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1deutig keindeutig

Pendikel

'Ich selbst', gesteht Carsten ein, 'weiß bei einigen Texten nicht, worauf sie hinauswollen.' PENDIKEL - eine Band, an der beinahe alles erklärungswürdig ist, weshalb sie erst einmal, ganz egal, ob man ihre Musik nun mögen wird oder nicht, unser höchstes Interesse verdient. Etwas in dieser Art hat es
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Autor: intro.de

'Ich selbst', gesteht Carsten ein, 'weiß bei einigen Texten nicht, worauf sie hinauswollen.' PENDIKEL - eine Band, an der beinahe alles erklärungswürdig ist, weshalb sie erst einmal, ganz egal, ob man ihre Musik nun mögen wird oder nicht, unser höchstes Interesse verdient. Etwas in dieser Art hat es nämlich wirklich noch nicht gegeben. Glühender Emocore - Bezugspunkte können sowohl FUGAZI wie NEUROSIS sein - mit deutschen Texten. Texte zugleich, die nach Seelenwäsche klingen, nach den Wirrnissen niedergeschriebener Träume, dann wiederum Einflüsse von Progressivrock ...; in einer Rezension war bereits von KING CRIMSON zu lesen. 'Wir wollen vor allem Eindeutigkeit vermeiden. Eindeutigkeit ist der Beginn von Langeweile', sagt Carsten.
Zwischen allen Stühlen knüpfen PENDIKEL an eine Musik an, die als Relikt aus den Achtzigern erscheint: Elemente von Crust-, Emo- und Irgendwie-Core sind längst einem Nischenpublikum vorbehalten, das sich noch immer vehement schreiend und in die Instrumente dreschend gegen die Elektronik des ausgehenden Jahrzehnts zu behaupten versucht. Ihre Art jedoch, dies mit höchst abstrakten deutschen Texten zu koppeln, macht PENDIKEL-Musik wiederum so eigenartig ungehört neu, daß antiquierte Elemente in völlig neuem Licht erscheinen. Mir kommt das ein bißchen so vor, als würde hier 'L'Age d'Or' auf 'Dischord' treffen. Carsten jedoch widerspricht: Deutsche Texte würden längst nur noch an Hamburg gemessen, die jedoch schreiben Texte kalkuliert, während bei PENDIKEL alles assoziativer Fluß bleibt, dem am Ende auch die Musiker selbst fremd und verwundert gegenüberstehen. 'Bei uns sind die Texte ja nicht diskursfähig, nicht einmal diskussionsfähig.' Der, der das behauptet, kann darauf hoffen, mit dieser sehr seltsamen Band namens PENDIKEL etwas einzulösen, was man die Geburt des Surrealismus in der neueren Rockmusik nennen könnte: freies, assoziatives Spiel mit Traum, Trieb, Wunsch und Gebärde. Bei PENDIKEL, scheint es, gibt es keine Selbstzensur - alles fließt raus, ohne reflektiert zu werden. Sicher eine gute Live-Band, die völlige Entgrenzung nicht scheut. In einer Kritik des 'Trust'-Fanzines wurde dies bereits als pubertär bezeichnet. Pubertät und Peinlichkeit liegen dicht beieinander. Doch nur wer den Mut zur Peinlichkeit hat, ist auch zu intensiven Gefühlen fähig. Als eine Gratwanderung zwischen beidem, zwischen Faszination und Unbehagen, gehen PENDIKEL sehr weit ... zu weit, wie sie selber wissen. Denn das Ohr unserer Zeit ist allzusehr nur noch auf Coolness und Distanz eingestellt. 'Viele Hörer', befürchtet Carsten, 'sind nur noch passive Hörer. Sie hören Musik zu Hause oder bilden ihren Geschmack am Ende sogar ausschließlich über die Videokanäle. Unsere Musik dagegen sucht ein intensives Erleben, das nur live erfahrbar ist.'
Obwohl es als uncool gilt, alte Zeiten zu bejammern, will ich dies kurz tun: PENDIKEL klagen etwas ein, was in den Achtzigern einmal selbstverständlich gewesen ist. Das explosive Erlebnis in kleinen Clubs, wenn Bands und Publikum in einen gemeinsamen Rausch fallen. In einen Rausch, bei dem es ab einem gewissen Zeitpunkt egal wird, wie persönlich, peinlich oder pubertär die Seelenwäsche ist, der sich alle unterziehen. Schließlich ging es bei all dem auch um konkrete Utopien. Und von solchen Utopien wissen PENDIKEL mehr als nur ein Lied zu singen. Jenseits von Coolness und Berechenbarkeit geht es ihrer Musik um direkte Kommunikation. 'Das ist eine verdammt körperliche Sache. Manche sagen, unsere Musik sei zu verkopft, doch ich schwitze wirklich auf den Konzerten, nicht nur zum Schein. Wenn das, was wir machen, die Leute nicht dazu bringt, ganz in die Musik einzutauchen, dann haben wir etwas falsch gemacht.'