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Freunde der Fluchttiere

Perfume Genius live in Berlin

Bei seiner Show in Berlin weckt Mike Hadreas alias Perfume Genius Erinnerungen an David Bowie – und irgendwie auch an ein aufgeschrecktes Wildtier. 
Geschrieben am
14.06.2017, Berlin, Kantine am Berghain

Manche Menschen müssen vermutlich Künstler werden, weil sie für jeden anderen Job wohl einfach ungeeignet wären. Mike Hadreas alias Perfume Genius ist einer von ihnen. Ähnlich wie man sich auch nicht hätte vorstellen können, Morrissey oder David Bowie bei einer alltäglichen Arbeit zu sehen, versagt auch bei Hadreas die Vorstellungskraft, sobald man ihn auf der Bühne stehen sieht.

 Genau wie Bowie himself liebt auch Hadreas die musikalische Mauser, die breite Bühne und die dazu passende Theatralik. Außerdem haben sie denselben Schneider. Der Sänger kommt im lose geknöpften Baumwollhemd auf die Bühne, darunter und darüber trägt er ein extravagantes Beinkleid mit eingebautem Korsett, das ihn aussehen lässt wie ein Mittelding aus Schachfigur und Konkubine. Die Bühne ist in gebärmutterfarbenem Rot gehalten, zwischen Keyboard und Schlagzeug steht eine dickblättrige Topfpflanze, und vorne vor drängt sich das bisher manierlichste Publikum des Jahres. Sein Blick hängt an Hadreas’ Lippen, dessen eigener Blick wiederum waidwund in die Ferne geht wie bei einem angeleuchteten Wildtier. Der Opener »Otherside« ist allerdings nicht von schlechten Eltern. Genau wie ein Großteil des Sets stammt er vom neuen Album »No Shape« und ist einer von diesen Songs, in denen man auch eine Konfettikanone zum Einsatz bringen könnte, um effektiv den Glamour zu betonen, zu dem sich Perfume Genius momentan bekennt.

 Das ist nach dem versponnen Songwriting des Debüts und dem dramatischen Overkill vom immer noch geilen »Put Your Back N 2 It« inzwischen mindestens die dritte Inkarnation des dünnen Performers, der sich im Verlaufe des Konzerts obenrum immer weiter entblättert. Weil sein Freund hinter den Keyboards sitzt, hat man dabei manchmal den unwillkürlichen Eindruck, Zeuge eines Balzrituals zu werden. So etwas kriegt man auch nicht jeden Tag geboten. Das Duo »Dark Parts«/»All Waters« bildet so etwas wie den ruhigen Mittelpunkt der Show, die durchaus auch komplett in diesem Modus denkbar wäre. Hadreas entscheidet sich allerdings für eine weitere Verwandlung und bekriegt die folgenden Stücke wie ein leicht diabolischer Derwisch, der noch eine Rechnung mit seinen Schweißdrüsen offen hat. 
Die Kantine am Berghain wirkt mit einem Mal heruntergedimmt, das Fluchttier ist zum Dämon geworden, und »Slip Away«, auf dem Album noch ein schüchternes Gebet, wird live zur Voodoomesse. Danach ist Schluss, denn Perfume-Genius-Songs sind von kompakter Länge, jedenfalls wenn man sie in Minuten misst und nicht in emotionaler Reichweite. Für die Zugabe sind dann noch einmal die drei Publikumsfavoriten »Mr. Peterson«, »Hood« und »Queen« vorgemerkt, um den Anwesenden zu zeigen, dass sie nun wunschlos glücklich nach Hause gehen dürfen.

Direkt vor dem Club fällt einem aber schon der nächste Wunsch ein. Um kurz vor zehn ist es noch hell im Berliner Juni, und so lauschig warm, dass man sich fragt, was die Menschen eigentlich anhatten, bevor es T-Shirts gab. Der Wind weht sanft durch die Pappeln und die Betonritzen. Was spricht eigentlich gegen eine kleine Freiluftbühne, um Konzerte wie das gerade erlebte hier und jetzt noch einmal beginnen zu lassen?

Perfume Genius

No Shape

Release: 05.05.2017

℗ 2017 Matador