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By the way

Peeping Tom

Auf dem Weg zum Interview mit Mike Patton kaufe ich mir, leicht panisch, eine Dose Red Bull. Das blutige Taurin-Teufelsgebräu soll mir legale Hochleistungs-Energy hoch zehn spendieren. Einen Kraft-Level, auf dem ich Mike Patton vermute, at least 24 Stunden täglich. Schließlich scheint der ehemalige
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Auf dem Weg zum Interview mit Mike Patton kaufe ich mir, leicht panisch, eine Dose Red Bull. Das blutige Taurin-Teufelsgebräu soll mir legale Hochleistungs-Energy hoch zehn spendieren. Einen Kraft-Level, auf dem ich Mike Patton vermute, at least 24 Stunden täglich. Schließlich scheint der ehemalige Faith-No-More-Sänger, der dem Mainstream gerne den Arsch zeigt und lieber vokalakrobatische Animal-Laute ins Mikro saut, als je wieder in einer Band mit traditionellem Rockverständnis zu spielen, in immer mindestens fünf hingebungsvoll-experimentellen Bands gleichzeitig seinen so emotionalen wie nerdigen Spuk zu verbreiten, also z. B. mit Mr. Bungle, Tomahawk, Fantômas – und neuerdings auch als Peeping Tom.



Der Mann gibt sich aber natürlich mit einer Hand voll Bands, die er selbst dirigiert und malträtiert, längst nicht zufrieden. Sein avantgardistisches Künstlerherz schlägt auch für all die anderen Maniacs, die abseits der Stadion-Welt “eine eigene Welt kreieren” wollen. Deshalb hat er – nach dem Vorbild von Jello Biafras verdienstvollem Label Alternative Tentacles – sein eigenes Label Ipecac gegründet. Und da kommt dieser Tage auch sein neuestes Baby raus – Ladies & Gentlemen, please welcome: Peeping Tom!

Fuck you uh

Mit Peeping Tom bearbeitet Patton das für ihn neue Feld der HipHop-Beats und Dub-Electronics. Und genau diese seiner Arbeitsweise bislang fremden Genres machen ihn nun kommerziell verwertbar wie seit Faith-No-More-Tagen nicht mehr. Jedenfalls beinahe. Jeder Song auf dem hitzigen Debüt ist eine Kollaboration mit seinen Lieblingsmusikern, also z. B. Massive Attack, Norah Jones, Bebel Gilberto, aber auch Dan The Automator und Amon Tobin. Angenehm organisch integriert Mike Patton sein Rockwriting in die Beats. Sodass eine zugleich zeitlose und total zeitgemäße neue Idee von Crossover entsteht. Waren Funk und Raps bei Faith No More ja eindeutig im Rock geerdet, sind hier die aufbrausenden Gitarrenriffs und eingängigen Melodien immer den Beats untergeordnet. Während Patton diese Rock-Elemente beinahe wie Phrasen, wie Rock-Klischees aufzieht und auf die Welt der smoothen Sounds loslässt, scheut er sich gleichzeitig nicht, doch noch, ganz beiläufig, allerlei Weirdes in die Soundlandschaften einzuschmuggeln. Bratzige Samples, Umweltkulisse-Gimmicks oder einfach nur ständige und abrupte Tempiwechsel mitten in den, man möchte fast sagen, Tracks schlagen dann, am Ende des Tages, doch noch ziemlich borstige Haken in die Musik. Dazu die gewohnte gesangliche Breitbandseite Pattons, vom dämonischen Flüstern bis hin zum Killerschrei, hier aber mit der Betonung auf Gesang statt Geräusch. Schon der erste Track “Five Seconds” hat es in sich: Eingangs noch träge-relaxt in der Strophe legt Patton im Refrain dann ohne Vorwarnung und mit Blick auf die böse Uhr gefährlich los: “One second, two seconds, three seconds ...”, rap-rattert der zerstreute Destroyer und zählt bis auf Fünf. Und ich muss unweigerlich an die große Chili-Peppers-Hymne “By The Way” denken, die ähnlich aufgebaut ist. Und dann wieder genau nicht. Schnell wird eben klar, dass Patton auch mit Peeping Tom weder universelle Rock-Epen noch gebündelte runde Songs spielen will. Toll auch das funkenfliegende Duett mit Norah Jones, das bezeichnenderweise “Sucker” heißt und mehr mit R’n’B als mit Rock zu tun hat. Die beiden schmeißen sich mit allerlei “Motherfucker”s und “Fuck you uh”s zu, dass mir beim Hören heiß und kalt wird.

