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Pelican City im Tribeca Grand

James Mercer & Brian Burton

Thomas Venker traf einen für seine Verhältnisse äußerst gut gelaunten Brian Burton, was daran liegen dürfte, dass er mit dem Shins-Sänger James Mercer eine gemeinsame Band gegründet hat.
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Normalerweise geht das Spiel so: Danger Mouse sucht sich eine genehme Band, produziert ihr Album und protegiert sie mit einem mürrischen Interview, in dem es nicht um ihn gehen soll. Thomas Venker traf einen anderen, für seine Verhältnisse äußerst gut gelaunten Brian Burton, was daran liegen dürfte, dass er mit dem Shins-Sänger James Mercer eine gemeinsame Band gegründet hat. Das hier ist ihre Geschichte.

So kann das also auch gehen. Statt wie zuletzt verzweifelt durch New York zu rennen, um Strokes-Sänger Julian Casablancas zu fassen zu bekommen (siehe Interview in Intro #178), rennt die eine Hälfte meiner heutigen Gesprächspartner gleich beim Betreten der Lobby des Tribeca Grand Hotels in mich hinein: Brian Burton, der Popwelt besser bekannt als Danger Mouse und für nicht wenige der Rick Rubin unserer Tage, telefoniert. Und wie es sich für einen geschäftigen Mann von Welt gehört, legt er dabei einen halben Marathon zurück. An den Geschichten über ihn ist wohl was dran: Burton muss immer in Bewegung sein. Die andere über ihn kommunizierte Kunde betrifft seinen extrem guten Kleidungsstil (und in der Tat trägt er einen sehr schönen, sehr klassischen englischen Anzug mit handgemachten Schuhen, zumindest sehen sie so wertig aus) sowie seine die Gesprächspartner fertigmachende Schüchternheit beim Interview. Aber auch der andere Teil der etwas umständlich, aber zweifelsfrei Schlüsselreiz-befriedigend James Mercer & Brian Burton/Pelican City benannten Band, James Mercer, Frontmann der auf Sub Pop veröffentlichenden Band The Shins, muss nicht lange gesucht werden, sondern sitzt mit der Managerin auf einer Couch in der Lobby.

Das erste Gesprächsthema kommt wie von selbst: "Was, du kommst aus Stuttgart? Toll. Ich habe lange ganz in der Nähe gelebt, mein Vater war bei der US-Army, und ich bin in Rammstein aufgewachsen." Vom restlichen Deutschland habe er aber nicht viel gesehen, erzählt Mercer, da seine Eltern es kategorisch abgelehnt hätten, dass er die Army Base verlasse. Er habe das damals schon doof gefunden, heute ärgert es ihn noch mehr, da er sonst wohl Deutsch sprechen könne. Die Frage, was er damit denn machen würde, ob er gerne mit deutschen Versatzstücken in seinen Texten arbeiten würde, bleibt unbeantwortet, da Burton sein Telefonat beendet und sich zu uns gesellt. Und ja, auch wenn er sehr imposant in Erscheinung tritt, so ist Burton wirklich deutlich schüchterner als sein Bandpartner. Aber nicht unfreundlich. Er wolle was essen gehen. Ob es uns was ausmachen würde, in die Blaue Gans zu gehen, ein in unmittelbarer Nähe gelegenes österreichisches Restaurant. Da sind wir gerne dabei.

