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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

ein ereignis

Peaches

Peaches ist eine wahnsinnig sympathische Kanadierin, zierlich, zäh und smart. Sie hatte in Toronto eine Band namens The Shit und andere Projekte, bei denen sie „so crazy avantgarde“ sang und Super-8-Filme machte, die sie zu ihren Shows zeigte. Alle ihre Arbeiten tragen den harten Stempel
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Autor: intro.de

Peaches ist eine wahnsinnig sympathische Kanadierin, zierlich, zäh und smart. Sie hatte in Toronto eine Band namens The Shit und andere Projekte, bei denen sie „so crazy avantgarde“ sang und Super-8-Filme machte, die sie zu ihren Shows zeigte. Alle ihre Arbeiten tragen den harten Stempel „Punk Attitude“. Sie sucht nicht nach dem perfekten Sound, sie tüftelt nicht lange an ineinander verwobenen Songstrukturen herum. Die meisten Stücke haben eine Groove-Schleife, einen Riff, und auf denen klettert ihre Stimme herum. Die Songtitel heißen „Fuck The Pain Away“ oder „Suck And Let Go“ oder, was ein echter Hit ist, „Lovertits“ und handeln ausnahmslos von, mancher ahnt es bereits: Sex, Sex, Sex. Nun ist man ja so konditioniert, in Texten eine Auseinandersetzung mit etwas wittern zu wollen, und gerade bei Sex, da muss doch was dahinter stecken: Gender, Kapitalismuskritik, Hobbysoziologie, Frust.
„Fuck The Pain Away“? Welche Angst? Und lässt sich Angst denn wirklich wegficken? „In A Double A Think A Triple X“? Das klingt wirklich interessant, was ist das? „Double A ist die kleinste BH-Körbchengröße“, erklärt sie freundlich und überhaupt nicht genervt, „und triple X ist noch ein weibliches Chromosom mehr.“ Sie singt von Sex, weil sie Sex gut findet und weil doch der Höhepunkt weiblicher Lust zwischen 30 und 35 läge, sie also mittendrin stecke, und was für ein grausamer Witz, dass der männliche Höhepunkt mit 18 schon erreicht sei. Danach geht’s bergab. „Ich bin kein intellektueller Mensch“, sagt sie. „Ich singe darüber, was mir im Kopf rumgeht, und ich benutze catchy Slogans, um das Publikum zu kicken. That’s it.“
Dass mich beim Hören ihrer CD, die auch noch „The Teaches of Peaches“ heißt („weil das im ersten Song vorkommt“), durch gebetsmühlenartiges Wiederholen von Sprüchen das Gefühl beschleicht, Botschaften zu erhalten, liegt also an mir und meiner zwanghaften Textanalyse, ein bisschen vielleicht auch daran, dass Peaches mal Lehrerin für musikalische Früherziehung war und deshalb den suggestiven Effekt von ständiger Repetition nutzt. Wenn sie auf der Bühne den ganzen Katalog männlicher Rockattitüden herunterzitiert, mit zuckender Zunge obszöne Bewegungen macht, von einem Ende zum anderen rast, um plötzlich zwischen den Beinen des jeweiligen Mitmusikers hindurch mit ausgestrecktem Finger zu skandieren: „You wanna get fucked tonight? Everybody wants to get fucked tonight!“ dann macht sie das, um Spaß zu haben und um das Publikum in the ass zu kicken.
Peaches will Rockmusik mit elektronischem Equipment machen - und genau das ist es auch. Sie will überall auftreten können, ohne sich einen Bus für die Backline mieten zu müssen - und genau das macht sie auch. Sie hat das Album zu Hause ruckzuck aufgenommen - und so klingt es auch: roh, pur und brutal direkt. Peaches wirkt sofort, und ihre Shows sind, das kann ich mit Fug und Recht behaupten, ein Ereignis.