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Pariser Landleben

Jamie Lidell

Dekonstruierte Jamie Lidell bislang live, nur mit Sampler und Mikrofon bewaffnet, seine Stücke, so wird er diesen Sommer ausschließlich in Begleitung die Bühnen betreten
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Alles wird neu. Dekonstruierte Jamie Lidell bislang live, nur mit Sampler und Mikrofon bewaffnet, seine Stücke, so wird er diesen Sommer ausschließlich in Begleitung die Bühnen betreten. Passend zur noch konsequenteren Soulwerdung des neuen Albums "Jim". Sebastian Ingenhoff traf den legitimen Erben von Motown auf einen Plausch über neue Möglichkeiten des Musikmachens.



Gut, bereits früher ist der smarte Bademantel-Gigolo Lidell immer wieder mal mit wechselnden Musikern aufgetreten. Es gab zum Beispiel eine Tour mit seinen Kumpels Mocky, Gonzales und Snax. Eine richtige feste Band hatte Jamie jedoch nie - allerdings nicht, da er es nicht wollte, sondern da es zum damaligen Zeitpunkt seiner Karriere einfach zu teuer gewesen wäre. Insofern war die Methode des Livesamplings gleichzeitig ästhetische Entscheidung und ökonomische Notwendigkeit. Und ist nun die Bandwerdung einerseits Resultat der Entwicklung vom abstrakten Klangweirdo zum richtigen Songschreiber als auch des damit einsetzenden Durchbruchs in neue Publikumsschichten.

"Jim" ist die logische Konsequenz dieser Entwicklung und wird diesen Prozess nochmals intensivieren. Die Platte ist, noch mehr als der Vorgänger "Multiply", ein klassisches Soulalbum geworden. Ganz ohne IDM. Klang "Multiply" immerhin noch ein bisschen wie eine gute Stax-Platte im Aphex-Twin-Remix, wurde letzterer Bestandteil nun komplett gestrichen. Lidells musikalische Vorbilder lassen sich so noch klarer raushören: Al Green, Otis Redding, Marvin Gaye und Prince natürlich.

Es gibt wieder jede Menge Zitate. Das Stück "Hurricane" spielt beispielsweise ziemlich unverhohlen auf den Hillbilly-Funk von Parliament an. Als ich ihm erzähle, dass ich beim Hören des Songs aber auch an Black Sabbaths "Paranoid" denken musste, und als Reaktion erst mal eine Backpfeife erwarte, grinst er: "Siehst du, genau darum geht es ja in der Musik. Natürlich ist die komplette weiße Rockmusik der letzten dreißig, vierzig Jahre ohne Soul und Funk undenkbar. Und natürlich kann man da auch ein Sabbath-Riff raushören, wenn man will. Ich höre im Übrigen ja auch viel Rockmusik." Seine Rockaffinität geht so weit, dass bei "Out Of My System" am Ende gar die ollen Stones zitiert werden.

Verstörung mit Seele
Aufgenommen wurde das Album diesmal größtenteils in Los Angeles, aber auch in Paris und Berlin wurden wieder Sessions eingelegt. Geholfen hat ihm abermals sein enger Freund Mocky. Dementsprechend smooth und eingespielt lief auch alles ab, wie Jamie erinnert: "Wir haben in Berlin zusammen an dem Skelett der Songs gefeilt. In den USA wurde der Rest erledigt - das Ganze mit Leben gefüllt. Stück für Stück kam Neues dazu. Jeder Song hatte am Ende seinen eigenen Körper. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Es gibt keine Füller, nichts Überflüssiges."

Und auch nichts Krudes, Atonales mehr. Auf dem letzten Album "Multiply" gab es noch vereinzelt diese Momente. Ich kann mich gut daran erinnern, bei einem Kneipen-DJ-Set "When I Come Back Around" gespielt zu haben. Nicht wenige Gäste haben sich daraufhin an die Stirn getippt, ihre Mäntel gepackt und sind grußlos gegangen. Gut, das hatte vielleicht auch damit zu tun, dass ich die Platte aus Versehen auf 45 statt auf 33 gespielt habe. Danach war der Laden jedenfalls leer gefegt. Jamie lacht. "Wir hatten mit Super Collider ja unsere Zeiten, wo wir die Leute ein bisschen verstört haben. Klar, wenn man mein erstes Album ›Muddlin' Gear‹ mit ›Jim‹ vergleicht, ist da natürlich erst mal eine enorme Diskrepanz. Letztlich ging es damals darum, Soul auf eine völlig andere Art und Weise auf die Bühne zu bringen. ›Multiply‹ hat sich im Prinzip ja schon stark davon wegbewegt. Weißt du, man kann sich auch ewig hinter irgendwelchen Avantgarde-Ansprüchen verstecken. Irgendwann ging es einfach darum, für mich neue Möglichkeiten des Musikmachens auszuschöpfen."

Gott in Frankreich
Zuletzt gab es sogar eine Kollaboration mit Beck, deren Resultat auf der nächsten Platte des US-Scientology-Sternchens zu hören sein wird. "Er hatte mich gefragt, ob ich ihn auf seiner Tour supporten wolle", erzählt Lidell. "Er ist sehr interessiert an Ein-Mann-Bands. Danach hat er mich zu sich ins Studio eingeladen, und wir haben ein paar Sessions aufgenommen. Das war sehr lustig. Ich habe ein bisschen gesungen wie Klaus Nomi."

Jamie Lidell ist ein angenehmer Interviewpartner, weil er von sich aus redet wie ein Wasserfall. Nach einer halben Stunde schaut er dann aber doch mal auf die Uhr. Gleich muss er nämlich seinen Flieger kriegen nach Paris, wo er demnächst hinzieht. Die Berliner Zeiten sind vorbei. Seine Freunde Feist und Gonzales leben schon länger in der französischen Hauptstadt, das hat mit den Ausschlag zum Standortwechsel gegeben: "Berlin war toll, aber ich hatte mehr und mehr das Gefühl, hier in einer Blase zu leben. Ich hatte einen schönen Raum in dem Haus, in dem auch Mocky, Taylor Savy und Snax arbeiten, das war schon ein unglaublich kreatives Umfeld. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich auch mal was anderes sehen muss."

Vorbei sind also die Zeiten des Laisser-faire Berliner Schule. Während man dort jahrelang müßiggängerisch abhängen, Milchkaffee trinken und aus dem Fenster gucken kann, muss man sich in Paris Brot und Miete noch stramm protestantisch erarbeiten. Deswegen will sich Lidell auch schnell ein neues Studio einrichten und konzentriert an neuem Material werkeln. Und neben den alten Homies auch neue Bekanntschaften aus der Pariser Musikszene ins Studio einladen.


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