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Pech und Schwefel: So wars in Essen

Isobel Campbell & Mark Lanegan live

Isobel Campbell ist krank, Mark Lanegan wortkarg wie eh und je. Trotzdem glänzen beide auf der Bühne der Essener Zeche Carl.
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Isobel Campbell ist krank, Mark Lanegan wortkarg wie eh und je. Trotzdem glänzen beide auf der Bühne der Essener Zeche Carl.
 
23.11.2010, Essen, Zeche Carl.

Vor einigen Jahren gab die ehemalige Belle & Sebastian-Sängerin Isobel Campbell in einem Intro-Interview überraschend freimütig zu, dass die Zusammenarbeit mit Mark Lanegan schwieriger sei, als einen Sack Flöhe zu hüten. Angesichts dessen ist es erstaunlich, dass das transatlantische Bündnis auch nach fünf Jahren noch quicklebendig ist und im 2-Jahres-Rhythmus Platten veröffentlicht, mit der schönen "Hawk" nun schon die dritte.

Mit Lanegan auf Tour zu sein, dürfte aber auf einem ganz anderen Blatt Papier stehen. Schließlich gilt der Mann als störrisch und antriebslos, und das fällt im Tour-Alltag erschwerend ins Gewicht. Es ist also auch aus diesem Grund interessant zu sehen, wie zermürbt Campbell und der Rest des Trosses bei ihrem Autritt in der Essener Zeche Carl schon sind.
 
Tatsächlich macht Lanegan an diesem Abend während des neunzigminütigen Konzertes wenig mehr, als sich an seinem Mikrofonständer festzuhalten und zu singen. Das kann er aber bekanntermaßen besonders gut, und allein das verschaffte ihm eine Aura, die viele von ihm als dem besten Rock-Sänger der 1990er sprechen lässt. Trotzdem – es ist schon außergewöhnlich, dass es dem früheren Screaming Trees-Frontman unmöglich ist, selbst einen Schellenkranz zu bedienen. Isobel Campbell, ganz klar die Organisatorin dieser Kollaboration, hat sich damit scheinbar schon längst abgefunden. Und sie hat sich darauf eingerichtet, mit einer vierköpfigen Backing-Band, die selbst die Songs des vielseitigen letzten Albums "Hawk" perfekt in Szene zu setzen weiß. Das ist auch dringend notwendig, denn man merkt deutlich, dass sie nicht ganz gesund ist. Eine Grippe ist im Anflug, ihre Stimme klingt flach und ihre Augen sehen glasig aus.
 
Dementsprechend ist es etwas schade, dass die Duette der beiden, eigentlich eine besondere Qualität der Alben, heute weitgehend von Lanegans Organ dominiert werden. Und gerade dann, wenn es zu den herben, bluesigen Songs kommt, wirkt es ein wenig schwach, dass die Stücke so sehr auf den Glanz des laneganschen Gesangs setzen. Viel besser dagegen die Nummern, auf denen Campbell dominiert und nochmal alle Kraft für ihre Einsätze zusammennimmt: Das wunderbare Shoegazer-Stück "To Hell & Back Again" etwa, oder die Sinatra & Hazlewood-Gedächtnisnummer "Come Undone".
 
Dass die Zusammenarbeit der beiden generell aber eine besondere, mittlerweile auch gut eingespielte Klasse besitzt, die über landläufige Blues-Interpretationen weit hinaus geht, wird durch das Konzert unbestreitbar deutlich. Das liegt tatsächlich auch an ihren charakterstarken Stimmen, aber auch an den dezenten und findigen Arrangements, für die Campbell weitgehend verantwortlich zeichnet. Die Besucher in der angesichts hoher Eintrittspreise erstaunlich gut gefüllten Zeche Carl sind jedenfalls angenehm aufmerksam. Und angesichts der großen, Blues und Folk weit übersteigenden stilistischen Bandbreite, die sich über die 90 Minuten erstreckt, macht es ihnen auch gar nichts aus, dass weder sie noch er zu größeren Plaudereien von der Bühne hinab aufgelegt sind. Wie sagt man? In Fällen von solch souveräner Klasse darf die Musik auch einfach für sich sprechen.