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In INGRIDs Armen

Peter Bjorn And John im Gespräch

Peter Morén, Björn Yttling und John Eriksson sind viel mehr als diese Band, die fröhlich pfeifend die »Young Folks« zum Schunkeln brachte. In ihrer Heimatstadt Stockholm zeigen sie mit ihrem bestens vernetzten Kollektiv INGRID, wie man sich heute im Popmarkt etabliert und bei den ganz Großen mitmischt. Daniel Koch hat Peter Bjorn And John kurz vor dem Release ihres neuen Albums »Breaking Point« in Stockholm besucht.
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Wer sich an einem sonnigen Tag vor das Café Mellqvist am Bysistorget im Stadtteil Södermalm unter die Kirschbäume setzt, hat gute Chancen, Lykke Li, Miike Snow, die Songwriterin Amanda Bergman oder eben Peter Bjorn And John zu treffen. Die teilen sich mit dem hippen Café nämlich den Eingangsbereich zu ihrem Studio, einem von zweien, das sie in Stockholm für ihr Kollektiv INGRID nutzen. Wie passend, denn genau hier im Mellqvist hatte man vor fünf Jahren die Idee, sich unter dem schönen Namen INGRID lose zu vernetzen, woraus sich 2012 auch ein Label gründete. Im offiziellen Gründungsstatement heißt es: »Wir fragten uns, ob da nicht mehr ist im Leben als Welttourneen, Indie-Ruhm und leere Taschen.« 

Es ist also auch kein Zufall, dass Peter Morén, Björn Yttling und John Eriksson Freunde, Wegbegleiter und ein paar Pressenasen in dieses Studio geladen haben, um eine Handvoll Songs ihres neuen Albums »Breaking Point« live zu spielen. Und obwohl sie »Dominos«, »Do Si Do« und die Stockholm-Hymne »In This Town« zum ersten Mal vor Publikum präsentieren und noch den einen oder anderen Part versemmeln, tut das der familiären Stimmung keinen Abbruch. Beim Bier nach der Show erzählt Björn: »Früher haben in diesen Räumen ABBA aufgenommen. Und ich habe hier oft mit Lykke Li auf dem Boden gesessen und gemeinsam Demos eingespielt.« Yttling ist, wie viele aus dem Kollektiv, weit mehr als bloßes Bandmitglied. Er teilt die Songwriter-Credits mit Lykke Li auf all ihren Alben, half Bobby Gillespie von Primal Scream bei der letzten Platte, komponierte für Robin Schulz und Anna Ternheim, schuf Streicher-Arrangements für Madrugada, spielte Klavier für Robyn und arbeitete an den Soundtracks für den Film »The Fault In Our Stars« oder »Grey’s Anatomy«.
INGRID ist ihm dabei ebenso eine Herzensangelegenheit wie seine Hauptband. »Anfangs haben wir eigentlich nur Lagerräume und Studios gemeinsam genutzt. Nach und nach wurden wir Freunde, lernten voneinander, teilten Equipment, Ideen und sogar Jobs. Inzwischen begreifen wir uns als Team.« John Eriksson, der neben Peter Bjorn And John auch bei Moneybrother und Lykke Li spielt und das Dance-Projekt Hortlax Cobra betreibt, ergänzt: »Es gibt im Pop und auf der Welt so viele Einzelkämpfer. Dabei fühlt es sich doch viel besser an, Teil von etwas Größerem zu sein.« Und Peter Morén, der drei wundervolle Folk-Soloalben aufgenommen hat, stellt klar: »Obwohl wir einige kommerziell sehr erfolgreiche Acts in unseren Reihen haben, spielte das nie eine Rolle: Wir kommen wegen der Musik zusammen. Die Liebe zu guten Songs eint uns.« Sätze wie diese mögen ein wenig pathetisch klingen, wer aber einen Nachmittag in INGRIDs Gesellschaft verbringt, spürt diesen Spirit durchaus.

