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Lass uns Freunde bleiben

On An On

Es ist nicht immer schlecht, wenn sich eine Band auflöst. Scattered Trees aus Chicago spielten knapp zehn Jahre lang dramatischen, aber etwas beliebigen Pathos-Pop. Nach ihrem Ende machten drei der Mitglieder als On An On weiter – und legen mit »Give In« für Daniel Koch den perfekten Befreiungsschlag vor.
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Dumm gelaufen: Studiozeit und Produzent gebucht, und dann geht die Band in die Binsen. So geschehen im Frühjahr 2012 bei Nate Eiesland, Alissa Ricci und Ryne Estwing, die zuvor drei Fünftel der Band Scattered Trees waren und mit dieser hoch hinaus wollten. Mit ihrem letzten Album »Sympathy«, lyrisch ein schwerer Brocken über Vergänglichkeit und Tod, setzten sie musikalisch auf pathetischen Gitarrenpop, der über die College-Radios hinaus wirken wollte. Als sich dann auch noch der Videoclip zum Song »Love And Leave« zum viralen Hit mauserte, weil die »Stormtrooper in Love«-Story so anrührend war, dachte man sich: Das kann was werden!
Wurde es nicht. Oder doch – anders.
»Wir waren auf dem South By Southwest Festival und merkten, wie die Band langsam in die Brüche ging«, erinnert sich Alissa Ricci, die coole Keyboarderin des Trios. »Wir diskutierten viel über die Dinge, die wir wollten, und merkten, dass wir nicht auf einen Nenner kamen. Also ließen wir es gut sein.« Sänger Nate Eiesland ergänzt: »Das war schon schade. Wir haben uns zehn Jahre lang den Arsch aufgerissen für die Band – und dann das.«

Traurig und aufgekratzt

Man hätte natürlich den Kopf in den Sand stecken können. Trauern. Ein akustisches Mir-geht’s-so-mies-und-meine-Freunde-haben-mich-verraten-Album aufnehmen können. Oder man wählt den Weg, den On An On schließlich eingeschlagen haben. Alissa dazu: »Wir waren traurig und aufgekratzt zugleich, weil wir drei schnell feststellten, dass wir weitermachen wollen. Also sagten wir uns: Scheiß drauf! Wir gehen trotzdem ins Studio!« Damit nennt sie gleich zwei Adjektive, die man wohl in vielen Album-Besprechungen lesen wird: »Give In« ist in der Tat ein herrlich aufgekratztes und wunderbar trauriges Debüt geworden. Und der Bandname – abgeleitet von »The show must go On An On«? Ein lautes Lachen als Antwort, bevor Nate gesteht: »Der Aspekt des Weitermachens findet sich darin natürlich wieder, aber den Kalauer haben wir uns verkniffen.«

»Ghosts«, das schwungvolle Eröffnungsstück über die bösen Geister der Vergangenheit und die erste Single, trägt schon alles, was diese Band ausmacht, in sich. Es beginnt mit hallendem Gitarrenwabern. Dann setzt ein Beat ein, das Schlagzeug pocht, erst dezent, dann mit Wumms, die Gitarren schrammeln, wie man es von gutem Shoegaze kennt. Nates melancholische Stimme verkündet leicht effektverfremdet: »There are spirits coming to find me / They’re not stopping until it’s done / I can feel them taking me over.« Nach fünfzig Sekunden ist die Band schließlich von allen bösen Geistern verlassen und von allen guten beseelt. Das hochtönige Jaulen, das sich über einen passgenau gesetzten Break erhebt, lässt einen selbst am Schreibtisch die Arme in die Luft reißen. Es wundert nicht, dass dieser Song mal eben die MP3-Blogs eroberte. »Unser Manager hat uns nachts angerufen und gesagt, dass wir bei Hype Machine auf Platz eins stehen«, erzählt Alissa. »Wir haben uns fast in die Hosen gemacht vor Aufregung.«

Der gute Karrierestart ist nicht nur der trotzig euphorischen Stimmung innerhalb der Band zu verdanken – auch Produzent Dave Newfeld hat seinen Anteil daran. »Er hat von Anfang an sehr cool reagiert, als wir ihn anriefen und stammelten, dass wir nur zu dritt kämen, dafür aber als neue Band«, erinnert sich Alissa. »Er war unser Dealer. Er hat dafür gesorgt, dass wir die ganze Zeit nicht runterkommen von diesem Hochgefühl des Aufbruchs.«

Das erklärt auch einen Song wie »The Hunter«, der klingt, als hätte man am Mischpult »Einmal alles, bitte!« geordert. »So ungefähr war es auch«, freut sich Nate über die Beschreibung. »Wir drei hatten eine sehr genaue Vorstellung davon, was wir erreichen, aber nicht unbedingt, wie wir dabei klingen wollen. Es ging uns darum, diese seltsame Stimmung einzufangen, die Verletzlichkeit, die Neugierde, die kleinen Fehler. Deshalb haben wir wie kleine Kinder alles ausprobiert, was uns und Dave so einfiel.« Newfeld habee ein paar sehr interessante Tricks auf Lager gehabt, führt er weiter aus. »Er erzählte uns, dass ihm vor Jahren jemand verraten habe, wie man einen sehr interessanten Drum-Sound aufnehmen kann, wenn man die Mikrofone ein paar Zentimeter von der Studiowand entfernt positioniert und sie auf die Wand ausrichtet. Man nimmt quasi die Reflexion auf – was wirklich einen interessanten Effekt hat.«



Wie wohl sich Nate Eiesland, Alissa Ricci und Ryne Estwing als Trio fühlen, zeigte sich auch beim Auftritt im FluxBau am Ufer der Spree am Vorabend unseres Gesprächs. Für die drei war es laut Nate »die beste Show, die wir bisher gespielt haben« – was solch nette Menschen wohl aber in jeder Stadt erzählen. Er schwärmt noch ein wenig weiter: »Eine tolle Location, so dicht am Wasser. Und dann diese hässliche O2 World am anderen Ufer. Aber hey, da wollen wir hin! Das ist unser Ziel! Eines Tages werden wir dort spielen – im Vorprogramm von Justin Bieber!«

Ironie ist auf Papier ja immer schwer zu vermitteln – aber hier merkt hoffentlich jeder, wie das gemeint war.