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So wars: The Return of the Gummistiefel

Øya-Festival 2010

Das Line-Up: gigantisch. Das Wetter: eher nicht so. Branko Zebic war für Intro trotz widriger Umstände im hohen Norden mit dabei und hat einen ausführlichen Nachbericht mitgebracht.
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Das Line-Up: gigantisch. Das Wetter: eher nicht so. Branko Zebic war für Intro trotz widriger Umstände im hohen Norden mit dabei und hat einen ausführlichen Nachbericht  vom Øya-Festival mitgebracht.

Willkommen im Land von Thor Hushovd und Egil Olsen. Neben seiner ausgefeilten Defensivstrategie, die später ein gewisser José Mourinho verfeinerte, wurde Olsen übrigens auch dadurch bekannt, dass er als erster Fußball-Nationaltrainer in Gummistiefeln am Spielfeldrand erschien. Ein Accessoire, dem im Verlauf der 12. Auflage des Osloer Øya-Festivals noch eine buchstäblich tragende Bedeutung zukommen sollte. Das Festival wird im Middelandsparken ausgerichtet, einem Park am Rand des Stadtzentrums, der zugleich historische Stätte ist: Ruinen zeugen noch von den Ursprüngen der norwegischen Hauptstadt.



 
Das Festival-Line-Up sieht in etwa je zur Hälfte ausländische und einheimische Bands und Künstler vor, sodass Eröffnung (mit der Vertonung eines Stummfilms durch Æthenor) und die vier Festivaltage auch eine Art Plattform für die norwegische Musikszene darstellen. Zum anderen geht für diejenigen, denen über 100 Acts noch nicht ausreichen, der Spaß nach Schließung des Parks um 23.00 Uhr in der beachtenswerten Osloer Clubszene bis tief in die Nacht weiter.
 
Mittwoch
 
Leider hält der Regen Oslo in Schach, was Pink Eyes von Fucked Up offenbar gerade recht kommt: Er erscheint mit transparentem Poncho, was auf norwegisch übrigens Regnponcho heißt, auf der Bühne, hält es aber nicht mal zwei Minuten dort aus und begibt sich auf Wanderschaft. Die Band rotzt auf nonchalante Art Dreck und Lautstärke aus, und wenn Krawallbrüder vom Regen nicht genug bekommen, nehmen sie noch ein Bad in der Menge, was Pink Eyes sehr wörtlich auslegt und sich fernab der Bühne vorbeistokelnden Besuchern in den Weg stellt – sehr zur Freude der begeisterten Meute.

Dass die Kanadier auf derselben Bühne von Air abgelöst werden, entbehrt nicht einer gewissen Komik, doch decken wir den weißen Anzug des Schweigens über die Performance der Franzosen. Spannend dagegen sind Sleepy Sun, ein Sechser aus San Francisco, der optisch wirkt, als sei er einem Film aus den 1960ern entsprungen. Die Songs pendeln zwischen Folk, Rock mit Blueselementen und Psychedelia, mit feinem Chorgesang von Bret Constantino (der eine verblüfende Ähnlichkeit mit dem jungen David Crosby aufweist) und Rachel Williams. Klar sind das Hippies, aber mit permanenten Tempiwechseln und  Ausbrüchen aus dem Gefüge, die eben nicht ausschließlich über Dynamik erfolgen, reißen sie die gefestigten Songstrukturen und die Schwere, die auf den meisten Stücken lastet, immer wieder auf.

Ein einziger Ausbruch wiederum ist der Gig von Iggy & The Stooges, die schon mit „Raw Power“ einsteigen, als gäbe es kein morgen. Fast keiner der Klassiker fehlt im Set, und „Now I wanna be your dog“ singt ab der Mitte nur noch das Publkum. Die ungebrochene Bewegungsfreude des mittlerweile 63jährigen Stehaufmännchens lässt den Stagehand zum zweitmeistbeschäftigten Menschen des Konzerts werden, zum anderen rocken die Stooges wie Schwein und vermitteln eine Ahnung davon, welche urwüchsige Kraft von Punkrock einst ausgegangen sein muss. Roh!  

