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Maximo Park-Sänger solo: Reinhören mit Simfy

Paul Smith

Was macht eigentlich Paul Smith, während sich seine Band Maximo Park in kreativem Nichtstun übt? Mit Simfy könnt ihr jetzt in das Soloalbum reinhören!
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Was macht eigentlich Paul Smith, während sich seine Band Maximo Park in kreativem Nichtstun übt? Mit Simfy könnt ihr jetzt in das Soloalbum reinhören!

Herr Smith betritt den Raum. In lässigen, gleichwohl nicht würdelosen Casual- Klamotten schlendert da einer mit seinen Stadt-Schlappen gut gelaunt offenherzig auf mich zu, den die Welt bisher als Schlips tragenden Sänger-Berserker von Maximo Park, als Verehrer extravaganter englischer Anzüge und Rampensau kannte und schätzte.

Als Handlungsreisender seiner Band ist ihm die Melone, jene urenglische und stilistisch strengste aller möglichen Kopfbedeckungen, zum Markenzeichen geworden. Heute ziert sein lockiges Haupt ein ungewohnt firlefanzloser Strohhut. Kein Zweifel: Der Mann ist auf Urlaub. Ein Urlaub, der wohlverdient ist: Seitdem Smith vor über fünf Jahren von der Freundin seines Schlagzeugers Tom English in einem Pub beim Covern von Stevie Wonders "Superstition" erwischt und ohne Umschweife als Sänger gecastet wurde, um gleich 2005 mit Maximo Park ein Debüt zusammenzuzimmern, das jäh krachend einschlug, sind er und seine Freunde aus dem zweijährlichen Veröffentlichungsturnus der Pop-Tretmühle mit ihrem Mantra Schreiben-Produzieren-Promoten-Touren nicht mehr herausgekommen.


 


Das Debüt "A Certain Trigger" wurde eine halbe Million Mal abgesetzt. Plötzlich waren die größten Hallen der Insel binnen Minuten ausverkauft, und bei "Top Of The Pops", diesem antiquierten Messgerät des Pop-Bekanntheitsgrades, sind sie natürlich auch gewesen. Es folgten Album zwei und drei, nicht minder johlend rezipiert, wenn auch nicht mehr mit dem Jive des Erstlings ausgestattet, und so stellte sich bei allen Beteiligten allmählich unterschwellig die Frage, wie es nun weitergehen könnte, vor allem eben künstlerisch, wo man doch immer betont hatte, sich mit jeder Platte völlig neu erfinden zu wollen.

Ein Break als Chance

Das hört sich also ein bisschen nach einer längst überfälligen Verschnaufpause an, und so ist es dann auch, wie Smith in seinem kantigen nordenglischen Geordie-Akzent erklärt: "Wir haben im November unsere Tour beendet und waren total fertig – und happy, zu Hause zu sein. Wir brauchten einfach mal ein bisschen Zeit zum Regenerieren und um Neues auszuprobieren. Wir haben uns dann irgendwann im Winter getroffen, um zu checken, wie lange wir pausieren wollen."

Der Mann aus Billingham – neben Jamie Bell (der kleine Junge aus dem Proletarier-Ballett-Film "Billy Elliot") der wohl bekannteste Sohn seines Städtchens – hat die Zeit genutzt, um sich neu zu orientieren, Raum zu gewinnen. Mit einer Soloplatte. Nun ist er zwei Wochen nach Berlin gekommen, um einfach ein bisschen auszuspannen (Promotermine wie dieser waren eigentlich nicht vorgesehen, ergaben sich eher so nebenher).

Aber was heißt das schon bei einem Workaholic mit einem aufgewühlten Habitus irgendwo zwischen John Cleese, Malcolm McDowell (der aus Kubricks "Clockwork Orange") und Pan Tau? "Mit Maximo Park war ich vielleicht neun- oder zehnmal hier, aber erst jetzt hab ich ein bisschen Zeit für mich. Ich hänge mit Kumpels rum, in der Nähe meines Hotels ist eine Snooker-Halle. Dann hab ich mir eine Ausstellung von Marianne Breslauer angeschaut. Großartig, diese zeitlosen, androgynen Fotografien. Und war im Bang Bang Club bei Wild Nothing, die spielen so einen jingly-jangly Indiepop, sehr Smithsartig. Übrigens nehme ich gerade Deutschstunden, zwei pro Woche."

Auf der nächsten Seite: Schlips ab, mehr Risiko!

Was macht eigentlich Paul Smith, während sich seine Band Maximo Park in kreativem Nichtstun übt? Soloalbum, Kunst oder einfach nur Rumhängen? Lutz Happel hat den Sänger mit Charme und Melone getroffen.

Bei diesen Off-Topic-Fragen ist sein ganzer Körper ein einziges Strahlen. Im Plaudern ist er aber auch bei anderen Themen Großmeister. Wenn man ihn nicht stoppt, könnte das immer so weitergehen. Die unglaublich wachen Augen des Paul Smith und dieser wunderbare Akzent: nordbritisch, dass es nur so knallt. "Loved" hört sich an wie das deutsche "Luft", "come" wie "kumm".

