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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Loslabern

Originaltonaufnahmen

Der Monolog als Präsentationsform. Kein neues Repräsentationsmodell, aber gerade bei manischen Characters immer wieder gerne mitgenommen. Heute u. a. mit Rainald Goetz und Martin Kippenberger.
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Der Monolog als Präsentationsform. Kein neues Repräsentationsmodell, aber gerade bei manischen Characters immer wieder gerne mitgenommen. Heute u. a. mit Rainald Goetz und Martin Kippenberger.
 
Irgendwann war mir das Interesse an Rainald Goetz abhandengekommen. Ich glaube, kurz nach einem persönlichen Treffen, wo mich diese ach so zur Schau gestellte Asozialität unendlich genervt hat. Eben, da sie so unecht war, es doch jeder sehen konnte und kann, dass hier einer auch nur nach seiner Form von Geborgenheit, von Ankommen sucht. Dann neulich seinen fulminanten Auftritt bei Harald Schmidt gesehen und gleich „Loslabern“ besorgt. Als Hörbuch (Strunz Enterprise). Weil die Stimme sein musste. Absolut begeisternd, wie Goetz durch FAZ und Berlin-Mitte jazzt. Immer wieder toll, jemandem in Echtzeit beim Denken zuzuhören. Also jemandem, dessen Gedanken zu den interessanten gehören.



Ähnlich stimulierend die Idee zu „Originaltonaufnahmen“ (Brigade Commerz, www.brigadecommerz.com / Verlag Für Moderne Kunst, Nürnberg), einer Serie von CD-Veröffentlichungen, in der bislang Martin Kippenberger, Otto Dix, Liam Gillick, Jonathan Meese und Jake & Dinos Chapman zu Wort gekommen sind. Am spannendsten die CD zu Kippenberger: „I Was Born Under A Wand’rin Star“. Während beispielsweise bei Dix auf alte Radiomitschnitte zurückgegriffen wird und bei noch lebenden Künstlern wie Jonathan Meese eigene Gespräche geführt wurden, labert Kippenberger mit Zeitgefährten wie Diedrich Diederichsen oder Jutta Koether einfach los. Teilweise nicht in bester Soundqualität, aber wen kümmert das angesichts dieser ratternden inspirierten Dringlichkeit des sich zum Leben und Schaffen Verhaltens, die in ihrer Selbstsicherheit an die Atemlosigkeit des österreichischen Autors Thomas Bernhard erinnert, der verstanden hat, was auch die französische Künstlerin Louise Bourgeois wusste: „Man muss sich ständig wiederholen, sonst begreifen die Leute nicht, wovon man redet.“
Mit Kippenberger spricht einer, der seine Kunst „nicht wichtig für die Menschheit“ hält – rausgehauen natürlich mit einem nicht geringen Grad an Koketterie. Genauso wie der Ausspruch: „Die Schwebe ist leider vorbei. Da kommt ein Buch raus, und da ist alles drin ...“ Oder die zugehörige Ableitung: „In fünf Jahren ist das Langeweilescheiß, wenn ich das nicht neu formuliere.“ Oder: „Wenn ich mir nicht den Strick nehmen will, muss ich mir wieder was Neues einfallen lassen.“ Bis dahin gilt: „Wenn du viel Geld machst, musst du viel Geld ausgeben.“ An der Art, wie er hier monologisiert, merkt man, dass Kippenberger nie den Schulterschluss suchte, sondern gerade das Gegenteil: „Wo sind die Leute, die einem auf den Sack gehen, damit es lustig wird?“ Denn: „Ich bin ja für Gute-Laune-Welt.“