Die Inneneinrichtung der Blauen Gans ist sehr dezent. Im positiven Sinne. An den Wänden hängen Ausstellungsplakate österreichischer und deutscher Galerien und Museen. Ansonsten ist in dem hohen Raum alles auf die Bar und die Tische zugeschnitten. Unprätentiös wie die bodenständige Küche (heute gibt es Rote-Bete-Salat und Jägerschnitzel mit handgemachten Spätzle als Tagesgericht) - und damit eine ganz andere Stimmung prägend als das Promobild, das dem Info zu "Broken Bells", dem Album der beiden Pelican Cityler, anhängt: Da sitzen sie geradezu sophisticated an ihrem Musik-Setup vor einem Kamin. Die perfekte Idylle als Ursprungsort ihrer Musik? Die wenig überraschende Antwort: eine Illusion. Nicht dass es Burton unangenehm wäre, zu sehr ist er Freund von Inszenierungen im Auftrag der Pop-Sache, er wirft aber trotzdem ein, dass sie in echt in einem alten, ziemlich cosy wirkenden Officegebäude in Los Angeles arbeiten würden, in dem ein Zahnarzt und ein Immobilienmakler ihre unmittelbaren Nachbarn seien. Was, so Mercer, natürlich dafür sorge, dass sich nachts niemand über sie beschweren würde.

Alle Songs des Albums wurden gemeinsam in ebendiesem Studio geschrieben, und selbst die Texte, ursprünglich eigentlich Mercers alleiniges Territorium, entstanden laut dem Sänger im Austauschprozess - was Burton, nicht unsympathisch lachend, kommentiert: "Lass es mich so sagen: Ich habe viel angeboten, aber da er es singen muss, hat er das letzte Wort. Oft sind das ja auch nur spätnächtliche betrunkene Diskussionen über dies und das - und ich nenn es dann 'ich habe angeboten'."
Mercer erzählt, dass er mit den Shins an einem Punkt angekommen gewesen sei, der sich zu sehr nach Wiederholung anfühlte. "Ich musste raustreten. Und ich denke, es war richtig. Nicht nur, da das Album toll geworden ist, ich habe auch viel gelernt, was ich in Zukunft in mein Songwriting einbringen werde." Man merkt "Broken Bells" auf jeden Fall den entspannten Produktionsprozess an. Die beiden Protagonisten ließen es ohne Veröffentlichungsdruck fließen, auch wenn sie gleich nach dem ersten Tag, an dem sie schon nach einer Stunde einen Song stehen hatten, wussten, dass das mehr als nur ein Projekt werden würde. Das Album erinnert dabei an Arbeiten der Protagonisten, beispielsweise an Burtons Produktion des letzten Beck-Albums "Modern Guilt", aber noch stärker an das erste Shins-Album "Oh, Inverted World", als Schnittmenge thront über allem die Liebe der beiden zum klassischen Sixtiessound.

Ein Einfluss, den sich Burton, aufgewachsen mit Motown und 70s-Radio, erst spät erarbeitet hat: Er erzählt die lustige Geschichte, wie seine Eltern, Bezieher eines Pop-CD-Abos, aus Versehen statt der 76er- die 66er-Edition geschickt bekamen und er auf diesen neuen Sound abfuhr. Mercers Weg in die Sixties führte von Pink Floyd ("Dark Side Of The Moon") über Bands wie The Jesus And Mary Chain. Für ihn liegt der besondere Reiz dieser Epoche darin, dass die Regeln damals noch nicht gesetzt waren. Man müsse sich nur mal die heterogene Offenheit der Beatles-Alben vergegenwärtigen. Burton nickt, wirft aber ein, dass deren Singles sich dann aber doch immer am Markt ausgerichtet hätten, also nicht alles unangepasst gewesen sei.

Bleiben noch drei Fragen: Wie gehen die Shins mit der aktuellen Situation um? Mercer: "Ich erzählte meiner Band gleich, als wir anfingen, dass ich etwas Neues ausprobieren wolle und dass das dauern könne. Das hatten sie verdient nach all den Jahren der Zusammenarbeit. Es ist nicht leicht für sie, da erst mal alle Shins-Pläne, seien es Touren oder ein neues Album, auf Eis liegen. Aber sie freuten sich trotzdem für mich, da sie Fans von Brians Arbeit sind." Wie werden die beiden "Broken Bells" live umsetzen? Burton: "Du meinst wohl mich damit: Was ich machen werde? Denn dass er singt, ist klar. Hmm, ich weiß nicht, vielleicht Schlagzeug." Und wer kriegt den letzten Bissen dieses wirklich exzellenten Apfelstrudels?