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I Feel Cream

Peaches

Mit dem Peaches-Debüt sprach das Berlin der Postwendejahre durch den Mund einer Kanadierin, die sich einfach alles herausnahm - und gleichzeitig das pop-subversive Außen wie Innen mit neuer Kraft ausstattete.
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Mit dem Peaches-Debüt sprach das Berlin der Postwendejahre durch den Mund einer Kanadierin, die sich einfach alles herausnahm - und gleichzeitig das pop-subversive Außen wie Innen mit neuer Kraft ausstattete. "I Feel Cream" führt sie nun zu dieser Power zurück.

Wer hätte das gedacht? Mal ehrlich. Geschichte wird im Künstlerischen ja zumeist linear geschrieben, nur die ganz Großen kommen nach Durchhängern noch mal hoch. Und dementsprechend gilt: Ist die Story erst mal festgefahren, gibt es kaum mehr einen Paradigmenwechsel, weder in der Kunst noch in deren Lesart - denn, machen wir uns nichts vor, wir Journalisten schießen uns eben gerne auf eine solche Tendenz (nach unten) ein und kultivieren dabei eine Ignoranz, was dazu führt, dass man nicht mehr recht hinzuhören vermag, sich auch so seiner Sache sicher zu sein scheint. Sollte man aber nie - die Gefahr, etwas zu verpassen, ist groß.


Lange Vorrede, harte Fakten: Mit "I Feel Cream" kommt Peaches nicht nur nach zwei eher unnötigen Alben (was bitte nicht heißen soll, dass ihre Performances während dieser Zeit nicht gleichbleibend zwingende Spektakel waren; und der "Fatherfucker"-Diskurs war natürlich willkommen) zurück, oh nein: So fulminant prescht sie ins Haus, dass man erst mal nur baff ist. Ich verehrte einst das Debüt "The Teaches Of Peaches" wegen der geil kickenden Beats und der noch geiler direkten Ansprache, die endlich mal den Assaults und Jay-Zs dieser Welt ein Korrektiv entgegenstellte, das nicht lustfeindlich daherkam. "I Feel Cream" setzt da an, da es ihr erstes Album ist, das sich nicht einen Dreck um den EINEN Sound schert. Das Leben ist zu schön, die Freiheit zu präsent, als dass man sie nicht ausleben sollte. Und so lässt sie mit "Serpentine" gleich mal einen knackig trockenen Überhit auf uns los, der gerade aus seiner Differenz zum nächsten Track, "Talk To Me", so viel Power schöpft. "Talk To Me" wagt sich nämlich an das ganz große Popformat heran, pendelt zwischen Referenzen an Gossips "Standing In The Way Of Control" und dem Thekenschlager aller All-inclusive-Partys, "It's Raining Man". Produktmanager kriegen bei solchen Songs feuchte Augen, er funktioniert aber auch für distinguierte Hörer - und das ist dann ja bekanntlich die Mutter als Crossoverhits.






Und die Überraschungen gehen weiter: Mit "Lose You" hat Peaches eine waschechte Ballade am Start, in der sie ihre Stimme sanft und catchy Robyn'esk über die Harmonien laufen lässt. Wow. Die Stille zwischen den Schreien sozusagen. Auch die folgenden Stücke halten das extrem hohe Niveau: "Move" bringt den von ihr zuletzt bekannten Electro-Rock mit Rap frisch und locker aus der Hüfte dar, "Billionaire" ist Fun-Rap wie einst auf Missy Elliots Debüt und unschlagbar toll, und das titelgebende Stück "I Feel Cream" mischt der Dirtiness ein bisschen Trash in Form von Holland-Techno bei.
Danach gilt es, Luft zu holen. "Trick Or Treat", "Show Stopper", "Mother Complex", "Mud" und "Relax" bieten dazu Gelegenheit zwischen Electroclash, dirty Rap und Minimalismus, gut, aber nicht ganz so mitreißend wie die Startstrecke. Für den Schluss hat sie sich allerdings noch mal was Besonderes vorgenommen: "Take You Out" kommt dermaßen lässig abgehangen aus den Boxen, dass man unbedingt dabei sein will bei dieser Tour durch die Nacht. Wie heißt es im Stück selbst: "Ein geiles Schwein". Well und pardon, aber da kann man nur zustimmen.