×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mehr Drama

Patrick Wolf live

Patrick Wolf zeigt sich live noch poppiger, differenzierter und gleichzeitig breiter gefächert als auf seinen Alben.
Geschrieben am
21.04.07, Köln, Gebäude 9.

Samstag nachmittag, summer in the city und wo man hinblickt, schlägt einem die Unbekümmertheit der Leute entgegen. Kein Zeitpunkt für große Dramen, will man meinen. Und doch lassen sich nicht Wenige von Patrick Wolf ins Gebäude 9 locken, um sich eine gute Stunde lang die volle Packung Theatralik zu geben. Mit Theatralik kokettiert das 23-jährige musikalische Wunderkind bekannterweise souverän. Was man vom Support Bishi nicht ruhigen Gewissens behaupten kann. Eine Dame mit Sitar presst indische Klänge in ein Folk-Korsett und sich in ausladende Kostüme. Viel Satin, spitz zulaufende Puffärmelchen, viel Schminke und ihr überdimensional wirkendes Instrument zeugen von einem ausgeprägten Faible für Extravaganz, doch bleibt es in letzter Konsequenz unspektakulär. Zuviel wird vom Band eingespielt und obendrein scheint Miss Bishi durch die Kostümierung in ihrem Aktionsradius eingeschränkt. Eine eher statische als mitreißende Angelegenheit.

Im Prinzip keine schlechte Support-Wahl, kommt doch das Bühnenpotential von Patrick Wolf so um einiges mehr zu Geltung. Nach einer kurzen Umbaupause, in der man nach den esoterischen Sitarklängen zusätzlich mit Air vom Band einwattiert wird, bricht Patrick Wolf nach einem kurzen Intro mit einem Paukenschlag auf die Bühne. Applaus, Johlen, gereckte Arme. Ein Empfang wie bei den ganz Großen. Es wird schnell klar, dass man sich der Euphorie eines Herrn Wolf nur schwer entziehen kann. Er spielt mit dem Publikum, animiert, schauspielert und lebt seine Musik da aus, wo sie hingehört: auf der Bühne. 'Get Lost' lädt uns ein, ihn ein Stück weit in seine Welt zu folgen, die er uns unterstützt von einer versierten Backing-Band und mit großen Gesten vorstellt. Ein Kontrabassist, eine Violinistin, ein Schlagzeuger und ein Mann am Rechner versuchen mit zeitweiser Unterstützung von Patrick an der Viola und am Stagepiano den vielschichtigen Sound der Plattenumzusetzen. Was kein leichtes Unterfangen ist, bedenkt man die nuancenreichen Tüfteleien der Songs, die beim aktuellen Album 'The Magic Position' nicht weniger geworden sind. Im Gegenteil: Patrick Wolf zeigt sich aktuell poppiger, differenzierter und gleichzeitig breiter gefächert.Was jedoch an Soundfeinheiten aus praktischen Gründen nicht umzusetzen ist, macht Patrick Wolfs Showtalent wett. Zunächst mit schwarzem Hemd bekleidet, entblättert er sich zu Beginn des Sets und präsentiert sich im Knaben-Outfit, mit Karohemd, Hosenträgern und kurzen grauen Hosen. Nicht zu vergessen das Glitterzeug an Auge und Schläfe. Manche halten seinen Gestus für übertrieben und aufgesetzt, ich meine, es gehört zwingend zu dem was seine Kunst ausmacht. Klischee und Unkonventionalität, der Popsong und der Bruch mit dem Pop, keiner hat in letzter Zeit beide Grenzen derart vereint und gleichzeitig ausgelotet wie Patrick Wolf. Songs wie 'Tristan' mit derben Beat, viel Sex und Singalong-Qualitäten, oder Stücke wie 'Bluebells' in dem lautmalerische Elemente wie das Pfeifen von Feuerwerkskörpern, wie selbstverständlich als perkussive Bestandteile in eine Popnummer eingearbeitet werden, beweisen das. 'The Magic Position' feiert die infantile Leichtigkeit eines Kirmesbesuchs und 'The Magpie' (im Duett mit Bishi vorgetragen) zerrt die Musical-Theatralik auf die Indie-Bühne. In dem neu vorgestellten Song 'Blackbird' konterkariert ein Zitat von Justin Timberlakes 'Sexyback' einen skurillen Laptop-Tune. Alles exaltiert, mit Kniefall vor dem schwulen Kitsch und überschäumender Emotionalität vorgetragen und ohne jegliche Scheu vor etwaigen Stilbrüchen. Zu tuckig? Zu schwülstig? Zu schräg? Zu poppig? Mit Sicherheit ín jede Richtung einen Schritt zu weit und am Ende genau richtig. Patrick Wolf rockt einfach.