Spätestens beim Finale des ersten Tags wird’s kompliziert: zwar finden die einzelnen Gigs fast nie komplett zeitgleich statt, aber auch schon die Überschneidungen machen die Wahl manchmal schwer. Vorteil Serena Maneesh zu Ungunsten von M.I.A., aber wir sind schließlich in Norwegen. Die Lokalmatadore, im September auch bei uns zu sehen, nehmen mit 7 Leuten die komplette Bühne und damit auch ein beeindruckend breites Klangspektrum ein. Zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, Percussion, Keyboards, Samples, Gesang und dazu ein Saxofon, das – je nach Gemengelage – mal Bass-, mal Gesangsfrequenzen belegt. Dreckige Gitarren und endlos treibender Rhythmus wechseln sich ab mit Stücken, in denen hakenschlagende Melodiebögen in verwaschenen Tremolo-Feedbackgitarren dominieren. Im einen Moment rockt das wie Sau, im nächsten ist nur noch klangbaden angesagt. Am Ende, genauer gesagt nach einer guten halben Stunde, bleibt Leadgitarrist Emil Nikolaisen, wie üblich bewaffnet mit Piratenkopftuch, auf der Bühne liegen, und aus dem Feedback der restlichen Band, die längst die Bühne verlassen hat, schält sich eine dieser Gitarrenlinien, die ihnen Vergleiche mit My Bloody Valentine eingebracht haben. So geht das zehn, zwölf  Minuten, bis sich die Hallfahne in den Fjorden und dem einmal trockenen Osloer Nachthimmel endgültig auflöst. Parallel dazu verprügelt das norwegische Nationalteam, seit letztem Jahr wieder unter der Leitung des mittlerweile 68jährigen Egil Olsen, im unweit entfernten Ullevaal-Stadion die ohnehin schon gebeutelten Franzosen in Freundschaft.

Auf der nächsten Seite: der Festival-Donnerstag.

Das Line-Up: gigantisch. Das Wetter: eher nicht so. Branko Zebic war für Intro trotz widriger Umstände im hohen Norden mit dabei und hat einen ausführlichen Nachbericht  vom Øya-Festival mitgebracht.

Donnerstag
 
Die Sonne lacht über Oslo. Insofern ist es ein bißchen schade, dass Panda Bear im „Klubben“-Zelt spielt, das schon am Nachmittag richtig gut gefüllt ist, und das, obwohl die überwiegende Mehrzahl der Festivalbesucher Einheimische beziehungsweise  vermutlich eben nicht ausschließlich des Festivals wegen in Oslo sind. Nach einem kleinen technischen Problem zu Beginn spielt er ein eher zurückgenommenes Set mit nur ein, zwei uptempo-tracks. Die übrigen sind häufig eher ruhig, getragen vom teilweise mehrlagigen Gesang, leicht verfremdeter Gitarre und nicht allzu komplexen Beatstrukturen. Das meiste des Materials dürfte auf dem anstehenden vierten Soloalbum des Animal Collective-Masterminds veröffentlicht werden, vom Vorgänger Person Pitch etwa gibt’s nur „Ponytail“, das sich hervorragend ins Set einfügt. Das alles wirkt so friedlich und lichtdurchflutet, heruntergebrochen könnte man sagen, dass ein Großteil der Stücke auch ohne Beats, nur mit Gitarre und Gesang funktionieren würden, als Songs, die als Schlaflieder für Kinder prächtig funktionieren könnten. Und das ist alles andere als negativ gemeint. Die freakigen Momente ergeben sich eher aus den Hall- und Echoeffekten sowie den abgefahrenen Visuals. Sehr schön.

