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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Im Interview: Pop jenseits von Lagern

Pet Shop Boys

Pop als Elite vs. Pop als Massenphänomen: Die Pet Shop Boys gehören zu den Größen, auf die man sich in beiden Lagern immer einigen kann. Sagt Dana Bönisch.
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Wenn es einen Text gibt, in dem es Sinn macht, über Pop an sich zu schwadronieren, dann in einem über die Pet Shop Boys. Diedrich Diederichsen unterschied zwischen Pop Eins, dem Pop als Elite, und Pop Zwei, dem Pop als Massenphänomen. Dass zwei solche Pole mit dem gleichen Wörtchen beschrieben werden, hängt damit zusammen, dass sie natürlich so gegensätzlich gar nicht sind: Die Pet Shop Boys gehören zu den Größen, auf die man sich in beiden Lagern immer einigen kann. Sagt Dana Bönisch.

In sich ist das letzte große Duo der Popmusik hingegen schön bipolar: Chris Lowe ist der, der damals die Village-People-Platte anschleppte, Neil Tennant der, der erst von der Idee überzeugt werden konnte, "Go West" zu covern, als Chris ihm aufzeigte, dass der Song die gleichen Harmoniewechsel hat wie Pachelbels "Canon In D-Dur".

Lowe ist der Lad, Tennant der Connaisseur. Durch den Image-Filter betrachtet, überrascht es nicht, dass Ersterer beim Interview auf dem Sofa lümmelt, während Letzterer mit übereinandergeschlagenen Beinen die pure Eloquenz ausstrahlt. Gerne stellen sie dabei im Team zurückgelehnte Weltbetrachtungen vom Balkon an, in etwa wie die Muppets-Opas - ohne deren Nörgeligkeit. Es kann passieren, dass Chris, als man über Sprache und die Mode überlanger Bandnamen redet, plötzlich ruft: "Wusstet ihr, dass die Stadt Birmingham alle Apostrophe aus den Straßennamen entfernt hat? Wir sollten uns einen Marker kaufen und sie wieder reinmalen."

Die beiden sorgen sich nicht nur um den Verfall der Zeichensetzung, sondern auch um die größeren Themen - vor allem um die Überwachungspolitik in den Zeiten des Terrors. Damit beschäftigte sich bereits das letzte Album eingehend, und auch auf dem neuen, "Yes", wird - obgleich im Titel ein neuer Optimismus mehr als mitklingt - gefragt: "Have you realized your computer's a spy?" Als direktes politisches Instrument funktioniert Pop laut Tennant aber nicht: "Unser letztes Album hatte eine Art politische Agenda, aber es gab keine Anweisungen, sondern spiegelte nur das kulturelle Klima. Wenn Künstler als Politiker operieren, wird es immer ein bisschen unangenehm. Bono soll sich doch wählen lassen, wenn er Politiker sein will, und nicht Musik als Vehikel benutzen, er ist nämlich auch kein effizienter Musiker."



Effizienz ist ein gutes Stichwort für das Großprojekt Pet Shop Boys. Tennant und Lowe inszenieren sich nicht etwa als genialische Masterminds, die Tag und Nacht an ihrem Gesamtkunstwerk tüfteln. Sie sind die Pet Shop Boys, aber die Pet Shop Boys sind auch eine Armee aus Designern, wechselnden Produzenten, Unter-Songwritern, Bühnen-Architekten und Choreografen: "Ehrlich gesagt, entstehen Dinge oft, ohne dass wir selbst wirklich etwas dazu beitragen." Die Cover-Idee zu "Yes" hatte Neil aber selbst, und zwar bei einem Umstiegs-Aufenthalt in Köln: Das Häkchen aus bunten Quadraten ist inspiriert von Gerhard Richters Domfenster. Derweil hängt das Cover zu "Very" seit Langem im New Yorker MoMA. Die Pet Shop Boys sind typisch für jenes Zeitalter, in dem ständig alles von hierhin nach dorthin diffundiert.





