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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Selbst ist der Freak

Oneida

Genau zehn Jahre ist es her, dass ich zum letzten Mal das Gefühl hatte, Rock'n'Roll könne die Welt vielleicht nicht gleich retten, aber doch ein wenig ins Wanken bringen. Das war im Sommer 1991, als Nirvana in Köln kurz vor dem Release von "Nevermind" auf einem dieser Mammut-Open-Airs spielten. Sie
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Genau zehn Jahre ist es her, dass ich zum letzten Mal das Gefühl hatte, Rock'n'Roll könne die Welt vielleicht nicht gleich retten, aber doch ein wenig ins Wanken bringen. Das war im Sommer 1991, als Nirvana in Köln kurz vor dem Release von "Nevermind" auf einem dieser Mammut-Open-Airs spielten. Sie waren am Zoll aufgehalten worden, Stunden verspätet und durften schließlich nur 20 Minuten auf die Bühne. Aber diese 20 Minuten hatten es in sich. Ein Sturm der Verwüstung, alle Regeln des Rockgeschäfts außer Kraft gesetzt. Das war Anarchie, was später kam, weiß jeder. Brezel Göring von Stereo Total sagte mal, dass Mucus 2 in der Lage wären, Gefahr in den Rock'n'Roll zurückzubringen.

Tja, die damaligen Neckar-Soul-Rocker hatten das Zeug, größere Wellen zu schlagen - aufgelöst, aus und vorbei. At The Drive-In konnten zumindest live Funken sprühen lassen - aufgelöst, aus und vorbei. Gerade werden in fast schon unanständiger Eintracht von allen Magazinen die Strokes als neuer Hoffnungsträger hochgepusht, aber da sollte man erst mal abwarten, bevor man sich zu früh zu weit aus dem Fenster hängt. Für gewaltige Turbulenzen, Irritationen und nachhaltige Begeisterung sorgt dafür ein Quartett aus Brooklyn, New York, das mich plötzlich und unerwartet aus meinen schönsten symphonischen Popträumen gerissen hat: Oneida!

Bei ihnen geht zusammen, was sonst nebeneinander herläuft: Freaked-Out-Heavy-Psychedelic, Art-Rock, New Wave, Free-Jazz. "Grenzen sind was für Schwächlinge. Wir sind stark!" sagt Keyboarder Bobby Matador. Wie eine Dampfwalze pflügen die vier mit voller Offensivkraft quer durch die Felder, die vor ihnen Kyuss, Stereolab, Suicide, Flaming Lips, Deep Purple, Kraftwerk, MC5, Miles Davis, Mister Quintron und Thin Lizzy fein ordentlich abgetrennt hatten. "Wir sind mit diesem klassischen 'cock-rock-shit' aufgewachsen und lieben Rock'n'Roll, mögen es aber eben auch, herumzuexperimentieren. Die meisten Bands, die etwas über den Tellerrand schauen, sind dann sofort super arty und experimentell und schämen sich ihrer Rockwurzeln - es ist so frustrierend."

Hallo Chicago, hörst du das? Oneida machen vor, wie man gleichzeitig smart sein und trotzdem unglaublich ass kicken kann, dass kein Stein auf dem anderen stehen bleibt. Sie schämen sich keinen Millimeter für ihre "boys are back in town"-Riffs in "Major Havoc", legen sich Freaknamen wie Kid Millions, Hanoi Jane, PCRZ oder eben Fat Bobby Matador zu und warten dann plötzlich mit verschachtelten Keyboard- und Harmoniegesangs-Collagen auf ("Almagest"). Und, ja, sie vermitteln dieses Gefahrenpotential, dass hier etwas Großes, Gewaltiges, Unmittelbares passiert.

Dass Oneida hierzulande trotz vierer Longplayer noch nahezu unbekannt sind, liegt sicher in erster Linie daran, dass ihre Platten bei einem kleinen Indie-Label namens Jagjaguwar in der Peripherie von Chicago erscheinen, das sonst eher für introvertierte Songwriter und stille Rockbands bekannt ist. Sie wollen das so. "Wir hören uns an, was die Majorlabels uns anzubieten haben und was ihre Motive sind. Und dann sagen wir höflich ab, weil ihre Mission entschieden anders als unsere ist. Sie sind Geschäftsleute, die in erster Linie an Profit interessiert sind. Wir nicht." So einfach ist das.

Viele Bands kokettieren mit dieser Indie-Mentalität, bei Oneida bleibt sie nicht nur hohle Pose. Und dies ist der zweite Grund, warum diese Band wichtig ist: In Brooklyn sind sie die Vorreiter einer quicklebendigen Loft-Party-Szene, die mit selbstorganisierten Warehouse-Partys die Lethargie und Langeweile des Konzertbetriebs aufzubrechen versucht und damit eine echte Alternative zu den eingefahrenen Rock-Clubs bietet. "Unser Wunsch ist es, ein aufregendes Erlebnis zu veranstalten, das einmalig ist. Die Hippies nannten das 'happenings', und das kommt unseren Motiven schon ziemlich nahe. Es gibt eine Menge Parallelen zu den Acid-House-Partys in England in den 80ern und der Loft-Jazz-Szene in Manhattan in den 70ern. Es geht vor allem um diese Do-it-yourself-Mentalität. Die Art der Musik ist nicht relevant in diesem Zusammenhang, wichtig ist der Drang nach Unabhängigkeit des künstlerischen Ausdrucks."

Und auf diesen Partys, zu denen bis zu 2000 Leute kommen, sieht man endlich wieder die Grenzen zwischen Publikum und Band verschwimmen. Es wird wild getanzt und gefeiert - und das nicht etwa beim anschließenden DJ-Set, sondern beim Gig einer Rockband. Kein Arme verschränken, Kopfnicken und Sicherheitsabstand. Für ein paar wenige Dollar Eintritt und Getränke zum Selbstkostenpreis macht das natürlich doppelt Spaß. Die Band spielt mehr vor der Bühne als darauf, Zuschauer werden zum Mitmachen animiert, und zuverlässige Zeugen sprechen von purer Ekstase. Man weiß nie, was passiert, die Band spielt jede Show anders. Und abseits der Heimat? "Wenn wir touren, versuchen wir so gut es geht an ausgefallenen Orten zu spielen. Es ist aufwendig, und du musst die Stadt und Leute gut kennen. Manchmal endet das auch schon mal disaströs, aber meist ist es die Mühe wert."

Der Angst, dass ihre schöne Loft-Welt eines Tages von modischen Partyhipstern verwässert werden könnte, begegnen Oneida auf ihre eigene Art: "Konzerne untergraben den Underground laufend auf ihrer verzweifelten Suche nach neuen Trends. Man sollte jedoch nicht den Fehler machen und darüber lamentieren, dass diese tolle, einmalige Szene kaputt gemacht wird, sondern einfach eine neue starten." Gut gebrüllt Löwe! Oneida werden aller Wahrscheinlichkeit nach Anfang 2002 erstmals auf Deutschlandtour gehen und den Leuten ihre Vision einer besseren Rockwelt schmackhaft machen. Ich bin dabei.