Gleiches gilt für Peter Bjorn And John: Die drei musizieren miteinander, seit sie 19 sind, und wenn man ihnen gegenübersitzt, merkt man gleich, wie gut sie sich kennen – mit allen Risiken und Nebenwirkungen. »Unser Album heißt nicht umsonst ›Breaking Point‹. Es gab diesen Punkt, an dem wir nicht mehr weiter wussten, uns im Kreis drehten und nach und nach auf die Nerven gingen«, gibt Björn unumwunden zu. »Wobei wir es erst ›Drama Club‹ nennen wollten. Passt ja auch«, grinst John, und Peter erklärt: »So entstand die Idee, mal Produzenten von außen an Bord zu holen. Wir schrieben unsere Wunschliste auf und waren dann sehr überrascht, dass wir die meisten von ihnen bekamen.« 
Die Produktionscredits kann man dann wohl tatsächlich als Beweis lesen, wie geschätzt sie in der Pop-Elite sind. Am Ende waren beteiligt: Patrick Berger (Icona Pop, Robyn), Paul Epworth (Florence + The Machine, U2, Paul McCartney), Greg Kurstin (Sia, Adele), Emile Haynie (Lana Del Rey, FKA Twigs, Kanye West), Pontus Winnberg (Miike Snow) und Thom Monahan (Wild Nothing, Devendra Banhart). »Das war schon verrückt«, erinnert sich Björn. »Am Ende war es normal, dass man ins Studio geht und plötzlich U2 oder Paul McCartney trifft.« Am wichtigsten war jedoch, so John: »Sobald ein Vierter im Raum war, dessen Arbeit wir schätzten, benahmen wir uns besser: Anstatt in alte Rollen zu verfallen, schauten wir auf den Kern der Songs und konzentrierten uns auf unser Handwerk.« Dabei hatten sie sich, wie Peter erklärt, gewisse Vorgaben gesetzt: »Das Ziel war immer ein klassischer Popsong mit einem modernen Twist. Klassische Struktur, nicht zu lang, große Refrains, Tempo eher medium, gute, simple Lyrics, Melodien, die dich packen.«

Die zwölf Songs auf »Breaking Point« erfüllen allesamt diese Auflagen, wobei manche fast ein wenig zu süßlich geraten sind. Saugut sind Peter Bjorn And John dann, wenn die Melancholie Einzug hält, im Trennungssong »A Long Goodbye« zum Beispiel oder bei »In This Town« – einer Hymne, die sicher in vielen Städten, hier in Stockholm aber besonders gut funktioniert. Im Refrain singen alle drei: »Tonight I don’t wanna go home / I want to go back to when it started«, und man glaubt die Liebe zu ihrer Stadt fast zu spüren. Trotzdem sei der Song bitte nicht als reine Nostalgie zu verstehen, meint Peter: »Natürlich ist er Stockholm gewidmet. Wir verdanken dieser Stadt alles. Björn und ich kamen aus kleinen, öden Käffern aus dem Norden, als wir 19 oder 20 waren. John war schon eine Weile hier und als Studiomusiker etabliert. Wir setzten alles auf diese Musikerkarte, und diese Stadt hat uns ermöglicht, damit durchzukommen.« Björn ergänzt: »Wir alle fühlten uns in unseren Heimatdörfern völlig fehl am Platze. Das geht uns jetzt noch so, wenn wir dort unsere Verwandten besuchen. Ich will dann immer gleich wieder weg.« Und John, der oft das letzte, gut überlegte Wort einer kollektiven Antwort findet, sagt: »Deshalb ist INGRID hier zu Hause, auch wenn wir manchmal mit internationalen Größen arbeiten.«
So schließt sich der Kreis zu der Runde, die sich hier im Studio neben dem Mellqvist versammelt hat, um mit Peter Bjorn And John zu feiern. Und als hätte man nicht schon jetzt geschnallt und gespürt, dass hier in INGRIDs Armen Freundschaften am Werk sind, erzählt Rob Andersohn, ein Amerikaner, der die INGRID-Konzerte, -Partys und -Treffen mit seiner Videokamera dokumentiert, noch einmal mit leuchtenden Augen: »Hey Mann, genau wegen solcher Nachmittage mach ich das! Und ich liebe diesen Raum! Ich werde nie vergessen, wie ich hier einmal reinkam und Lykke und Björn auf dem Boden saßen. Er spielte Akustikgitarre, und sie sang dazu. Das war so rein, Mann, so groß, ich hatte Gänsehaut von den Zehen bis zur Stirn!« 

Genug der Worte, her mit den Tönen! Wir präsentieren euch den Album-Stream von »Breakin’ Point«.

Peter Bjorn and John

Breakin' Point

Release: 10.06.2016

℗ 2016 PBJ Musik AB

— Peter Bjorn And John »Breakin’ Point« (Ingrid / Rough Trade / VÖ 10.06.2016)