Ich vergaß nämlich zu erwähnen, dass ich die Redaktionsanfrage “Ist der alte Wahnsinnige nicht auch ein Thema für dich?” nur deshalb mit “Ja” beantwortete, weil ich Patton schon immer für einen der attraktivsten Musiker unter Rocks sadistischer Sonne hielt. Himmel! Natürlich ist der ein Thema für mich. Und ich dachte an all die Stunden, die ich zu seligen Viva2-Zeiten vor dem TV verbrachte, wo immer gerade irgendein irres Mr.-Bungle- oder Fantômas-Konzert wiederholt zu werden schien. Besessen bewunderte ich Mikes emphatisch-spirituelle Energie: Wie sein Körper auf der Bühne ständig in Bewegung war und doch versank in der Magie des Augenblicks; wie er auch dann noch passionierte Action ausstrahlte, wenn er nur völlig konzentriert auf seine komischen Gurgel-Laute auf dem Boden verharrte – das Mikro in der Hand wie ein Rettungsanker. Denn es ist natürlich sein Glühen, sein Charme, der dem muckerig Nerdhaften dieser (Ideen-) Musik doch noch die nötige Portion nachvollziehbare Emotionalität verleiht und das Konzert so zu einem kathartischen Ereignis macht. Mike Patton, den Mann, der mit der größten Selbstverständlichkeit musikmathematischer Nerd und geile Rocksau zugleich ist also, galt es zu treffen. So don’t even trip!

Baby I love your way

Ob ich nervös sei, fragt dann auch glatt gleich mal der Promoter. Da eilt der Sexgott himself zum Glück auch schon schnellen Schrittes auf uns zu. Wir befinden uns mittlerweile im Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei, und draußen war eben noch ein erster sonniger Frühlingssamstagnachmittag. Mike Patton trägt ein enges Shirt, wie zu erwarten, und hoppla – wieso sieht der noch genauso frisch aus wie vor 15 Jahren? Ein fesselnder Blick aus manischen Augen, ein fester Händedruck. Und da, kaum zu glauben, erblicke ich auch schon die Red-Bull-Dose in seiner Hand. Wenig später beantwortet ein supernetter Mike Patton, genauso abgedreht-energetisch wie erwartet, meine verzweifelt-überinformierten Fragen, während ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Wahrscheinlich vergebens. Aber hey, was soll’s, wir sind ja hier schließlich beim Rock’n’Roll.

Konzerte haben für ihn nichts wirklich Kathartisches, erfahre ich, denn er muss sich immer mächtig konzentrieren. Es war eine große Herausforderung für ihn, mit “Electronics und Programming” zu arbeiten. Aber er liebt ja die Herausforderung. All seine Projekte sind wie “Babys” für ihn, die eine Familie bilden. Er kann nicht sagen, dass er in jedem Projekt eine andere Seite seiner Persönlichkeit auslebt, denn seine Persönlichkeit ist nicht halb so interessant wie das verrückte Zeugs, das er in seinem Kopf hört. Es macht also eigentlich gar keinen Spaß, mit ihm abzuhängen. (Danke!) Er mag Typen wie Al Green, die jeden “Sniff” (Hoppla) und jeden Huster in den Songs hörbar machen. Das ist für ihn R’n’B. Er bereut die Zeit bei Faith No More nicht, denn nur ein Idiot oder ein armer Arbeiter würde zehn Jahre etwas tun, was er nicht möchte. Außerdem findet er es langweilig, wenn Sänger mit ihrer Stimme nichts anderes machen, als “Baby I love your way” zu singen. Wobei, manchmal ist “Baby I love your way” auch genau richtig. Das hängt aber von der Situation ab. Jetzt, im Moment zum Beispiel, wäre “Baby, I love your way” genau das Richtige. Sniff. Hust. Das muss an der Wirkung meines Teufelsgetränks liegen. Oder einfach daran, dass Rockstars ausgefuchste Gefühlsspieler sind, die nicht wissen, was sie sagen. Ich beschließe, am Abend nicht auf das Konzert zu gehen. Man will ja auch mal glücklich werden, irgendwann.