Wenig verstörend auch die Broken Bells, die ein gefälliges Set spielen, das keinem weh tut und manchmal sogar berührt, häufig über den mehrstimmigen Gesang. Auch LCD Soundsystem, die mit dem 10 CC-Schmachtfetzen „I’m not in love“ die Bühne betreten, sind, wie übrigens fast alle Auftretenden, auffallend guter Dinge und genießen ganz offensichtlich die Teilnahme am Øya. Nach einem eher verhaltenen Beginn kommen sie mit fortschreitender Dauer des Sets richtig in Fahrt und mit ihnen auch das Publikum. Die Folgen sind bis auf die Brücke vom Schnellstraßenzubringer hinter dem Festivalgelände zu sehen, auf der sich von nun an regelmäßig Schau- und Hörlustige einfinden werden und schon auch mal ein LKW rechts ran fährt, bezeichnenderweise mit der Aufschrift “Für entspannten Stadtverkehr“... 

Das Endspiel des Tages, und das in doppeltem Sinn, bleibt aber Pavement vorbehalten, die am folgenden Samstag noch in Göteborg auftreten werden, und das war’s dann auf dem alten Kontinent. Zumindest, wenn man den eindeutigen Aussagen der Band glauben mag, die Reunion-Tour sei eine einmalige Geschichte. „Do you want me to take you on a trip?“ fragt Steven Malkmus rhetorisch ins Publikum, schiebt nach einer Pause den Hinweis, „I’m on a death trip“ nach und zitiert damit Iggy vom Vortag. Ohnehin ist der Frontmann wider Willen bester Dinge, und das trotz einiger anfänglicher Probleme mit dem Monitorsound. Entsprechend sieht und hört man heute noch mal eine Band - was bei Pavement weiß Gott nicht immer der Fall war. Die Version von „Spit On A Stranger“ etwa ist dermaßen mellow und dynamisch auf Linie, ohne Herumgniedeln der Leadgitarre oder gelangweilt hergeunternöltem Gesang. Und die Ironie kennt keine Grenzen: „That was for the ladies“ kommentiert Malkmus hernach. „That’s why we’re doing all this. (Pause) Except for drugs.“ Die Klasiker der „Crooked Rain“ fehlen ebenso wenig wie „Stereo“ oder „Shady Lane“, nach einer tollen Version von „Range Life“ wird beschwichtigt, der Song sei kein Aufruf zur Rebellion, und irgendwann meint Malkmus „This is our last song“. “Oslo has always treated us friendly, Insha’allah!” Nach zwei, drei weiteren Stücken schlägt die Uhr 23 und die Zeit ist um. Farewell!
 
Ich eile direkt weiter ins „Gamla“ (norwegisch für „Alte Frau“), wo die jungen Lokalmatadore Cold Mailman, noch ein Siebener, mit einem lookalike des jungen John Arne Riise am Bass, ein relativ langes Set spielen. In guten Momenten entbehrt ihr melancholischer Gitarrenpop nicht einer gewissen Dringlichkeit, noch spannender sind aber ihre Landsleute Hypertext. Die sind nur zu sechst, dafür aber ebenfalls mit drei Gitarren (bekommt man darunter eigentlich keine Auftritte hier?). Sie haben noch nicht mal ein Album veröffentlicht, sind aber in Skandinavien schon so was wie ein Geheimtipp, und das nicht ganz zu Unrecht. Gitarrenpop auch hier, aber mit deutlich breiterem Spektrum, mal verbreakt, dank zusätzlichem Sampleeinsatz generell deutlich rhythmuslastiger, insgesamt rockiger, häufig schräg, meistens sperrig, stets überraschend und trotzdem eingängig. Auch wenn ihnen am Ende etwas die Luft auszugehen scheint: vielversprechend.
 
Auf der nächsten Seite: der Festival-Freitag.

Das Line-Up: gigantisch. Das Wetter: eher nicht so. Branko Zebic war für Intro trotz widriger Umstände im hohen Norden mit dabei und hat einen ausführlichen Nachbericht  vom Øya-Festival mitgebracht.

Freitag
 
Als Entrée heute wieder ein einheimischer Act, Susanne Sundfør, deren Songs - dank Unterstützung von mal wieder fünf Musikern - zwischen Kammer- und Elektropop oszillieren: Ausdrucksstarker Gesang, begleitet von Cello und feinen Orgelsounds, für die sich gerüchteweise Martin Horntveth (Jagga Jazzist) verantwortlichen zeichnen soll, allerdings ist es noch etwas zu hell für die atmosphärische Dichte des Konzerts. Immerhin hat sich nach einem heftigen Regenguss der obligatorische Regen wieder verabschiedet.

