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Melancholie und Gesellschaft

PeterLicht

PeterLichts Soundtrack zur Identitätskrise eines Künstler-Ichs im Neoliberalismus könnte schon im Titel eine Anspielung auf Fehlfarbens "Monarchie & Alltag" sein.
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Die Kunstfigur PeterLicht erscheint als Parodie auf die US-amerikanischen Vertreter der Theory of Obscurity wie Thomas Pynchon, der öffentlich nur bei den Simpsons - und dort auch bloß mit einer Tüte überm Kopf - aufzutreten pflegt.

Oder auf die Residents, die ihre Bühnenpräsenz in Tuxedos und Augapfelkopfmasken hüllen. Meinrad Jungblut, der vor seiner Reinkarnation als PeterLicht mit "Sonnendeck" einen veritablen Sommerhit landete und unvergessen feststellte, dass die Sonne ja auch bloß mit Wasser kocht, treibt es seit jeher nicht ganz so weit.

Auf Fotos spielt er jedoch gern mit seiner Unscheinbarkeit (siehe Titelthema Ausgabe 164). Und als beim Melt! die ersten Töne von PeterLichts Soundcheck erklangen, schien das Publikum entsprechend respektvoll Abstand zu halten. Am helllichten Nachmittag stand die Kluft des leeren Innenraums zwischen den sich abstimmenden Musikern auf der Hauptbühne und den Leuten, die in gehöriger Entfernung auf den Treppenstufen hockten. Natürlich hatte sich der Künstler diese Distanzierung nicht ausdrücklich erbeten. Mit dem Beginn des Konzerts war sie dann auch Geschichte. Das Publikum strömte nach vorne. PeterLicht kann sich über dessen mangelnde Gunst gerade nicht beschweren. Als Schriftsteller, der mit seinem "Buch vom Ende des Kapitalismus" viel Lob einheimste, gewann er beim Klagenfurter Wettlesen immerhin den Publikumspreis.

Seine neue Platte "Melancholie & Gesellschaft" besticht durch gesteigerte Mitsummbarkeit, einschmeichelndes Piano, das auch einer Meat-Loaf-Oper zur Untermalung gereichte, und eine geschliffene Albernheit, die ihren tragikomischen Ursprung betont. Das Scheitern an der Absurdität des Alltags - das Schlingern zwischen Pessimismus und Optimismus, Negation und Affirmation, Liebe und Trennung - erklingt durchgehend einleuchtend und nur beim "Stilberatung / Restsexualität"-Refrain nervig nach platter Einfallslosigkeit.

PeterLichts Soundtrack zur Identitätskrise eines Künstler-Ichs im Neoliberalismus könnte schon im Titel eine Anspielung auf Fehlfarbens "Monarchie & Alltag" sein. Vielleicht auch nicht. Wir erinnern uns, dass diese 1980 als bester deutscher Roman des Jahres gefeiert wurde. Ließe sich über "Melancholie & Gesellschaft" womöglich auch sagen, gäbe es nicht den zumindest gleichwertigen dritten Teil von "Herr Lehmann". Beide Bücher - oder Platten, wie ihr wollt - vereint eine kleine, gemeine Anzahl wahrhaftiger Momente, jeweils in eine unaufgeregte, alltäglich anmutende Form gegossen, die sich dem falschen Glanz dieser Tage entzieht. Auch eine Art von Geheimnis. Das scheint mir irgendwie attraktiv.