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Gealtert und doch nicht alt

Pale Fountains live

Nach über 25 Jahren spielen die Lievrpooler wieder ihre alten Songs. Unser Autor Mark Swatek-Everson war vor Ort und hätte fast geweint.
Geschrieben am
03.02.08, Shepherds Bush Empire, UK-London.


"Wir haben gestern in Liverpool gespielt und als ich heute morgen aufgewacht bin, dachte ich, dass muss ich geträumt haben. Schlag mich jemand, dass ich aufwache. Am besten mit einer nassen Forelle!" Mick Head steht etwas ungläubig auf der Bühne im dann doch gut gefüllten Shepherds Bush Empire, der würdigen Umgebung für dieses ungewöhnliche Konzert. Es ist nicht ausverkauft wie in der Heimat in Liverpool, aber dies ist gewissermaßen auch die Zugabe für eine Band, die nie den Erfolg erreichte, den sie verdient hätte: The Pale Fountains, die vor über zwanzig Jahren zwei zeitlose Alben und zwei unsterbliche Singles (die sich auf keinem der beiden Alben finden) veröffentlichte, bevor die Band an den Widersprüchen des Musikgeschäfts zerbrach.

Aber das Klischee von den "vergessenen Klassikern, aus denen was hätte werden sollen" wird nicht zu Unrecht gerne rausgekramt, wenn es um die Pale Fountains geht: Große Fans hat die Band, Hits, die keine waren, Musik, die auch nach Jahrzehnten noch neue Fans finden kann. Und eine Geschichte, die weitergeht, gründete Mick Head, der Songwriter und Sänger, doch einige Zeit nach Ende der Paleys Shack und hat mit dieser Band jedenfalls in Großbritannien nach einer Reihe von etwas unglücklichen Entwicklungen inzwischen immerhin leidlich erfolgreichen Kultstatus. Die Idee, nach 25 Jahren wieder Songs zu spielen, die man die ganze Zeit vermieden hat, ist natürlich trotzdem eine ziemlich beknackte Idee, auf die vor allem solche Leute anspringen, die diese Song unverdrossen die ganze Zeit als Teil ihres Lebens betrachteten. So sieht das Publikum in London dann auch aus, gealtert und doch nicht alt. Hier wird nicht nur Geschichte wiederbelebt, um in Erinnerungen zu kramen, sondern hier wird auch fortgeführt, was nie aufhörte.

Vor überdimensionalen Abbildungen ihrer Helden, wie etwa Lou Reed, Oliver Hardy (!) oder Jacques Brel, spielen die Pale Fountains, von deren Original-Besetzung nur Bassist Chris McCaffery fehlt, der 1986 an einem Gehirntumor verstarb, Songs, die teilweise 1982 das letzte Mal live in London zu hören waren. Andy Diagram, der später mit James mehr Erfolg hatte, bringt mit seiner Trompete das Bossa-Nova-Feeling, das die Pale Fountains auch ausgemacht hat. Und dass Schlagzeuger Jock Whelan seit 15 Jahren kein Schlagzeug mehr gespielt hat, merkt man zu keinem Zeitpunkt. Dass die Band erst seit etwa einer Woche wieder zusammenspielt dagegen schon. Kaum ein Song geht fehlerlos über die Bühne, aber dem Publikum ist's egal. Wir sind hier, um diese Band zu feiern, die in den dunklen 1980ern solch eine Leichtigkeit versprühte, die in die Dekade sogar nicht passen wollte: 'Thank You' wäre in jedem anderen Jahrzehnt ein unwiderstehlicher Hit gewesen, die Geigen und Trompeten, das perlende Klavier mussten 1982 aber untergehen.

Und 'Jean's Not Happening' hätte 1985 eigentlich jede Hitparade anführen sollen, aber dafür war wohl nicht genug Selbstmitleid im Bedauern. Und dann noch Soul! Überhaupt geht Mick Head, der unter seiner Mütze kaum hervorguckt, heute als weißer Soulsänger durch, der die Noten von vor 20 Jahren immer noch treffsicher erreicht. Wie er einräumt, geht es aber nicht ganz so leicht wie früher: "My balls have dropped a bit, since we last played this one, if you know what I mean."

So endet das Konzert, das weniger Selbstbeweihräucherung als gegenseitige Ehererbietung ist - das Publikum ist froh, diese Songs noch mal so hören zu dürfen, die Band genießt es sichtlich, dieses Erlebnis noch einmal zu haben - unter einem überdimensionalen Bild Chris McCafferys, der irgendwie dabei ist, für immer Mitte 20, für immer Teil eines Sommers, in dem 'Southbound Excursion' durchs offene Fenster nach draußen dringt und zu 'Reach' die Sonne durch aber auch wirklich jede Wolke bricht: It's all worthwhile, it's all worthwhile.