Weiter geht’s auf mittlerweile doch reichlich morastigem Geläuf zu Field Music. Der Vierer aus Sunderland, bei dem die Brüder Brewis sich am Schlagzeug abwechseln, wird seinem Ruf gerecht, chamäleonartig Klang- und Genrespektren zu durchlaufen. Das Set beginnt fast lieblich, wildert dann in Bluesrock-Gefilden, genehmigt sich Ausflüge in Progrock- und Fusion-Bereiche, aber die Tendenz zu übermäßig häufigem Falsetto-Gesang treibt mich zu einem Standortwechsel für das nächste Highlight.

Die Flaming Lips haben nach einem schier endlosen Soundcheck die Bühne nur für gefühlte zwei Minuten verlassen, um mit der bekannten orangenen Wand im Rücken loszulegen wie die Feuerwehr, und zwar mit dem krachenden Doppler „The Fear/Worm Mountain“ und den üblichen Gimmicks: tonnenweise Konfettiregen und  Nebelkanonen. Wayne Coyne darf als einziger auf dem Festival stagediven, wie immer im transparenten Ball und mitten im Publikum, das sich spürbar mitreißen lässt. Nach den bekannten Klassikern wie „She don’t use Jelly“ und „Yoshimi“ macht sich das Publikum bei „I can be a dog“ buchstäblich zum Affen, sehr zur Belustigung der etwas abseits Stehenden. Coyne reizt die Ansprache an die Menge wie gewohnt aus und hält noch einen Vortrag zum Weltfrieden, nicht ohne den obligatorischen Versuch, das Publikum mitzunehmen. Und siehe da: Tausende recken in diesem stillen Moment das Peace-Zeichen in die Luft, ein beeindruckendes Bild. Man mag Pathos und Bombast für zuviel des Guten halten, aber die Frage, ob es sich hier um bloßen Gestus oder Authentizität handelt, stellt sich nicht, die Flaming Lips spielen da in ihrer eigenen Liga mit eigenen Kategorien. Auch wenn sie sich selbst damit nicht neu erfunden haben, bleibt das dennoch fraglos die beste Show des Festivals.

Harter Kontrast hierzu dann auf der kleinen Vika-Bühne am anderen Ende des Geländes: Todd Terje & Dølle Jølle. Der (Achtung!) Sechser beginnt orientalisch, mit Terje am Vibraphon und sich langsam ausbreitenden Rhythmen, die schön ineinander gefadet werden. Das legt die Fährte und Atmosphäre aus und die ersten beginnen schon vorsichtig zu zappeln. Als dann die eins auf dem Boden ankommt, und die Bässe heftig anfangen zu wummern, geht im Publikum die Post ab. Soll noch einer behaupten, die Norweger könnten sich nur für  Metal begeistern oder dergleichen, das bisweilen etwas reserviert wirkende, aber überaus angenehme und friedliche Publikum klopft hier jedes Klischee kaputt. Die Bässe allerdings auch meine Ohren, sodass ich erst bei den Specials wieder einsteige. „We’re back from holiday“ werden sie sich entschuldigen. „Mit „Do the Dog“ und „New Era“ zum Einstieg haben sie das Publikum sofort auf ihrer Seite und liefern ein ebenso routiniertes wie bewegungsfreudiges Set ab, das sich aus dem Großteil ihrer Klassiker zusammensetzt. Spätestens bei „Rudy“ ist kollektives Hüpfen im offbeat angesagt, und während hierzulande Joints kreisen, wandert in Norwegen die eingeschmuggelte Rumflasche im Publikum.

Auf der nächsten Seite: der Festival-Samstag.

Das Line-Up: gigantisch. Das Wetter: eher nicht so. Branko Zebic war für Intro trotz widriger Umstände im hohen Norden mit dabei und hat einen ausführlichen Nachbericht  vom Øya-Festival mitgebracht.