Für die Musik selbst heißt das nicht nur, dass die Idee des alleinverantwortlichen Künstlers nicht mehr greift, sondern auch, dass Songs immer zerlegbarer Rohstoff für neue Songs sind. Jeder darf jeden remixen und covern - das haben die Pet Shop Boys früh verstanden und zelebriert. Manchmal kokettieren sie dabei ein wenig zu sehr mit ihrer Vorliebe für dieses oder jenes Billo-Popstarlet. Auf sie selbst passt das Konzept des reinen Performers schon lange nicht mehr: Tennant und Lowe arbeiten als Produzenten, komponierten neue Filmmusik für den "Panzerkreuzer Potemkin", gerade arbeiten sie an einem Ballett.
[usercomment=http://www.intro.de/forum/plink/20/1237458048/1237457632]Bestes Pet Shop Boys Album seit 'Please'. Bestes Popalbum seit Äonen. 'Beautiful People' und 'Did You See Me Coming' sind alles verzehrende, kunstvolle schwarze Löcher aus purem Pop. Jetzt schon die Songs des Jahres. Erst mal verkraften ...[/usercomment]
Das Produzenten-Duo Xenomania wählten sie auch deshalb für ihr neues Album, weil ihnen der Hit so gut gefiel, den Xenomania für die britischen Chartsbreaker Girls Aloud produziert hatten: "'Biology' ist herrlich, es hat so eine Cappuccino-Kaufen-Storyline. Genau diesen Effekt wollten die auch produzieren, ein großes 'Sex And The City'-Musical. Gleichzeitig arbeiten sie experimentell, spielen mit Popstrukturen." Tatsächlich klingen die Ergebnisse des Doppels Xenomania / Pet Shop Boys an manchen Stellen wie eine gigantische, leicht kaputte Super-Girlgroup - im Sinne von grandios. Dass Neil Tennants verhallter Nasal-Stimme automatisch die frühen Neunziger eingeschrieben sind, tut der Tatsache keinen Abbruch: "Yes" ist ein absolutes Jetzt-Album. "'Love Etc.' zum Beispiel ist rhythmisch sehr anders als unsere alten Sachen; der Song hat nicht wirklich einen Anfang, eine Mitte und ein Ende", sagt Tennant, "er IST einfach."



Bei den Brit Awards bekamen die Pet Shop Boys kürzlich eine Auszeichnung für ihren "herausragenden Beitrag zur Musik". Die ganze große Pop-Erzählung wurde in einem Live-Medley noch einmal komprimiert inszeniert. Verstörend war nur die Auswahl der "Gaststars": Brandon Flowers (The Killers), dessen Pupillen auch im verpixeltesten YouTube-Video extrem gut sichtbar sind, und Lady Gaga, eine Chartsmaschine von monströser Sauciness, blieben am Ende allein im Spotlight zurück. Sie sangen Zeilen aus "Westend Girls", ein Duett des Grauens. Derweil zogen sich die Pet Shop Boys ins Dunkel des hinteren Bühnendrittels zurück. Und nun? Sollen diese Eintänzer aus der Fischbratbude etwa eure Erben sein? Aber nein - im nächsten Augenblick leuchteten die Videoprojektionen von Tennants und Lowes Gesichtern wieder auf, und davor standen die beiden Originale, ein paar Stufen höher nun, unnahbare Silhouetten. Bei Flowers und Gaga ging das Licht aus. Kunst, Spaß, Geld? Wahrscheinlich wieder nur Pop. Der dritten Art.

Am 20.03.09 erscheint das neue Pet Shop Boys-Album "Yes". Anlässlich dieses Releases verlosen wir:

3x EP "I'm With Stupid - Remixes"
3x 7-Inch Picture Vinyl "I'm With Stupid" (Limited Edition)
1x White Vinyl "Miracles" (Limited Edition)
1x Vinyl "Fundamental"
1x Buch "Pet Shop Boys Catalogue"

Wer an dieser Verlosung teilzunehmen möchte, schreibt eine E-Mail an verlosung@intro.de. Name und Anschrift sowie Gewinnwunsch nicht vergessen und ab die Post! Einsendeschluss ist der 02.04.09.