenn wir versuchen, einen Song wieder so zu hören, wie du ihn hören würdest. Das geht aber nur im allerersten Moment.

Für Phoenix selbst mag dieser allererste Moment verloren gegangen sein, während sie über eineinhalb Jahre an "Wolfgang Amadeus..." gearbeitet haben - dafür haben sie es planmäßig geschafft, ihn luftdicht in den Songs einzuschließen, ohne ihn etwa durch Perfektionismus zu beschädigen. Wieder probt Thomas Mars den kontrollierten Überschlag mit seinen akzentuierten, hektisch-euphorischen Wiederholungen, diesmal blinken sie von vornherein wie durchgebrannte Leuchtschriften: This is showtime, this is showtime, this is showtime. Like a riot, like a riot. Die verlorene Zeit findet sich traditionell eben auch in der Disco wieder, dem Jetzt-Ort schlechthin.

Dann passiert etwas Unvorhergesehenes: In der Mitte des Albums - "in seinem Herzen", wie Branco sagt - bricht es plötzlich, da gibt es einen Song, der mehr Track ist als Song: Langsam baut er sich auf, wird groß, zerbricht und zerbröselt, bäumt sich dann wieder auf, kämpft für sieben Minuten vierzig, bis er die Stimme wiederentdeckt. "Es ist eine Art, dem Hörer zu sagen: Wir glauben an dich, wir machen es dir nicht einfach", sagt Thomas. "Wir wollten so was seit Jahren machen, aber das braucht lange, sehr lange." Die Herren winden sich, wollen es erst nicht aussprechen, "das machen doch sonst nur englische Bands", aber ja: Das sei ihre beste Platte. Für die Phoenix zum ersten Mal überhaupt die Produzentenrolle aus der Hand gegeben haben - was anscheinend nur klappte, weil Philippe Zdar die Gang so lange kennt, dass er als das berühmte inoffizielle fünfte Bandmitglied gilt. "Dieses Album hat uns viele Male das Herz gebrochen", sagt Branco. "Und deshalb ist es jetzt so gut, wie wir nur sein können."

Phoenix schaffen es wieder - weit jenseits der bräsigen Redundanz, die ein durchschnittlicher Discohit dafür aufzubringen hat: Tanz weiter, das hier mag ein Königreich aus Dreck sein, aber gerade jetzt ist das egal, this is showtime. Like a riot.

Wir verlosen fünf Remix-CDs von "Liztomania"! Einfach eine Mail an tickets@intro.de mit Betreff "Liztomania". Vergesst Eure Postadresse nicht, damit wir euch die CDs auch zuschicken können! Einsendeschluss ist der 18. Mai!