Samstag
 
Trotz Regenvorhersage reißt die Wolkendecke gegen Mittag auf, sodass die befürchtete Schlammschlacht auf dem mittlerweile doch reichlich in Mitleidenschaft gezogenen Parkuntergrund weitgehend ausbleibt. Dennoch sind Gummistiefel das eigentlich angebrachte Schuhwerk. Der guten Laune beim Publikum tut das freilich keinen Abbruch. Ost & Kjeks (was soviel heißt wie Käse und Cräcker) beschallen die Hauptbühne mit Discopop, der mal mehr auf Funk-, mal mehr auf Elektro-Elemente zurückgreift und verdeutlichen einmal mehr das breite Spektrum des Festivals. Tony Allen sorgt für die Afrobeat-Note des Festivals in Polyrhythmik, während Paul Weller eher Style Council als Jam auskickt. Die einen werden sagen perfekter Pop, für andere schrammt das ab und an die Grenze zur Belanglosigkeit.

Doch der Höhepunkt des Tages, wenn nicht des Festivals, steht zum guten Schluss noch aus: Mittels online-votings haben die Festivalbesucher aus dem knappen Dutzend Alben von Motorpsycho „Timothy’s Monster“ gewählt, das nun 16 Jahre nach Erscheinen quasi in ATP-Manier mit allen 15 Songs gespielt werden soll.  Kurz vor Konzertbeginn verabschiedet sich die Kamera, aber für irgendwas wird es gut sein. Bent Sæther und Snah Ryan bekommen einen Preis ausgehändigt, da aber alles auf norwegisch verkündet wird, verstehe ich keinen Ton. Und dann geht es los: „Feel“. Bent started mit einem falschen start-stop-start, ein kleines Augenzwinkern an die Album-Version, und ab der Hälfte des Songs singt nur noch das Publikum: „…it feels so good to feel again…“. Das legt die Fährte aus für, um es vorwegzunehmen, 120 Minuten, die mit Worten allenfalls unzulänglich beschrieben werden können.

Lars Lien, damaliger Keyboarder, sitz wider an den Tasten und singt teilweise backing vocals, unter anderem beim folgenden „On my pillow“, was auch bedeutet: die Album-Reihenfolge ist erst mal aufgehoben (wobei die letzten fünf wieder in entsprechender Abfolge gespielt werden). In den non-vocal-parts ist ein bisschen Platz zum jammen, und die Wurzeln für die Entwicklung scheinen durch, die die Trondheimer nach „Trust Me“ eingeschlagen haben. Vor „Shrug and a fistful“ fordert Bent das Publikum auf, für das Rauschen zu sorgen, das man auf der Studio-Version des Songs hören kann, wedelt während des Songs an den entsprechenden Stellen auffordernd mit den Armen, um sich unmittelbar darauf selbst kaputt zu lachen über die Situation. A shrug and a sixpack later... Vor mittlerweile 16 Jahren landete dieser Song auf Vol. 1. der einst von diesem Magazin herausgegebenen CD-Compilation Introducing. Kinder, wie die Zeit vergeht…

Ohne Pause und ohne Landung geht es weiter mit einer großartig-wuchtigen Version von „Wearing your smell“, und angesichts dieses dreieinhalb-Minuten-Monsters eines Indiepop-Songs stellt sich die Frage, warum diese Band außerhalb Norwegens und Westeuropas nie den Status hatte, der ihr auch und gerade wegen solcher Perlen eigentlich zugestanden hätte. Es folgt „Beautiful sister“ mit der Aufforderung „you gotta hang on to the trip you’re on“. Was auch für Hakon Gebhardt, den langjährigen drummer galt, der auch an der Entstehung des Albums maßgeblich beteiligt war, und unter Beifall die Bühne betritt und erst mal ein bisschen Banjo und später Akustikgitarre spielt. Überraschung und „Familienzusammenführung“ geglückt. Deathprod, weiland Produzent und Mann am Sampler, kommt vor „Watersound“ dazu und Gebhardt rückt ans Schlagzeug. Denn neben dem etatmäßigen Schlagzeuger Kapstadt steht noch ein Kit, und die beiden werden das Konzert bis zum Ende gemeinsam, quasi Hand in Hand, bestreiten, als personifizierte Vergangenheit und Gegenwart.    

