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In Köln: Wo sich Fox und Affe guten Abend sagen

Peter Fox feat. Cold Steel live

Eigentlich fürs 4.000 Menschen fassende Palladium geplant, dann in die 20.000er Kölnarena verlegt und trotzdem ausverkauft: Marco Di Lenarda war beim Peter Fox-Gig dabei.
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Eigentlich fürs 4.000 Menschen fassende Palladium geplant, dann in die 20.000er Kölnarena verlegt und trotzdem ausverkauft: Marco Di Lenarda war beim Peter Fox-Gig dabei.

13.03.2009 Köln, Lanxess Arena

Das große Schwarze, es fällt. Geht's jetzt los? Auch nachdem das dunkle Seidentuch, das zuvor die Bühnen verdeckte, weg ist, lassen Band und Sänger noch auf sich warten. Die Halle mit dem neuen Namen und der weit sichtbaren Bogenkonstruktion kocht. Die Meute pfeift, klatscht, schreit. Die Vorfreude ist quasi mit den Händen zu greifen, mit den Ohren zu hören, mit der Nase zu riechen. Aus den riesigen Boxen dröhnt Füllermusik: Abwechselnd Jazz und Reggae. Beides soll wohl die angekratzten Nerven der Anwesenden beruhigen. Doch: Fail. Die Endorphin-Kurve geht steil in Richtung oberes Skalenlimit. Erste La-Olas schwappen durch das Hallenoval. Die Pfiffe werden lauter. Jubel brandet auf, der in wahnwitziges Klatschen übergeht. Es herrscht eine fast überschwängliche, eher für Open-Air-Festivals bekannte Atmosphäre.

Die Vorfreude endet um exakt 21.18 Uhr. Genau 20 Minuten nach dem Fall des schwarzen Stoffs betreten Pierre Baigorry, alias Peter Fox, und seine Band die Bühne. Auf der großen Leinwand hinter den Musikern blickt das in Blau gehaltene Haupt eines Affen auf Peter Fox hinunter. Guten Abend allerseits, es kann losgehen!



Peter Fox, 37 Jahre alt, beginnt sein Kölner Gastspiel mit folgender Aufforderung: "Egal wo du wohnst, wir kommen, um dich zu holen. Die Affen steigen auf den Thron. Köln, gib uns ein HOH!" Die nächsten anderthalb Stunden (inkl. zweier Zugaben) werden laut und basslastig. Dazu dröhnt die markante Stimme des angestammten Seeed-Frontmanns, der sich zwischendurch sogar an der Gitarre versucht. Den instrumentalen Part übernehmen an diesem Abend aber ein Keyborder, ein Gittarist, ein Bassist, drei Bläser sowie fünf Trommler. Vier davon gehören zur Formation der Cold Steel Drummer aus North Carolina und sind eines der Highlights des Abends. Sie stecken in grauen Anzügen, tragen weiße Hemden und schwarze Krawatten und bewegen sich ähnlich synchron, wie man das ob ihrer Uni-Klamottenwahl hätte vorhersagen können. Der Clou dabei: Ihre Sticks, die in einem phosphoreszierenden Neongrün gehalten sind, benutzen die Jungs nicht nur als Klangstäbe, sondern auch als Choreografiehilfe. Während der schnellsten Rhythmen werden Quadrate in die Luft gezaubert, die sich im nächsten Moment in eine sich wellenförmig bewegende Linie verwandeln. Die Show ist ein Fest für Augen und Ohren. Keiner der Zuschauer ist den grandiosen Beat-Men böse, dass nicht alle Stick-Flugeinlagen gelingen.





Als ersten Song wählt Fox seinen Dauerrenner "Lok auf 2 Beinen": "Die  Pumpe pumpt. Hab wunde Lungen, wie´n junger Hund. Werd nie satt." Ein passender Einstieg in eine Performance, die immer nochmal mitreißt, stetig begeistert und von allen Beteiligten ein hohes Durchhaltevermögen einfordert. Flankiert wird die Musik von einer antagonistisch gehaltenen Bühnenshow: Es dominieren die "Farbkombi" Schwarz-Weiß und das (UV-)Licht reflektierende Grellgrün, welches sich mit den Grundfarben Gelb, Rot und Blau abwechselt. Immer aber steht einer der Farben gegen die Grautöne.

Peter Fox scheint auf seinen grünen Sneakersohlen durch den Abend zu schweben. Dabei sind die Texte zum Teil sehr rauh, klingen morgendlich frustriert, um gleich im nächsten Moment zum Grinsen einzuladen und eine fast romantische Botschaft zu vermitteln.

Zum zweiten Stück wechselt die Bühnenfarbe: Ein Rot erleuchtet die Szene. "Der letzte Tag" beginnt mit einer lustig-kleinen Bläsermelodie, der Text fordert "Lass uns tonnerweise Torten fressen, Champagnersorten testen und versuchen, die Sterne mit Sektkorken zu treffen" und ist eine Hymne an die "schöne Welt". Das Leben als Party, bis einem "der Himmel auf den Kopf fällt." Doch die Songs fahren selten eingleisig: Die ganze Feierei wäre wohl nichts, wenn man dann nicht noch jemanden hätte, mit dem man "Hand in Hand nach Hause gehen" könnte.

Peter Fox schafft es, und das ist womöglich einer der Gründe seines Erfolgs, die großen und die kleinen Gefühlen einer jungen (Stadt-)Gesellschaft in seinen Songs zu reflektieren, dabei aber nicht auf eine Schiene zu reduzieren. Dass die Empfindungen sehr ambivalent sind und sich auch mal widersprechen, scheinen alle als gegeben hinzunehmen. Wer ist schon ausnahmslos gut gelaunt?

So halten in seinen Songs städtische Stressmomente und schlechte Luft dennoch keinen davon ab, den Ort, in dem man lebt, zu lieben. Als wirksames Gegenmittel preist Fox die internationale Bäckerkunst urbaner Multi-Kulti-Viertel. Die Sorgen sind gegessen. Es ist ein latenter Optimismus, der die Foxsche Botschaft in brauchbare Motivationshilfen verwandelt.

Die Party hat also begonnen. Bis zum Ende werden alle (zwölf) Songs der Platte gespielt werden. Aufgefüllt wird die Tracklist mit Werken aus dem eigenen Garten ("Dickes B", "Schwinger") wie auch über herangezüchtete Fremdware (Puff Daddy feat. Jimmy Page´s "Come With Me" im Berliner Fox-Trott).

Die Drummer forcieren den Gleichschritt, Fox schwingt das Tanzbein. Man fühlt sich wie der 15-jährige, der auf dem Rummel die Tochter des Direktors ins Riesenrad entführt hat und ihr ganz oben den einen Kuss klaut. Unten angekommen gibt's dann noch ein großen Softeis. Ha! Schönes Leben, schöne Welt.