Er beugt sich ein wenig vor, interessiert und belustigt, was denn da noch für Fragen kommen werden. Stichwort: Deutschstunden. Könnte sich Paul Smith vielleicht sogar vorstellen, länger hier zu leben? "Darüber hab ich schon ernsthaft nachgedacht. Aber ich weiß nicht, ob ich was kaufen oder mieten soll und ob das die richtige Entscheidung für einen jungen Mann wie mich ist. Es wäre aber nicht schlecht, ein bisschen aus Newcastle rauszukommen, wo ich immer noch lebe." Er wäre nicht der Einzige, der seiner Ein-Mann-Künstler-AG eine Dependance in Berlin hinzufügt.

Womit wir auch beim richtigen Stichwort für die Masterfrage wären: warum denn nun ein Soloalbum und nicht nur Rumslacken in der Bandpause? Smith schaut, als fragte er sich, was die Menschheit mit ihrer ganzen Zeit denn sonst anfange, wenn sie nicht gerade, so wie er, Songs schreibt. Das ist wohl die Berufskrankheit des Songwriters: seine Umwelt jederzeit im Hinblick auf die eigene künstlerische Verwertbarkeit wahrzunehmen. "Ich hab einfach unsere Band-Auszeit intelligent genutzt, um den Rahmen zu sprengen. Die Songs für 'Margins' entwickelten sich einfach so nebenbei."

Schlips ab, mehr Risiko

So schön das Wort Pause ist, stellt sich dennoch die Frage, ob nicht auch Abnutzungserscheinungen eine Rolle gespielt haben beim Smith’schen Ausbruch aus dem System Maximo Park. "Auf der letzten Tour waren wir nahe dran. Es gab Momente, in denen wir bestimmte Songs nicht unbedingt gespielt haben, die Leute aber ohne beispielsweise 'Apply Some Pressure' enttäuscht hätten. Lass uns ehrlich sein: Die Songs ändern sich nicht groß. Ich würde es aber hassen, jedes Mal auf der Bühne immer wieder das Gleiche zu tun. Das ist gegen meine Religion, und meine Religion heißt Musik.

Manchmal springe ich richtig, richtig hoch auf der Bühne, und Leute fragen mich anschließend: 'Hast du das vorher geübt?' Das ist echt schräg. Oft weiß man eben zu 90 Prozent, welche Reaktion man mit einem bestimmten Song hervorrufen wird. Und deshalb ist meine Soloplatte eine Risikoversicherung gegen derlei Automatismen. Meine eigene Platte live zu spielen wird das größte Risiko sein, das ich jemals eingegangen bin." Während Smith über die Aufregung und Vorfreude auf sein erstes wirklich eigenes Album sinniert, merkt man ihm seine Begeisterung an: Die Augen leuchten noch mehr als ohnehin schon.

Dieses, sein eigenes eigenstes Album nun ist ein kleines, bescheidenes, seinem Namen alle Ehre machendes Songwriter-Ding geworden, dem die überproduzierte Politur und der schöne Schein von Maximo Park völlig abgehen, das dafür aber nicht persönlicher sein könnte, etwa, wenn Smith darüber singt, wie er den Abwasch erledigt, während seine Angebetete im Nebenzimmer ein Bad nimmt, und er sich zusammenreißen muss, nicht durch den Türspalt zu linsen. Hier scheint eine frühe Morrissey-Referenz durch, dort klingt der raue nordbritische Purismus von Arab Strap an, und in jedem einzelnen Song kommt die nachdenkliche, introvertierte Seite des Songwriters voll zum Tragen, die er, schon lange zwischen Jekyll und Hyde hin und her switchend, bereits jahrelang mit seiner zweiten, kürzlich wiederbelebten Instrumental- Band MeandthetwinS, da als Gitarrist, pflegt.


 


"Margins" ist ein waschechtes Homerecording-Produkt geworden: "Ich hatte einfach keinen Bock mehr auf dieses Hochpolierte. Irgendwann hab ich dann diese zwölf Songs, die ich im Schlafzimmer mit Co-Producer Andy Hodson aufgenommen habe, David Brewis (von Field Music) in die Hand gedrückt und gefragt: 'Hast du Lust, Bass drüber zu spielen? Aber wirklich nur, wenn du Lust hast.' Das war so die Philosophie dabei. Mein Bruder hat mir geholfen, das Sleeve zu designen, und veröffentlicht wird es auf meinem eigenen Label Billingham Records. DIY eben. Am Ende meinte Andy: 'Paul, das hört sich an, als ob es ein Profi gemacht hätte.' Dabei dachte ich, wir wären Profis." Spricht es und lacht sich schlapp.

Nun, wo "Margins" unter Dach und Fach ist, bleibt Smith noch etwas Zeit, bis er für Maximo Park wieder in seine steifen Anzüge steigt, die er wie eine Uniform trägt, um seine Hörer als Mr. Hyde physisch zum Ausrasten zu bringen. Zeit, die er als Jekyll darauf verwenden kann, sie mit seinen eigenen Songs zumindest emotional zum Ausrasten zu bringen. Aufpassen sollte er nur, nicht zu nervös zu werden, bei so viel ungewohnter Privatheit auf der Bühne. Aber neue Erfahrungen, das ist es ja, worum es ihm geht. Anschließend wird es aller Voraussicht nach mit einem vierten Maximo-Park-Album weitergehen. Vielleicht aber auch mit etwas ganz anderem: Smith, der Ex-Kunststudent, will demnächst ein Buch mit einer Auswahl seiner Polaroid-Sammlung veröffentlichen. Oder vielleicht mehr malen oder nach Berlin ziehen ... Es scheint, als wäre Smith da angekommen, wo er hin wollte: in der völligen Freiheit.

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