Teile des Publikums sind schon jetzt völlig entrückt, aber auch die Einheit von Band und Publikum ist beeindruckend. Später, bei „Sungravy“, wird Bent der Text entgleiten, aber das Publikum hilft in Echtzeit aus. „Thank you, you’re good“ erwidert der in einer Atempause. Ohnehin scheint alles eins zu sein in diesen Momenten: vor dem lauten Part von „Watersound“ tauchen zwei große Schwärme Vögel hoch über der Bühne auf, im Formationsflug unterwegs gen Süden, und werden mit Applaus und dann mit Winken vom Publikum verabschiedet. Wollte man das alles als Inszenierung begreifen, wäre es fast schon beängstigend. Eigentlich ist es „nur“ Magie, oder ein kleines Wunder, was sich hier abspielt.

Und dann „The Wheel“. Schon auf dem Album ein Monster, hier und heute in einer über 20-minütigen Version gespielt, mit den beiden Schlagzeugen wie ein Uhrwerk und dynamischen Bögen, die einfach kein Ende nehmen wollen. Natürlich, das sei an dieser Stelle eingeräumt, um die damalige Rezension des Albums von Carsten Sandkämper zu bemühen, „kann man diesem Geschreibsel keine Objektivität bescheinigen.“ Und: „ Dieses Album schwebt zeitlos im Musikgeschehen der zeitsuchenden Generation aus Desorientierung; es versucht, dem Hörer das Zeitvakuum zu schenken.“ Oder meinethalben Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“, in der ja unter anderem von der Eigenschaft von Musik als Speicher von Zeit die Rede ist? Denn ob auf Timothy’s Monster  von Learys Entdeckung, der menschlichen Existenz an sich, oder, wie eben in „The Wheel“ von der aufblitzenden Erkenntnis des augenblicklichen Auseinanderbrechens menschlicher Beziehungen gesungen wird, spielt eigentlich gar keine so große Rolle, so lange sich das eigene Dasein darin spiegelt.

Dass uns gute Musik immer auch auf uns selbst zurückwirft und eher wie ein Katalysator wirkt, ist hier nur die eine Seite. Was also macht diese Musik so magisch? Vielleicht ist es die Einfachheit (nicht Banalität) der Sprache und der transportierten Erkenntnisse und Emotionen, die völlige Einheit von Text und Musik, den Gesangs- und ausgedehnten Instrumentalpassagen (noch dazu, wenn sie solch intensive dynamische Schleifen ziehen), die etwas Universelles hervorbringt, das menschliche Sprache überwindet, zu einer eigenen Sprache wird und uns letztlich so tief berührt. Wie anders wäre es zu erklären, dass sich nach dem Konzert eigentlich fremde Menschen in die Arme fallen, oder, wie über die Monitore am Bühnenrand zu sehen, immer wieder weinende (erwachsene!) Menschen im Publikum auszumachen sind? Letztere Reaktionen beziehen sich natürlich auf das grande finale, „The Golden Core“, das zunächst von einem offenbar nicht vom Festival ausgehenden Feuerwerk auf der anderen Seite des Fjords als Intro und Hanne Hukkelberg als Co-Sängerin grandios begleitet wird. Erstaunen kann das alles indes kaum noch. Der Song selbst, eigentlich das Kernstück, setzt die letzten der vielen blue notes des Albums und zeitigt gerade nach dem wohl aus Zeitgründen leider sehr kurzen „Grindstone“ schlicht überwältigende Wirkung. Aber wie schon gesagt: Mit Worten ist das, was an jenem Abend geschehen ist, eigentlich nur unzureichend zu beschreiben. Snah applaudiert nach dem Konzert dem Publikum, ich sage schlicht: Danke, Norwegen!