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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

(Pop Up Messe Leipzig

Orte der Popkultur

Die wichtigste Independent-Messe Deutschlands war wieder mal mit einem Fingerschnippen vorüber. Schön war`s.
Geschrieben am
10. - 13.05.07 Leipzig, Werk 2 und diverse Locations

Ja, es gibt sie noch, Veranstaltungen, die Popdiskurs anschieben, Vernetzung bieten und Idealismus beschwören. Und das ganz ohne wie eine verzweifelte Verkaufsshow des sinkenden Schiffs Musikwirtschaft daherzukommen. Die Pop Up Messe in Leipzig logiert seit Jahren in einer einzigen überschaubaren Fabrikhalle in Connewitz und auch dieses Jahr wurde auf einen – offenbar durchaus möglichen - Ausbau oder eine „Professionalisierung“ der Veranstaltung verzichtet. Heißt: Alle Labelbetreiber, Booker, Fanzine- oder Button-Macher, Vertriebe, Radiosender bekamen gleich viel Platz für ihren Stand zugesichert, an dem sie sich und ihr popkulturelles Tun einen Tag lang präsentieren wollten und durften. Der genaue Standort in der Halle wurde im Vorfeld verlost.
So viel zum Allgemeinen, rein ins Spezielle. Denn neben der eigentlichen, quasi nur eintägigen Messe gab es wie jedes Jahr neben Panels auch diesmal ein mehrtägiges musikalisches Rahmenprogramm in all den tollen Clubs, die Leipzig zu bieten hat – Ilses Erika, UT Connewitz, NATO undundund.

Wir steigen zu unserer Schande erst am Freitag aus dem Flugzeug aus und dann auch noch direkt in eine Eigenveranstaltung ein. Die war aber auch gut, gut besucht und somit hier erwähnenswert: Im UT Connewitz, einem ehemaligen Kino, trafen alte Bekannte mit neuen Alben (Kissogram, Ragazzi) auf einen britischen Neuzugang, der als Opener den ca. 200 Besuchern durchaus zu gefallen wusste: The KBC. In den schönsten Momenten mit der Kompaktheit von Bloc Party liebäugelnd, spielte sich das Trio durch ein halb-viril-schweißtreibendes Set. Dass allerdings fast jeder Song mit dem mehr oder weniger gleichen Beat auskam, machte bei all der diffusen Soundästhetik des Gewölbes ein Differenzierung zwischen einzelnen Stücken mitunter nicht leicht.

Danach ging es die 200 Meter rüber in Halle 5 des Werk 2 zum Spot-Festival, wo unter anderem die dänischen Figurines eine begeisternde Show ablieferten. Wie so oft bei der überschaubaren Pop-Up-Messe hatte man mittlerweile alle Bekannten aus vergangenen Jahren um sich geschart oder zufällig getroffen und zog nun mit einer unkontrollierbaren Musiker-Label-oder-Lebemenschenmasse aus geschätzten 50 Leuten von Club zu Club. Zum Glück und bereits hinlänglich erwähnt liegen die alle nur ein paar Meter auseinander. Also: Ilses Erika. Gebrüder Teichmann. Und es wird langsam ernst und sehr spät. Dabei ist die Messe doch erst am Tag danach.

Schnitt.Vögel singen. Irgendwo bellt ein Hahn oder Hund. Die Turmuhr schlägt 15 Uhr. Wir fahren aus dem Schlaf hoch, zum Glück war alles nur ein Traum. Denn die Messe beginnt doch schon um 12 Uhr. Also nichts wie hin. Zumal auch dort gute Bands spielen werden. Unter die Räder, zumindest was uns anbelangt, kam dabei vielleicht der begeisterndste Newcomer, den es auf der diesjährigen Pop Up zu sehen gab. Den Berliner (?) Türsteher (?) Rummelsnuff, der bei Alfred Hilsbergs Label WSFA / ZickZack demnächst von sich hören machen wird. Ganz groß, seine Mischung aus Hans Albers, Laibach und den Pet Shop Boys. Das kann man von den Panels vor Ort nicht immer behaupten. Eines heißt „Palim-Palim - Plemm-Plemm. Viel Lärm um nichts?“ und ungefähr so konkret werden ebenjener Hilsberg (der im Vorfeld wissen ließ: „Keine Ahnung, worum es gleich gehen soll“), Reverend Dabler, einer von PNG, Max Dax (Spex) und ein Popmusikforscher, der im Verlauf keine gute Figur machen wird, gleich über Popmusik reden. Herauskommen wird ein zum Teil unterhaltsames, zum Teil angenehm aufgeladenes (Dabler vs. Uni-Pop-Forscher), zum Großteil fahriges Gespräch, das allerdings neben allerlei Pop-Nostalgie, -Depression und -Entwicklungs-Mutmaßungen nur wenig Greifbares hinterlässt. Vielleicht ja, weil momentan wirklich niemand so recht weiß, wohin das große Schiff Popmusik inhaltlich, ästhetisch, wirtschaftlich und vertrieblich steuern wird. Übrig bleiben am Schluss mal wieder, wenn auch in domestizierter Form, die üblichen Grabenkämpfe untereinander - PNG vs. Spex – beziehungsweise Grabenkämpfe gegen Nichtteilnehmende – PNG und Spex gegen „die Umsonstmusikmagazine“, die unter anderem „für den Niedergang der Popkultur verantwortlich“ seien, weil sie „Auflagen künstlich in die Höhe“ trieben und sinngemäß überhaupt all den Schund da draußen für viel Geld durchwinken würden, anstatt sich für die wirklich gute Popmusik zu interessieren. Ah, ja.

Danach klingt die Messe selbst beschaulich aus, bevor Abends beispielsweise The Jai-Alai Savant mit ihrer Mischung aus Melodic Hardcore und Dub Ilses Erika auseinander nehmen werden. Danach folgt das DJ-Set zweier wegen Übernächtigung mittlerweile herz- und geisteskranker Intro-Redakteure, die das ausgesprochen anspruchsvolle Leipziger Brit-Rock-Publikum, das permanent andere Songs fordert als die gespielten, zunächst nur schwer für die u.a. mitgebrachten Formel-1-Sampler oder Atari Teenage Riot begeistern können. Aber alle Probleme lassen sich früher oder später ausräumen: z.B. mit Alice Cooper ("Poison"), Michael Jackson ("Billy Jean") oder Built to Spill. Es war wie immer schön, bis nächstes Jahr.