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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

ein ersatzmann mehr!

Paul Westerberg

"Die Wettkampfzeit, sich mit anderen zu vergleichen und um jeden Preis anders zu sein, ist vorbei. Was spielt es für eine Rolle, ob meine Musik im Jahr 1978 oder 2005 erscheint, solange sie gut ist?" fragt der Mann aus Minneapolis lakonisch. Denn auch mit seiner zehnten Veröffentlichung verzichtet e
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Autor: intro.de

"Die Wettkampfzeit, sich mit anderen zu vergleichen und um jeden Preis anders zu sein, ist vorbei. Was spielt es für eine Rolle, ob meine Musik im Jahr 1978 oder 2005 erscheint, solange sie gut ist?" fragt der Mann aus Minneapolis lakonisch. Denn auch mit seiner zehnten Veröffentlichung verzichtet er dezent auf sperrige Experimente. Auf "Eventually", dem neuen Album, wird man auf keine synthetischen Sounds stoßen. Das ist der Mann sich schuldig, der als Teil der REPLACEMENTS Anfang der Achtziger dem Punkrock die Impulse gab, die diesen fit für zwei weitere Jahrzehnte machten. WESTERBERG transponierte Melodien in die Garage - ein Handwerk, das übrigens zu gleicher Zeit und am selben Ort auch ein schwules Paar namens Grant Hard/Bob Mould unter dem dänischen Pseudonym HÜSKER DÜ mit besonderer Finesse versah -, und die Stadt im Bundesstaat Minnesota avancierte zum frühen Mekka des Rock'n’Roll-Undergrounds. Mit Veröffentlichung ihrer ersten Platte, "Sorry Ma, Forgot To Take Out The Trash" (1981), schossen die REPLACEMENTS an die Spitze dieser revolutionären Bewegung. Der Titel prägte das Vokabular. "Trash" wurde zum geflügelten Wort für das, was fernab der Hitparaden den Rock'n’Roll-Zeitgeist prägte. Die REPLACEMENTS und HÜSKER DÜ mit ihrer "Land Speed Record" entwickelten die Basis für etwas, das im weiteren Verlauf der Achtziger fälschlicherweise mit "Independent" bestempelt wurde und das die Industrie heute marktgerecht als "Alternative Rock" verschleudert.
Rückblickend hat PAUL WESTERBERG für diese Zeit jedoch keine nostalgischen Augen: "Wir waren immer besoffen. Die Konzerte hatten einen schlechten Sound. Außerdem soll man nicht denken, daß so etwas wie eine revolutionäre Atmosphäre spürbar gewesen wäre." Nach acht Platten, von denen sich die letzten vier jeweils in den Billboard-Charts plazierten, lösten sich die REPLACEMENTS 1991 auf. "Der Akku war leer. Fast jeder verließ die Band als Drogenwrack." WESTERBERG machte eine Entziehungskur. Bei seiner Rückkehr war er hungrig, neue Songs zu schreiben. "Ich lernte, mich als Musiker zu verstehen. Mir wurde klar, daß es nicht darum geht, die Welt zu verbessern, sondern eine Aufgabe zu haben. Also tat ich das, was ich am besten kann: Ich komponierte Rock'n’Roll!" Doch seinen Status als Gitarren-Metropole hatte Minneapolis 1992 längst eingebüßt; Seattle hieß das neue Zentrum. Ironie des Schicksals, daß ein Filmporträt zur "Grunge"-Bewegung den Startschuß zu WESTERBERGs Solo-Karriere gab. Für die Soundtrack-Compilation "Singles" (u. a. mit Matt Dillon, Bridget Fonda) repräsentierte er gewissermaßen die Elterngeneration inmitten eines Billings junger Bands wie PEARL JAM oder SMASHING PUMPKINS. "Ich kam mir vor wie SAMMY DAVIS JR. auf einem VANILLA FUDGE-Tributesampler." Doch mit Genugtuung stellte er gleichzeitig den Einfluß seiner REPLACEMENTS auf die Seattle-Posse fest. "Schön zu sehen, wie sich z. B. PEARL JAM auf uns beriefen und ich mich mit Songs wie ‘Waiting For Somebody’ musikalisch auf einer anderen Ebene bewegte."
Mit "Singles" kehrte das Interesse an seiner Person zurück. 1993 legte WESTERBERG das sehr private Songwriteralbum "14 Songs" vor. Gesund und optimistisch zog er die richtigen Schlüsse aus seiner Garagenvergangenheit und bewies auch ohne Gitarrengeschrammel seinen Status als große Hausnummer unter den toughen Rock-Komponisten. Die neugewonnene Freiheit, unabhängig vom Gefüge einer Band, schlug sich nieder. "Ich orientierte mich instinktiv an Musik, die mich von kleinauf begleitet hatte. LENNON spielte seine Rolle, JONI MITCHELL oder DYLAN. Künstler, die man zwar immer mochte, in den Achtzigern aber besser nicht darüber sprach. Meine Intention war Rock'n’Roll, es wurde Folkrock draus."
Mit Produzent Brendan O'Brien setzte er den eingeschlagenen Weg fort. Auf die Frage, ob denn bald ein neues Album erscheine, antwortete er in den nächsten drei Jahren: "Eventually." So ergab sich der Titel des Albums, auf dem der gereifte Rocker einmal mehr seinen Ruf als Meister wunderbarer 3-Minuten-Offenbarungen konstatiert. Reizvoll zitiert er Glam-Rock in satten Harmonien. WESTERBERG ist der Typ, der den roten Faden in ausufernde Stilvarietäten des Rock bringt. "Eventually" ist seine Antwort auf die Frage, welche Chance Rock'n’Roll in diesen undurchsichtigen Tagen noch hat: Zeitlos muß er sein. In seinem musikalischen Ansatz hat WESTERBERG sogar etwas von der stoischen Bodenständigkeit eines preußischen Landrates. Er arbeitet mit großer Sorgfalt. Jedoch viel zu emotional, um als visionsloser Popbürokrat trendgerechte Ware abzuliefern.